Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Es war große Fußballkunst, die in München geboten wurde. Uli »rote Birne« Hoeneß ramenterte fassungslos: »Das gibt es doch nicht!« Aber Jürgen Klinsmann macht es möglich. Seit er das Regiment übernommen hat, wünscht sich jeder Hitzfeld zurück, denn es klappt nicht viel. 2:5 gegen Bremen, 0:1 gegen Hannover. Nach zwei Pleiten wollte man zu Hause gegen Bochum wieder alles gut machen. Keine unlösbare Aufgabe, sollte man meinen, aber unter Klinsmann laufen die Uhren anders. Zunächst schien die Sache wie am Schnürchen zu laufen. 3:1 stand es bis kurz vor Abpfiff, aber dann nahm Klinsmann mit Ze Roberto den besten Mann vom Platz und Bochum glich innerhalb von nur zwei Minuten aus. Kein schlechtes Händchen für einen derartig hochgelobten Heilsbringer, der jetzt den schlechtesten Saison-Start seit 31 Jahren auf dem Kerbholz hat. Noch wird Klinsmann nicht demontiert, denn er war schlichtweg zu teuer, um ihn einfach in den Wind zu schießen, dabei hätte man wissen können, wen man sich mit Klinsmann holt, denn er hatte seine beste Zeit bei den Bayern, als er nach einer Auswechslung in die Tonne trat. Vielleicht ist das seine Rache. Erstmal jedoch nimmt Hoeneß sich die Stars vor: »Der eine oder andere, der hier reinkommt, muß sich fragen, ob er die Leistung bringt, für die er bezahlt wird.« Das ist das Schöne am Leistungsprinzip: Leistung ist nicht abrufbar wie der Kontostand, denn da spielt der subjektive Faktor eine Rolle, und der ist von ein paar mehr Faktoren abhängig und funktioniert nicht auf Knopfdruck. Werbefuzzi Beckenbauer bemängelt die nicht vorhandene »Hierarchie«, weil es früher eine gegeben hat und weil er das Alphamännchen spielen durfte. Und warum soll das, was in den Siebzigern gut war, heute schlecht sein? Dagegen steht Klinsmanns »Prinzip Buddha«, d.h. Gelassenheit und Erleuchtung, aber weder mit dem einen noch mit dem anderen läßt sich gut Fußball spielen, sondern höchstens eine Niederlage schön reden. Auch übertriebener Ehrgeiz hat noch keinen Spieler tatsächlich weiter gebracht. Das konnte man am Donnerstag in der magischen Nacht von Udine wieder beobachten, als im Uefa-Cup die Dortmunder, auf die niemand auch nur einen Pfifferling gegeben hatte, einen 2:0-Rückstand aus dem Hinspiel egalisierten und erst im Elfmeterschießen scheiterten. Nur Weidenfeller fiel mit einer fiesen Boxeinlage gegen einen heranstürmenden Italiener unangenehm auf. Und obwohl er so sagenhaft einsichtsresistent ist, daß er selbst nach der Zeitlupe immer noch behauptet, die gegen den Kopf donnernden Fäuste wären eine Abwehrbewegung gewesen, will die Dortmunder Führung den Vertrag dieses Vollidioten mit der häßlichen Fratze eines Magengeschwürs weiter verlängern, weil man laut Zorc, der auch nicht gerade mit Menschenkenntnis gesegnet ist, einen Mann mit »Emotionen« braucht. Jetzt bin ich schon wieder bei Dortmund gelandet. Wie konnte das passieren? Vielleicht weil ich immer noch unter dem Eindruck dieses grandiosen Spiels gegen Udinese Calcio stehe, ein zwar kurzer Ausflug in die internationalen Gefilde, aber einer, den kein Schwarzgelber so schnell vergessen wird. Dagegen kann leider auch nicht die 4:1-Niederlage der Bremer in Stuttgart mithalten, und auch nicht das unverdiente 1:0 der Hertha in Leverkusen, von dem Bayer-Trainer Labbadia völlig zu Recht sagte: »Es ist bitter für den Fußball, wenn am Ende eine solch destruktive Spielweise gewinnt.«