Archiv für den Monat: Januar 2020

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Immerhin mit vier Siegen in Folge kam der Kölner FC nach Dortmund, also mit genügend Selbstbewusstsein, um nicht vor den Dortmundern automatisch in Ehrfurcht zu erstarren, die eine Woche zuvor wieder eindrücklich unter Beweis gestellt haben, wie sehr eine engagierte und Pressing spielende Offensive die schwarzgelbe Hintermannschaft in Bedrängnis bringen kann. Daran änderte sich auch nichts als es bereits nach 50 Sekunden 1:0 für Dortmund stand nach Vorbereitung durch Sancho und Schuss von Guerreiro. Köln ließ sich dadurch nicht beeindrucken. Warum auch? Hatten die Dortmunder doch schon häufig gezeigt, dass eine Führung Gift für den weiteren Spielverlauf ist, weil man automatisch einen Gang zurückschaltet und den Gegner kommen lässt, in der Hoffnung, dass sich vorne Räume öffnen, die man dann in der Regel aber nicht zu nutzen weiß, weil man hinten zu sehr auf Ballsicherung bedacht ist. Diesmal aber schienen die Dortmunder aus den vergangenen Spielen gelernt zu haben, auch wenn die Abwehr nicht immer den stabilsten Eindruck machte, einmal ein Kölner ganz frei vor dem Strafraum angespielt werden konnte und Hummels als letzten Mann ausrutschte, zugleich aber machten die Dortmunder ihrerseits Druck. Hummels köpfte mit Gewalt an die Latte und Reus vergab wieder eine Großchance, bevor er dann nach einem langen präzisen Pass von Hummels den Kölner Torwart Horn zum 2:0 tunnelte. Aber dann kam die gefürchtete 2. Halbzeit, und die Erfahrung lehrt einem, dass selbst eine 3:0 oder 4:0-Führung nicht unbedingt reichen. Aber es gab keinen unerklärlichen Einbruch, vielleicht auch deshalb, weil Köln nach einem weiteren Tor durch Sancho in der 48. Minute nicht mehr so richtig an eine Wende glaubten. Auch nicht nach dem Anschlusstreffer, denn dann kam die neue Geheimwaffe der Dortmunder ins Spiel. Und Haaland war kaum im Spiel, als er auch schon Timo Horn prüfte. Es dauerte dann doch etwas länger als im letzten Spiel, bis Haaland traf, und auch nur zweimal statt dreimal wie zuletzt, was Bürki mit trockenem Humor kommentierte, denn würde Haaland so weiter machen, würde ihm im nächsten Spiel gegen Union nur noch ein Treffer gelingen und gegen stärkere Gegner gar keiner mehr. Man versucht zwar, den Hype um Haaland etwas zu bremsen, aber dass er mit seiner Präsenz und seiner Körpersprache etwas bewirkt, ist unübersehbar. Er muss erst noch behutsam aufgebaut werden, wenn zuletzt in Salzburg war er häufig verletzt, was man als Indiz werten kann, dass sein Körper nicht für die extreme Belastung der Bundesliga geeignet ist. Aber es würde auch reichen, wenn er in den letzten zwanzig Minuten immer ein paar Tore macht. Die Bayern sind wieder die alten und servierten ein völlig überfordertes Schalke mit 5:0 ab. Sie sitzen jetzt den Leipzigern im Nacken, die in Frankfurt trotz Überlegenheit mit 2:0 verloren, weil sie es in der 1. Halbzeit versäumten Tore zu machen. Und auch Gladbach quälte sich zu einem Sieg über Mainz, was alles auf ein humorloses Durchmarschieren der Bayern hindeutet. Wenn sich dann am nächsten Spieltag Leipzig und Gladbach gegenseitig die Punkte abnehmen, dürfte die alte Hackordnung wieder hergestellt sein, dann könnte es wieder so langweilig werden wie eh und je.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Manager und Vorsitzenden der Bundesligavereine sehen wieder »Licht am Ende des Tunnels«, als ob sie eine lange, düstere und nicht enden wollende Nacht der Verzweiflung hinter sich hätten, was wahrscheinlich tatsächlich der Fall ist, weil sie der Branche »den Hals nicht voll kriegen können« angehören. Netflix und amazon sind in den Bieterwettbewerb um die Fußballübertragungsrechte eingestiegen, d.h. auch über die Bundesliga wird vielleicht schon in der kommenden Saison ein Geldregen niedergehen, und bald können die Menschen virtuell und dreidimensional mitten auf dem Platz stehen und den Profis zugucken. Aber was dieser neuen Erlebniswelt fehlen wird, ist der Charme eines kleinen Schwarzweißbildfernsehers, der mit grisseliger Qualität und kaum zu erkennendem Ball und mit fachlichen Hinweisen von Ernst Huberty den 2:1-Sieg Borussia Dortmunds gegen Liverpool im Finale des Europacups der Pokalsieger aus dem Glasgower Hampden Park übertrug. Der Versuch nämlich, eine immer perfektere Erlebniswelt herzustellen, wird auf immer empathielosere Menschen treffen, die in der digitalen Welt erzeugt werden. Demgegenüber sind solche Spiele wie des BVB in Augsburg völlig bedeutungslos, auf einen bloßen Nachrichtenwert geschrumpft. Und vor allem muss dem Zuschauer immer energischer eingetrichtert werden, wie bedeutend solche Spiele sind, während sich das eigentlich Bedeutsame im Hintergrund abspielt, wo über die Tiefe des Abgrunds zwischen den Happy Few und den Loosern verhandelt wird. Als ob das alles nichts wäre, knüpfte Dortmund nahtlos an seiner Leistung im letzten Spiel der Vorrunde gegen Hoffenheim an, als man es trotz haushoher Überlegenheit schaffte, irgendwann einfach das Spiel aus der Hand zu geben und mit 2:1 zu verlieren. Und Augsburg versteckte sich nicht, presste und rannte und brachte die Dortmunder in Schwierigkeiten, die sich immer wieder katastrophale Abspielfehler erlaubten, während Reus die für ihn herausgespielten Chancen mit absoluter Verlässlichkeit vergab. Eine ziemlich frustrierende Vorstellung, vor allem, weil Augsburg direkt nach der Pause durch einen Glücksschuss die Führung weiter ausbaute und nach dem Anschlusstreffer durch Brandt mit einem weiteren Tor den alten Abstand wieder herstellte. Aber dann kam der Heilsbringer und Erlöser der schmerzgeplagten Dortmunder Fanseele auf den Platz, ein blonder, nordischer Hüne mit einer Frisur, wie man sie aus Nazifilmen kennt, der wie ein Panzer die Augsburger Abwehr überrollte. So könnte man das auf Breitleinwand und Dolby-Surround inszenieren, aber eigentlich lag es einfach am Systemwechsel, den Favre vorzunehmen gezwungen war. Er musste schlichtweg offensiver spielen lassen, wenn er noch etwas erreichen wollte, während der Coach Augsburgs Martin Schmidt es einfach versäumte, darauf zu reagieren und seine Mannschaft einfach so weitersspielen ließ wie vorher. Statt den Riegel zu verstärken und sich einzuigeln, spielten die Augsburger weiterhin hoch und boten dem schnellen Haaland jede Menge Platz, um sich zu entfalten. Plötzlich liefen die Augsburger in einen Konter nach dem anderen. Haaland machte es besser als der schließlich ausgewechselte Chancentod Reus und traf innerhalb von zwanzig Minuten gleich dreimal. Allerdings konnte man auf Slowmotion gut sehen, das er nicht mit Glück seine Tore schießt, sondern mit ungewöhnlicher Präzision. So kann es ruhig mal weitergehen. Wenn die Dortmunder jetzt noch ihr seltsames Phlegma ablegen könnten, das jedes Spiel zur riskanten Angelegenheit macht, dann könnte es nochmal spannend werden.