Archiv für den Monat: November 2019

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Vielleicht hätte ich es mir denken können, denn für einen abergläubischen Menschen, wie es ein Fußball-Fan nun mal ist, konnte nach einem so schönen Tag wie vor einer Woche nur ein herber Rückschlag kommen. Dafür allerdings sprachen auch noch andere Indizien, nämlich dass im deutschen Classico, der eigentlich gar keiner ist, weil weder Dortmund noch die Bayern in der Bundesliga gerade den Ton angeben, auf bayerischen Boden für die Dortmunder nichts zu holen ist. Noch mehr, dass sich das schon traditionelle Desaster immer weiter fortsetzt. Seit 2015 gab es ein 1:5, 1:4, 0:6, 0:5 und nun ein 0:4, und damit kam die Borussia noch gut davon. Zunächst sprach nicht unbedingt alles dafür, denn die besseren Erlebnisse in der letzten Zeit hatten die Dortmunder, die einen 0:2-Rückstand gegen Inter Mailand zur Pause noch in ein 3:2 umbogen, so dass man sogar versucht war, von einer weiteren magischen Nacht zu sprechen. Auch den bislang ungeschlagenen Wolfsburgern fügte man eine 3:0-Niederlage zu. Fast schon war man verführt, die Borussen im Aufwind zu wähnen, denn parallel dazu befanden sich die Bayern in einem ihrer seltenen Tiefs, als man in Frankfurt 5:1 unterging und diese Niederlage die Entlassung Kovacs zur Folge hatte. Aber wie Thomas Müller betonte: »Immer wieder herrlich, wenn die Dortmunder nach München kommen.« Die Dortmunder erwiesen sich als exzellenter Aufbaugegner für die Münchner, die, und das bleibt dann doch das Rätselhafte, plötzlich all das wieder zeigten, was sie vorher vermissen ließen, Laufbereitschaft, Zweikampfstärke, Kompaktheit, Ballsicherheit und ein Pressing, mit dem die Dortmunder nicht umgehen konnten. Zwar liefen die Dortmunder sogar mehr, aber das nur, weil sie dem Ball, der bei den Münchnern wie am Schnürchen lief, hinterherhetzen mussten. Den Zweikampf suchten die Dortmunder nicht. Julian Brandt ging da mit gutem Beispiel voran, denn sein Anlaufen hatte immer nur Alibifunktion, während Sancho von drei Bayern umringt war, kaum dass er den Ball hatte. Er war es auch, der das 1:0 durch Lewandowski einleitete, weshalb er dann auch als zu großes Risiko ausgewechselt wurde. Aber ohne seine Einfälle und seinen Esprit, blieben Götze, Hazard, Brandt und später auch die eingewechselten Reus und Alcacer völlig wirkungslos. Eine einzige torgefährliche Situation brachten die Dortmunder zustande, während es vor dem Dortmunder Tor ständig brannte. Nur Hummels wehrte sich, aber es passte zu diesem Abend, dass ihm dann noch das Eigentor zum 4:0 Endstand unterlief. Das die Bayern all das zeigten, was sie vorher vermissen ließen, hängt vielleicht damit zusammen, dass es für jeden Spieler gegen Dortmund eben um das Topspiel geht, also gegen den unmittelbaren Konkurrenten, während Dortmund als völlig verunsicherter Haufen erscheint, der jeglichen Glauben an sich verloren hat. In solchen Situationen gehen Rummenigge & Co. rigoros vor und entlassen den Trainer. Dortmund hingegen übt sich in Geduld, obwohl klar ist, dass Favre mit dem von Zorc geforderten »Männersport« nicht so viel anfangen kann. Er setzt auf die Techniker, die dem Zweikampf lieber aus dem Weg gehen, während Flick bei den Bayern Thiago und Couthino auf der Bank ließ, weil er wusste, dass sich mit ihnen, wenn es hart auf hart kommt, kein Staat machen lässt. Auch wenn »Männersport« an den alten ranzigen Begriff aus dem letzten Jahrhundert erinnert, letztlich beruht das Wesen des Spiels eben doch auf Kampf. Technik ist darüberhinaus das entscheidende Moment, wenn die Voraussetzung stimmt. Und diese Voraussetzung, quasi das Einmaleins des Fußballs, lassen die Dortmunder vermissen. Das Warum ist Psychologie, die in einem Mannschaftsgefüge ihre eigene Dynamik entwickelt, und um diese Dynamik zu steuern, die Spieler zu motivieren, ihnen den Glauben an sich einzupflanzen, ist Favre nicht der richtige Mann.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Endlich mal wieder ein Spieltag, der nicht wie früher im üblichen Einerlei schnell vergessen wird, denn die Bayern haben bei ihrer heftigen 5:1-Klatsche in Frankfurt bewiesen, dass nicht nur die Dortmunder Krise können. Was bei den Bayern los ist, weiß niemand so genau, denn vor nicht allzu langer Zeit haben sie in der CL den letztjährigen CL-Finalisten Tottenham mit 7:2 deklassiert. Danach aber folgten nur noch Rumpelspiele wie zuletzt das Pokalspiel gegen den Zweitligisten Bochum, das nur durch Glück und unverdient gewonnen wurde. Diese 5:1-Niederlage wird nicht nur das Ende von Kovac einläuten, der bei den Bossen sowieso immer nur als Notnagel begriffen wurde, sie könnte auch allen Bundesligavereinen signalisieren, dass Bayern eben auch nur mit Wasser kocht, d.h. andere Mannschaften gehen nicht mehr in ein Match mit der Haltung, hoffentlich wird es nicht so schlimm, sondern: gegen die Bayern kann man auch gewinnen, wenn man nur will. Darauf weist auch eine Aussage von Timo Werner hin: »Wenn jetzt schon Frankfurt die Bayern weghaut…«, ließ allerdings offen, was das heißen könnte. Es heißt in jedem Fall, dass sogar Leipzig Meister werden könnte, denn die haben gerade einen sensationellen Lauf, den die Mainzer über sich ergehen lassen mussten, denn sie gerieten gegen die Red-Bull-Truppe mit 8:0 unter die Räder. Im Vergleich dazu ist Dortmund gerade Mittelmaß. Gegen Wolfsburg traten sie zwar ohne Alcacer, Bürki, Sancho, Witsel, Delany und ab der 28. Minute auch ohne Reus an, aber die Restelf spielte auch nicht schlechter als die übliche Startelf, jedenfalls nicht in der ersten Halbzeit. Da hatte auch der glückliche 2:1-Sieg gegen Gladbach im Pokal nichts genutzt. Von Schwung keine Spur, sondern der übliche Ballbesitzfußball. Das änderte sich erst in der 2. Halbzeit, als Hazard freistehend von Hakimi angespielt werden konnte, weil sich kein Wolfsburger wirklich zuständig fühlte, und vom Sechzehner aus verwandelte. Kurz darauf war es Guerreiro, der auf 2:0 erhöhte. Danach hatte man nie das Gefühl, die Wolfsburger könnten zurückkommen, wie das noch bei den Remis-Spielen vorher der Fall war, als die Dortmunder krampfhaft bemüht waren, einen Sieg über die Linie zu schleppen, was regelmäßig mißlang, weil beim Gegner ein Wille vorhanden war. Den konnte man auch den in der Liga bislang ungeschlagenen Wolfsburgern zwar nicht unbedingt absprechen, aber sie waren einfach nicht in der Lage dazu, Druck zu erzeugen. Mönchengladbach ließ sich nicht von der letzten Niederlage gegen den BVB aus der Bahn werfen und gewann in Leverkusen mit 2:1, allerdings mit Hilfe einer ordentlichen Portion Glück, denn Leverkusen war in der 2. Hälfte bärenstark und hatte einige Möglichkeiten zumindest für ein Remis. Freiburg erwies sich auch in Bremen als Mannschaft des Last-Minute-Tores und erzwang sich gegen ebenfalls kämpferische Bremer ein 2:2. Im ersten Berliner Derby der Geschichte hatte Union die Nase vorn mit einem Elfmeter in der 87. Minute. Die Fans müssen allerdings noch üben. Die für ihr Proletentum bekannten Herthaner feuerten mit Leuchtmunition auf den Gegner, und die Zonen-Hooligans von Union ließen sich nach einem Ausbruchsversuch von ihren Rängen von ihren Spielern zurückscheuchen als wären sie unartige Jungs. Und das war schon fast irgendwie trollig. Jedenfalls hätte der Spieltag besser gar nicht verlaufen können.