Archiv für den Monat: Dezember 2018

Nachruf auf Wolfgang Pohrt

Der erste Auftritt Wolfgang Pohrts in der Öffentlichkeit war gleich ein Paukenschlag. Im Dezember 1980 veröffentlichte er im Spiegel einen Verriss des sehr erfolgreichen Buches „Wer soll das alles ändern“ des Mitbegründers von „Netzwerk Selbsthilfe“ Joseph Huber über die Alternativbewegung. Pohrt wies dem gutmeinenden Joseph Huber Gedankenlosigkeit, nazistische Implikationen, Stammtischgerede und Sachzwangjargon nach.
Die linksliberale Intelligenz reagierte sofort: Robert Jungk assoziierte beim „wüsten Anschlag“ Pohrts das „Attentat gegen John Lennon“, Rudolf Bahro bezeichnete Pohrt als „linken Reaktionär“ und Johano Strasser unterstellte ihm „neurotischen Vernichtungswillen“, was nicht wenig ist für einen Mann, der nur seine Schreibmaschine im Anschlag hat. Man wurde hellhörig, weil für jeden, der lesen konnte, die Polemik nicht nur beneidenswert gut geschrieben war, sondern Pohrt sich auch die Mühe machte, präzise zu begründen, was falsch und schief war an den Argumenten der Alternativen, der Friedensbewegung, der Grünen, der Linken und der Bürgerlichen.
Der 1945 geborene Pohrt hatte in Berlin und Frankfurt Soziologie, Politologie und Psychologie studiert und bei Adorno Vorlesungen besucht. Er hatte Marx, Hannah Arendt, Günther Anders, Horkheimer, Benjamin, Krahl, Ambler, Balzac u.a. gelesen und nahm sie nicht nur wie andere als Beleg zur Absicherung der eigenen Argumente, sondern wendete sie auch produktiv an. Er war zwar durch die Protestbewegung sozialisiert, aber er war weder für eine der K-Gruppen anfällig, noch für die Alternativbewegung. Vielmehr beobachtete er in den siebziger Jahren genau den Zerfallsprozess der 68er-Revolte und begann so genannte „Schubladentexte“ über die Kollateralschäden der Protestbewegung zu verfassen.
1980 beendete er eine ihn nur frustrierende Unikarriere und arbeitete stattdessen als freier Journalist und Vortragsreisender. Und das mit Erfolg, denn überall, wo er auftrat oder publizierte, blieben Proteste nicht aus.
In einem Interview sagte Pohrt einmal: „Die Leute sagen mir, was sie denken, und ich sage ihnen, warum es falsch ist.“ Das war keine Hybris, sondern sein Ansatz als Ideologiekritiker, als den sich Pohrt in den achtziger Jahren begriff. Da sich aber niemand gern Denkfehler nachweisen ließ, gehörte Pohrt zusammen mit Eike Geisel und Christian Schultz-Gerstein bald zu den meist gehassten Kritikern in der Republik.
Als im Oktober 1981 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen die NATO demonstrierten, kritisierte Pohrt als erster die Friedensbewegung in der taz und in der Zeit (Konkret hatte abgelehnt) als „nationale Erweckungsbewegung“ und erinnerte daran, dass der allseits verhasste US-amerikanische „Kulturimperialismus“ in Deutschland „nicht die Barbarei, sondern die Zivilisation“ gebracht habe. Er spitzte dieses Argument mit der lustigen Bemerkung zu, die damals in der kulinarischen Einöde Deutschlands durchaus plausibel war: „In diesem Land ist jede weitere Filiale der McDonald-Hamburger-Kette eine neue Insel der Gastfreundschaft und eine erfreuliche Bereicherung der Eßkultur.“ Zeit und taz wurden mit empörten Leserbriefen bombardiert, was zumindest der Zeit eine Lehre war, denn Pohrt war dieser Publikationsort von nun an verschlossen. Und auch wenn Josef Joffe, André Glucksmann, Henryk Broder, Dietmar Dath, Hans Magnus Enzensberger oder auch Sophie Rois, Eckhard Henscheid und Wiglaf Droste sich hier und da von Pohrts Arbeiten begeistert zeigten, war er für den linken Mainstream ein rotes Tuch, da er nicht aufhörte, schon frühzeitig den linken Antisemitismus und die nationale Identität zu zerpflücken und sich in die großen Kulturbetriebsdebatten einzumischen. Pohrt hat wie kein anderer „Erhellendes über das KZ-Universum geschrieben“ (Lothar Baier), er legte die Motive der RAF und ihrer Anhänger genauso offen wie er für eine Amnestie der Gefangenen eintrat, er machte sich über Sloterdijks „Schrebergärtnerphilosophie“ lustig, bezeichnete die Hausbesetzerbewegung als „Rebellion der Heinzelmännchen“ und verfolgte den Weg des Kursbuch in „die neudeutsche Klebrigkeit“. Er fällte ebenso lustige wie vernichtende Urteile über die deutschen Großschriftsteller und schrieb gleichzeitig grandiose Essays über Balzac und die Figur des modernen Flüchtlings bei Eric Ambler.
1989 schließlich verkündete er die „Geschäftsaufgabe als Ideologiekritiker“, weil er einsehen musste, dass man „in der BRD in eine Phase eingetreten war, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewusstsein überhaupt gibt.“ Die Republikaner waren ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen und Pohrt verlor die Lust, den Kulturbetrieb weiterhin mit Feuilletons zu beliefern. Im Auftrag Jan Philipp Reemtsmas machte sich Pohrt für das Hamburger Institut an die soziologische Erforschung des Massenbewusstseins der Deutschen mit dem methodischen Handwerkszeug, das Adorno und Horkheimer in „The Authoritarian Personality“ verwendet hatten. Er traute den autoritär strukturierten Deutschen einiges zu, und wie sich in Rostock-Lichtenhagen zeigte, hatte er auch da recht. In den Neunzigern publizierte Pohrt fast nur noch in Konkret, verabschiedete sich aber nach dem für ihn enttäuschend verlaufenen Konkret-Kongress 1993 immer mehr von der Linken und ihren Debatten, hielt sich mit wissenschaftlichen Jobs über Wasser und verstummte 2004 nach dem Tod seiner Frau ganz. Erst 2011 meldete er sich noch einmal mit zwei schmalen Diskussionsbändchen „Kapitalismus Forever“ und „Das allerletzte Gefecht“ zu Wort, die noch einmal erregte Kommentare auslösten und mit denen er seine letzten Anhänger ratlos zurückließ, was auch immer sein erklärte Absicht war. 2014 schließlich zog er sich nach einem Schlaganfall ganz zurück, an dessen Folgen er am Freitag gestorben ist.

Nachruf auf F.W. Bernstein

Sein bekanntestes Sprichwort, das mittlerweile in den Sprachschatz der Deutschen eingegangen ist und zum geflügelten Wort wurde – »Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche« – wurde Zeit seines Lebens meistens seinem Kollegen Robert Gernhardt oder anderen zugeordnet. Und dies war symptomatisch für das Leben des zurückhaltenden, höflichen, sich nie vordrängelnden Dichters und Zeichners Fritz Weigle, der besser bekannt war unter seinem nome de plume F.W. Bernstein.
Und auch die Episode, die Harry Rowohlt immer wieder gerne erzählte, passt ganz gut zu Bernstein, denn sie beleuchtet seinen hintergründigen, ja dezenten Witz, der nicht auf einen Brüll-Effekt hin ausgerichtet war. Gernhardt jedenfalls habe sich eines Tages darüber beschwert, dass er (Gernhardt) ihn (Bernstein) ständig erwähne, er (Bernstein) ihn (Gernhardt) jedoch nie, worauf Bernstein erwiderte, er (Gernhardt) solle doch sein (Bernsteins) Opus Magnum abwarten, »Der Erwähnte«.
Der 1938 geborene Fritz Weigle studierte an der Stuttgarter Kunstakademie, wo er Robert Gernhardt kennenlernte. Bald schon gingen die beiden nach Berlin, wo er an der Hochschule der Künste seinen Abschluss machte. 1966 begann er seine pädagogische Karriere als Kunsterzieher an verschiedenen Schulen, bis er in Berlin an seiner alten Ausbildungsstätte 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Karikatur und Bildgeschichte war. Mitte der Sechziger war er Mitbegründer einer Gruppe, die unter dem Namen »Neue Frankfurter Schule« Satiregeschichte schreiben sollte. Seine Mitstreiter waren der erwähnte Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler, die fast alle berühmter und erfolgreicher wurden als F.W. Bernstein, dessen flüchtiger Antikunst-Stil beim großen Publikum nie markttauglich war.
Und erwähnt werden muss auch, dass er in den frühen Sechzigern das damals tonangebende Satiremagazin »Pardon« mitgestaltete, daß er beteiligt war an dem legendären Büchlein »Die Wahrheit über Arnold Hau« und zusammen mit Robert Gernhardt und Friedrich Karl Waechter »WimS – Welt im Spiegel« machte.
Bernstein hat von diesem frühen Ruhm nie sonderlich viel abbekommen, dennoch blieb er selbst als großer Außenseiter der Altmeister der Karikatur, ein genialer Kritzler, der mal so eben schnell nebenbei Hintuscher, der »König der Zeichner« und der Künstler, über den Bernd Rauschenbach einmal sagte: »Er ist der abwechslungsreichste, experimentierfreudigste, detailversessenste, wurschtigste, klügste, farbempfindsamste, rücksichtsloseste, höflichste, gewaltsamste, produktivste, innovativste, traditionsbewußteste, bescheidenste, realistischste, literarischste, nuancenreichste, musikalischste, schwungvollste, überraschendste, wagemutigste Zeichner, den ich kenne.«
Und so ist es. Obwohl das mit dem »gewaltsamsten« wäre schon interessant gewesen. Eine bislang verkannte Seite von F.W. Bernstein? Bernstein als Terminator unter den Zeichnern? Rauschenbach hat allerdings einen Superlativ vergessen, und zwar war F.W. Bernstein einer der Unterschätztesten, denn zweifellos hat er sich auf dem Gebiet des Zeichnens, Malens, des Dichtens und des Humors mehr Meriten erworben als Künstler, die mit irgendwelchen kitschigen Großplastiken Millionen verdienen. Aber ein Vergleich mit solchen Leuten verbietet sich auf der Stelle, denn das Gewese und Getue, eitle Gespreize und aufgeregte Schnattern lag F.W. Bernstein immer fern.
Bernstein hat nicht mehr zählbare Ausstellungen und Bücher gemacht, Beiträge zu anderen Büchern oder in Zeitschriften geschrieben und gemalt, er hat vorgelesen, wurde mit Preisen geehrt, und keiner hat es wohl mehr verdient als er, der auch eine umfangreiche Korrespondenz auf Postkarten pflegte mit einem Gruß, einem Gedicht und einer Zeichnung, Originale, die er verschwenderisch an alle Freunde zu verschicken pflegte und die allein schon ein Opus Magnum ergeben würden. Jetzt ist er am 20. Dezember nach einer langen Krankheit verstorben.
Wir sollten uns sein Vermächtnis zu Herzen nehmen, das in seinem Gedicht »Lest, Verdammte dieser Erde« formulierte: »Lest Gedichte, lest, ich werde / Euch gleich sang wozu. / Weil wir Dichter wie die Sterne / lärmen, reimen wir so gerne / gehm wir keine Ruh /Dubidubiduuu.«

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Nachdem es die Dortmunder in Düsseldorf erwischt hatte und sie ihre erste Niederlage hinnehmen mussten, ging mir wieder die Szene aus »Farewell my lovely« durch den Kopf, als Mitchum alias Philipp Marlowe mit seinem Zeitungshändler und Freund wettet, wie lange die unglaubliche Siegesserie von Joe DiMaggio noch anhalten würde, die ihm die Gunst sogar von Marylin Monroe einbrachte. Während des ganzen Films eilt DiMaggio von Sieg zu Sieg, aber als der Fall gelöst war, schnappt sich Marlow nach einem anstrengenden Tag eine herumliegende Zeitung und erfährt von der ersten Niederlage seines Helden, ausgerechnet gegen zwei mittelmäßige Spieler, wie man aus dem Off erfährt. Und genau das denke ich auch immer, wenn es gegen solche Gegner wie Düsseldorf geht, bei denen sich fast jede Mannschaft bedient, und dann kommt einmal ein vernünftiger, attraktiver, glamouröser Gegner vorbei und schon geben alle Spieler 200 Prozent, als ob es um ihr Leben ginge, denn das ist es schließlich, das sie ihren Enkeln mal erzählen können, dass sie gegen den großen BVB gewonnen haben. Gegen Gladbach musste man sich hingegen weniger Sorgen machen, denn bei denen ging es nur darum, vielleicht auf drei Punkte an die Dortmunder heranzukommen, d.h. sie konnten sich nicht hinten reinstellen und sich vorne auf eine schnelle Spitze und eine schlafmützige BVB-Innenverteidigung verlassen. Leider wurde das Spiel weit weniger attraktiv als gedacht, vielleicht weil beide Mannschaften doch ziemlich ersatzgeschwächt in das Spiel gingen, weil beide Spielsysteme auf kontrollierte Offensive setzten, und natürlich auf Ballbesitz. Wie der Gladbach-Trainer Hecking am Ende durchaus richtig sagte, der Unterschied bestand darin, dass Gladbach mehr Fehler machte und Dortmund daraus resultierend mehr Möglichkeiten besaß, wie Reus in der 20. Minute nach einer genialen Kombination, der an Sommer scheiterte, den er aber hätte machen müssen. Dafür war es wieder einmal Sancho, bei dem es aussah, als würde er ausgerechnet in aussichtsreicher Situation das Spiel verzögern, so dass sich die Gladbacher wieder ordnen konnten, aber selbst das scheint ihn nicht aufzuhalten. Eine Finte, ein schneller Antritt und aus spitzem Winkel das überraschende 1:0. Dieser Mann ist so gut, dass er nicht mehr lange beim BVB spielen wird, und das ist schade. Merkwürdig hingegen der Formverfall von Pulisic, dem nichts mehr zu gelingen scheint. Jedenfalls ist es nicht gut, wenn die Leistung einer Mannschaft so stark von einer Person abhängt. Und sie tut das viel mehr von Sancho als von Reus, den viele für den Spieler den Hinrunde halten, aber Reus bleibt wie ein normal Sterblicher immer wieder hängen, versiebt Chancen und ist jetzt nicht wirklich so schnell, dass gegnerische Spieler nicht mitkommen würden. Das ist zwar eine Klage auf hohem Niveau, aber Sancho vollbringt Dinge, denen man auch bei näherem Hinsehen nicht auf die Schliche kommt, dabei ist er schnell und kann Gegner auf sich ziehen und sie wie Statisten stehen lassen, als würde er zur Familie der Incredibles gehören. Erst an ihm sieht man, wie schlicht die anderen spielen, wie weit selbst ein Schmelzer oder Pisczcek dahinter zurückbleiben, selbst wenn sie einen guten Tag haben. Allerdings scheint die Zeit von Schmelzer tatsächlich abgelaufen zu sein, denn Hakimi ist in seinen Vorstößen um einiges gefährlicher und rennt nicht nur mit dem Ball nach vorne, nur um beim ersten Gegner abzustoppen und den Ball wieder zurückzuspielen. Leider ist Hakimi von Madrid nur ausgeliehen und wird bei seinen Leistungen wohl kaum loszueisen sein. Und was macht Frankfurt? Schon wieder verloren. Diesmal auch noch gegen Bayern. Wenn das mal keine Wettbewerbsverzerrung ist. Die Eintracht sollte dringend seinen Trainer entlassen.

LSD-Kapitalismus

Das Buch mit dem Titel »Kanaillenkapitalismus«, der Beschimpfung, Anklage und Kampfansage anklingen lässt, ist ein Werk, das sich nicht so ohne weiteres dem Leser erschließt, denn schon im Prolog des spanischen Soziologen César Rendueles erfährt man zwar viele interessante Dinge, aber wie sich diese in der eher assoziativen Vorgehensweise des Autors einfügen lassen, wie er sein Buch gerne verstanden wissen will, worauf er hinaus will, was seine These ist, all das also, was man vom Autor in der Vorbemerkung erwartet, wird man nicht wirklich finden. Stattdessen die im Hintergrund mitschwingende Ansage, dass eine ausgefeilte theoretische Kritik am Kasinokapitalismus nutzlos ist, wenn wir uns nicht von der uns »lähmenden Unterwürfigkeit befreien«. Vielleicht weil die Bedingung der Nützlichkeit nur unzureichend gegeben ist, wendet er sich einer Art Experiment zu, nämlich »mit Fragmenten der Fiktion die Spuren realer Prozesse zu rekonstruieren, die sich im LSD-Rausch des zeitgenössischen Kapitalismus verflüchtigt haben«. Aber nicht nur die Wortwahl (Fragmente, Spuren, verflüchtigen) weist darauf hin, dass hier etwas verhandelt wird, das alles andere als gesicherte Erkenntnis ist, auch die Interpretation der benutzten literarischen Texte ist »rein subjektiv« und die autobiografischen Fakten spiegeln laut Autor nur das wider, was sich in seinem Kopf zugetragen hat. Damit zumindest gaukelt der Autor mit Sicherheit nichts vor, was er möglicherweise nicht einhalten könnte, und tatsächlich bleibt manchmal unklar, wie sich seine autobiografischen Anekdoten in die »fiktive Chronik der politischen Dilemmata unserer Zeit« einfügen lassen.
Dennoch ist sein Ansatz, wie sich in Romanen, Lyrik und Theaterstücken – wenngleich die Auswahl willkürlich und subjektiv ist – die kapitalistische Evolution widerspiegelt, nicht nur aufschlussreich und spannend, sondern man entdeckt immer wieder verstreut umherliegende Kleinode der Erkenntnis, und das ist manchmal ja vielversprechender als eine kohärente Theorie. Rendueles versteht es immer wieder, den Blick auf brisante und unerwartete Zusammenhänge zu lenken, wobei er nie den geringsten Zweifel daran aufkommen lässt, dass er leidenschaftlich einen Kapitalismus ablehnt, der in all seinen diversen Ausformungen Elend und Mord hervorgerufen hat, verantwortet häufig von Herrschenden, die sich nicht nur von Habgier und Macht leiten ließen, sondern die mit einem gewissen historischen Abstand nur als schwachsinnig eingestuft werden konnten.
Das klassische und gut dokumentierte Beispiel ist Leopold II., dessen Herrschaft mehr als zehn Millionen Kongolesen das Leben kostete, weil die imperialen Mächte 1884 auf der Berliner Konferenz Afrika unter sich aufteilten und der Freistaat Kongo als persönliches Eigentum des belgischen Königs anerkannt wurde. Und die zunächst harmlose Anekdote von einem schottischen Tierarzt, der für das Dreirad seines Sohnes luftgefüllte Gummischläuche erfand, damit das Gefährt nicht so einen Krach machte, ebnete den Weg in die Katastrophe. Der Name des Erfinders war John Dunlop und seine Schläuche lösten einen Kautschukboom aus mit dramatischen Folgen für Millionen Menschen nicht nur im Kongo, wo Leopold II das Land in eine Monokultur verwandelte, und das auf äußerst brutale Weise. Die Saturday Review berichtete damals unter Berufung auf Augenzeugen von einem »System der Peinigung« und davon, wie ein »gewisser Kapitän Rom … seine Blumenbeete mit Köpfen ermordeter und enthaupteter Eingeborener zu schmücken pflegte«. Für den polnischen Schiffskapitän Józef Korzeniowski war das nichts Neues, denn er hatte zehn Jahre zuvor bei einem auf die Förderung von Kautschuk und Elfenbein spezialisierten Unternehmen angeheuert. Acht Monate lang war er mit einem Boot auf dem Kongo gefahren und im Urwald mit einer gespenstischen, irrealen Welt konfrontiert, die er dann unter dem Namen Joseph Conrad in dem Roman »Herz der Finsternis« beschrieb. Er machte in Europa eine Geisteshaltung aus, wie sie in Mr. Kurtz zum Ausdruck kam: »Rottet sie alle aus, die Tiere!«
Auf ähnliche Weise spürt Rendueles der Realität in Célines »Reise ans Ende der Nacht« nach, er lässt Ilja Ehrenburg in seinem Roman »Die ungewöhnlichen Abenteuer  des Julio Jurenito« die wachsende Unordnung in Europa erzählen, es tauchen Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« auf, Remarques »Im Westen nichts Neues« (es fehlt allerdings Amblers »Die Maske des Dimitrios«) und er geht der Frage nach, warum der unglaublich tröge Roman »On the road« von Jack Kerouac so großen Erfolg hatte. Auch Sue Townsends »Adrian Mole« kommt vor, der uns deshalb so komisch erscheint, weil er sich als Versager auf absurd lächerliche Weise den Anforderungen des im Thatcher-England gepflegten neoliberalen Lebensstils anzueignen versucht. Und hier wird vielleicht besonders deutlich, wie im Prozess der neoliberalen Globalisierung »99 Prozent von uns freiwillig die Kontrolle über unser Leben an Fanatikern abgetreten haben, die einer wahnhaften Wahrnehmung der sozialen Realität unterliegen«. Angesichts des Klimawandels und der Flüchtlingsströme fällt es einem schwer, dieser Diagnose zu widersprechen. Was große Literatur, die hier von Rendueles verhandelt wird, von den im üblichen Strickmuster fabrizierten Bestsellern unterscheidet, dass wir in ihr mehr oder weniger bewusst erkennen, was uns quält, weil sie beim Leser eine Saite zum Schwingen bringt, deren Klang wir so schnell nicht vergessen.

César Rendueles »Kanaillenkapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft«, aus dem Spanischen von Raul Zelik, Berlin, edition Suhrkamp 2018, 18,00 Euro

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

So wie die Werderaner im Westfalenstadion auftraten, kann man kaum glauben, dass sie nur 21 Punkte auf dem Konto haben, und auch nicht, dass sie zwar zuletzt gegen Düsseldorf gewannen, die fünf Spiele davor aber nicht. Sie traten nicht so auf, als ob sie einfach nur eine Niederlage verhindern wollten. Und waren dadurch für die schnellen Stürmer des BVB anfällig. Und es ging auch bald zur Sache, denn schon in der 11. Minute wurde Reus klar im Strafraum gefoult, aber der Schiedsrichter, der offensichtlich etwas gegen die Schwarzgelben hatte, winkte sofort ab. Zwar kann man ein Foul übersehen, selbst wenn man in unmittelbarer Nähe steht, aber wofür wurde dann der Videobeweis eingeführt? Bei der anschließenden Zeitlupe war für jeden ersichtlich, dass Klaassen Reus am Fuß erwischt hatte. Kurz darauf hatte Alcacer per Lupfer eine große Chance, aber wieder war es Klaassen, der den Ball noch von der Linie wegkratzte, sich dabei aber so verletzte, dass er kurze Zeit später vom Feld gehen musste. Der für ihn eingewechselte Möhwald beging auch gleich ein Foul an Reus. Der Freistoß war eine sehr lustige noch nie gesehene Variante, bei der Guerreiro den Freistoß zunächst antäuschte, so dass jeder dachte, Reus würde stattdessen schießen, während der zunächst ins Leere gelaufene Guerreiro umdrehte und den Freistoß nun doch ausführte, was die Bremer offensichtlich so verwirrte, dass niemand in den nun völlig verwaisten Strafraum mitlief, wo Alcacer per Kopfball zum 1:0 einnickte. Aber auch dieser Treffer sollte wegen Abseits nicht gegeben werden. Diesmal allerdings hatte der Videomann ein Einsehen und gab dem Schiedsrichter den richtigen Tipp. Ein schneller Angriff auf den anderen rollte auf die Werderaner Abwehr zu, die einige Chancen zwar vereiteln konnte, aber viele eben auch nicht, so dass der BVB viel mehr Tore hätten schießen müssen als die zwei, die am Ende an der Tafel standen. Und als der überragende Kruse mit einem Glücksschuss, der bei einem Könner wie ihm nicht wirklich ein Glückschuss war, auf 2:1 herankam, ließ einen der BVB bis zum Schluss bangen, ob nicht doch noch irgend ein krummes Ding reingehen würde. Retrospektiv sieht man zwar sofort, dass der Sieg der Dortmunder mehr als verdient war, aber bei einem so knappen Vorsprung muss man immer mit allem rechnen. Und auch wenn das wahrscheinlich alle auf dem Rasen wissen, gerieten die Dortmunder deshalb nicht in Hektik wie in der letzten Saison, sondern blieben cool und konzentriert bis zum Spielende. Bis zum Schluss setzten die Bremer die Dortmunder unter Druck, die sich immer wieder spielerisch befreiten und nicht einfach nur den Ball nach vorne bolzten. Der BVB hat wieder ein Zeichen gesetzt für das schöne Spiel. Schnelle, scharfe und direkte Pässe sind das Markenzeichen. Dafür stehen vor allem Reus, Sancho, der auch diesmal wieder eine Vorlage beisteuerte, und Alcacer, der bereits sein 11. Tor schoss, und auch Guerreiro sieht man an, dass er unbedingt wieder in die Startelf zurückkehren will. Es ist ein großer Genuss, dieser Elf zuzusehen, die jetzt 9 Punkte Vorsprung auf den 2. Gladbach hat, denn die »Fohlen« holten in Hoffenheim durch ein glückliches torloses Remis nur einen Punkt. Ins Westfalenstadion kehrte der an Bremen verkaufte Nuri Sahin zurück und wurde von der Südkurve wie ein verlorener Sohn gefeiert, und das war mal wieder ein schöner Moment für Nostalgiker wie mich.

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Reus kündigte vor dem Derby gegenüber den Fans Wiedergutmachung an, denn das letzte Aufeinandertreffen war ein Desaster, weil der BVB eine 4:0-Führung zur Halbzeit noch verspielte, als Naldo in der Nachspielzeit noch der Ausgleichstreffer gelang. Das war ein großer Knacks im Dortmunder Mannschaftsgefüge, der sich den ganzen Rest der unglückseligen letzten Saison hinzog. Die letzten fünf Derbys konnte der BVB nicht mehr gewinnen, aber diesmal standen die Chancen so gut wie selten nicht mehr, denn Schalke hatte zu Saisonbeginn nicht nur eine beeindruckende Serie von Niederlagen hingelegt, auch in der Folgezeit konnte man gerade mal vier Siege verbuchen, nicht viel für Teilnehmer der CL. Aber da man weiß, dass ein gewonnenes Derby jede vermurkste Saison retten kann, konnte man nicht im vornherein sicher sein, dass ein Sieg der Dortmunder glatt über die Bühne gehen würde. Und er ging auch nicht glatt über die Bühne, denn Tedesco setzte auf ein besonders fieses Mittel, um die Überlegenheit der Dortmunder zu brechen. Er setzte auf Kampf, Fouls, Übermotivation und Provozieren des Gegners. In diesem speziellen Fach fiel besonders Caligiuri auf, der nach dem ungerechtfertigten Ausgleich durch einen Elfer eine Rudelbildung auslöste mit Schubsern und Rangeleien, die er dazu nutzte, sich theatralisch fallen zu lassen. Und Burgstaller verletzte sich bei einer ebenso übermotivierten wie sinnlosen Grätsche, weil der Dortmunder eben viel zu schnell war, und auch die Gegenspieler von Sancho mussten eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen lassen, weil der kleine Engländer die Schalker auch zu zweit oder zu dritt immer wieder schlecht aussehen ließ. Die Dortmunder ließen sich nicht aus dem Konzept bringen, blieben ruhig und spielten ihre technische Überlegenheit aus, die allerdings häufig genug von der Schalker Robustheit unterbrochen wurde. Tedesco zog sogar trotz Kälte seine Jacke aus, um seinen Spielern zu signalisieren, dass sie noch einen Zacken zulegen sollten, was taktisch gesehen ein bisschen dürftig ist. Er erreichte durch diese Vorgaben an seine Mannschaft nur das brutale Einsteigen beispielsweise von Sané, der bei einer Ecke im Dortmunder Strafraum ohne die geringste Chance an den Ball zu kommen sich straflos in einer Spielertraube wuchtete und dabei Witsel so am Kopf traf, dass es an ein Wunder grenzte, dass der Belgier anschließend noch weiterspielen konnte. Wunderschön anzusehen waren nur die Dortmunder Aktionen, wie die, die zum 2:1 durch Sancho führte nach Doppelpass mit Guerreiro. Am Ende hätte Dortmund eigentlich ein, zwei Tore mehr schießen müssen, denn Reus vergab noch eine Riesenchance und Guerreiro traf nur den Pfosten. Dennoch war es keine Gala, weil nicht nur Schalke, sondern auch die anderen Bundesligamannschaften versuchen ihre technische Unterlegenheit durch defensive Härte zu kompensieren. Wichtig war der Sieg vor allem deshalb, um die Bayern, die gegen schwache Nürnberger 3:0 gewannen, auf Distanz zu halten. Zwei andere Verfolger hingegen ließen Federn, Leipzig ging in Freiburg gleich 3:0 unter, während leider auch die Eintracht mit seinem hochgelobten Sturm die zweite Niederlage hintereinander hinnehmen musste, und das ausgerechnet in Berlin, weil die Frankfurter zu spät aufdrehten und nach einem klaren Foul von Grujic an Jovic keinen Elfmeter zugesprochen bekamen.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Dass das Heimspiel der Dortmunder gegen Freiburg kein Selbstläufer werden würde, war zu erwarten, denn nicht nur fordern trotz großen Kaders die englischen Wochen ihren Tribut, auch versuchen die gegnerischen Trainer natürlich ein Rezept zu finden, um die Offensive der Dortmunder möglichst wirkungslos zu machen, weil nach diversen Spielen zu sehen war, dass die meisten Bundesligavereine auf diesem Niveau nicht mithalten können. Wenn sie das Spiel offen gestalten wollten, also selbst in die Offensive gehen wollten, dann konnte es hin und wieder sein, dass sie eine ordentliche Packung bekamen. Also verfiel der Freiburg-Trainer Streich auf die naheliegende Idee, mit einer Fünferkette die Räumen möglichst so eng zu machen, dass sie sich spielerisch nur schwer aushebeln ließ. Natürlich kommt unter solchen Voraussetzungen kein spannendes Spiel zustande. Und so war es auch an diesem Abend in Dortmunder Stadion, wo das Spiel fast ausschließlich in der Freiburger Hälfte stattfand, es also lediglich um die Frage ging, würde es den Dortmundern gelingen, den Riegel zu knacken, oder würden sie sich die Zähne daran ausbeißen, was erfahrungsgemäß nicht sonderlich attraktiv ist. Zudem war es merkwürdig still im Stadion, weil die Fans gegen die zunehmende Kommerzialisierung im Fußball protestierten, ein Kampf gegen Windmühlen, denn weder die Vereine noch dazn oder sky werden damit aufhören, aus der Leidenschaft für den Fußball pekuniär alles herauszupressen, was nur irgendwie geht. Trotz dieser Widrigkeiten, versuchten die Dortmunder, mit schnellen Kombinationen die Abwehr in Verlegenheit zu bringen, was ihnen hin und wieder auch tatsächlich gelang. Vor allem Sanchez ist kaum zu bremsen, und man fragt sich, wie es in so kurzer Zeit zu dieser Leistungsexplosion kommen konnte. Man kann jetzt schon sicher sein, dass alle großen europäischen Vereine ihn im Visier haben, denn er ist für jede Mannschaft ein großer Gewinn, weil er durch seine Dribbelkünste und seine Schnelligkeit in der Lage ist, zwei, ja sogar drei Mann auf sich zu ziehen, die dann natürlich woanders fehlen. Er hat einen sensationellen Überblick und seine Vorlagen sind klug und präzise. Er ist jetzt schon ein einzigartiges Talent, und wie es aussieht, auch ein Talent, dass mit seinen Gaben nur auf dem Spielfeld verschwenderisch umgeht, dem der plötzliche Reichtum nicht so zu Kopf steigt wie Dembele, der mit seinen Starallüren nicht einmal für Barcelona tragbar ist, wo man ihn gerne wieder los werden würde. Auch diesmal hatte der BVB Sancho das alles entscheidende Tor zu verdanken, wenngleich nur durch ein an ihn begangenes Foul im Strafraum. Reus verwandelte den Elfer und schuf dadurch eine knappe Führung, die nur einmal durch einen an die Latte klatschenden Freistoßschuss gefährdet war. Auch diesmal wurde Alcacer erst spät für Götze eingewechselt, und auch diesmal gelang ihm in der Nachspielzeit nach Vorlage von Pisczcek das 2:0. Obwohl er zumeist nur 20 Minuten auf dem Platz steht, führt er die Torschützenliste an. Bayern siegt nun auch wieder, aber der Unbesiegbarkeitsnimbus ist verloren gegangen. In Bremen spielte man die letzten zehn Minuten auf Zeit, um die 2:1-Führung irgendwie über die Runden zu kriegen, die sehr glücklich durch einen Abpraller zustande kam, während Sahin nicht schnell genug war, um die Flanke von Müller zu verhindern.