Archiv für den Monat: Oktober 2012

Der Traum vom großen Coup

Ein junger Kleinkrimineller, der aussieht wie der junge Rimbaud, aber nur Rambo kennt, ist auf der Suche nach dem großen Coup, ein Coup, der selbstverständlich nur daneben gehen kann. Ein Stoff, der bestimmt schon dramatischer und existentieller bearbeitet wurde, aber nicht mit dieser Lakonie und dieser Melancholie, die Andreas Niedermann in seinem kleinen Roman »Goldene Tage« aufscheinen läßt. Nick Drake liefert den Soundtrack dazu, und wenn man dessen trauriges »Way to blue« kennt und im Ohr hat, der weiß, daß der Leser nicht so einfach davonkommt.
Die »Goldenen Tage« spielen vor dem Hintergrund der Hausbesetzerbewegung und der Straßenschlachten Anfang der Achtziger, aber auch wenn Rimbaud am Rande dieser Szene lebt, er sympathisiert nicht mit ihr, er ist zu desillusioniert, um an der Euphorie und der Ideologie der Jugendlichen irgendetwas gut zu finden. Man könnte ihn als gefühlskalt bezeichnen, wenn man es als Leser nicht besser wüßte. Seine Gefühle behält Rimbaud lieber für sich. Er versucht die Beweggründe seines Handelns als eine Art Geschäft zu rationalisieren und seinen Plan durchzuziehen.
Der Schriftsteller Andreas, der nur noch für sich selbst schreibt und sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, gibt Rimbaud einen Tip, und der läßt nicht locker, bis er den großen Coup tatsächlich durchgezogen hat. Aber wie so oft, ist es nicht der Coup selbst, der Probleme macht und zum Verhängnis wird, sondern das Unvermögen des Täters, über den Coup hinaus einen Plan zu haben, weil es im Wesen des Kriminellen liegt, Verbrechen zu begehen, und nicht, nach einem gelungenen Coup in Rente zu gehen. Hier aber macht der Zufall Rimbaud einen dicken Strich durch die Rechnung, und dieser Zufall ist so absurd und schräg, daß man fast schon glaubt, er wäre wirklich so passiert, weil nur in der Wirklichkeit so etwas vorkommt.
Andreas Niedermann, der in Wien lebende Schweizer und Buchverleger hat mit den »Goldenen Tagen« bereits seinen 10. Buch vorgelegt. Es ist ihm ein wunderbarer kleiner Roman geglückt. Ohne Special Effects und ohne etwas künstlich aufzupeppen. Ruhig, stilsicher, elegant und reduziert ist Niedermanns Prosa, und man fühlt sich von ihr aufs beste unterhalten. Und er erzeugt eine dichte Atmosphäre in einem Milieu, das es nicht mehr gibt, genauso wie die Epoche des Aufruhrs, die Niedermann noch einmal auferstehen läßt, und genau so soll es ja sein, denn was draußen vor meiner Tür passiert, das weiß ich ja selber.

Andreas Niedermann, »Goldene Tage«, Songdog Verlag, Wien 2012, ??.- Euro