Arbeit vernichtet, was sie versprach.

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Robert Menasse ruft die permanente Revolution der Begriffe aus

Es ist nur ein schmales Büchlein, das jedoch Gewicht hat wie selten ein Buch, das sich mit Begriffen auseinandersetzt, die in der öffentlichen Debatte ausgehöhlt und banalisiert wurden. In acht Vorträgen beschäftigt sich Robert Menasse im Suhrkamp-Bändchen »Permanente Revolution der Begriffe« mit Arbeit, Religion, Europa, Demokratie, Öffentlichkeit, Kultur, Sucht und Kritik, wobei es gleich mit der Arbeit, dem zweifellos wichtigsten Beitrag, losgeht. Arbeit taucht in der Gesellschaft zum einen als Mangel auf, als Faktor, der im internationalen Wettbewerb der Konzerne hinderlich ist, gleichzeitig wird Arbeit als höchstes aller Güter bewertet: diejenigen können sich glücklich schätzen, die Arbeit haben.
Was in der gesellschaftlichen Diskussion durcheinander geht, versucht Menasse auf kluge Weise ideologiegeschichtlich zu entschlüsseln. Die Frühsozialisten hatten die Vision, daß Arbeit nicht nur Fron sei, sondern ein Glücksversprechen enthalte. Charles Fourier wollte sogar dem rastlosen Spieltrieb der Kinder gesellschaftlichen Nutzen abgewinnen und ihre Aktivitäten in Produktivität transformieren. Herausgekommen ist die Kinderarbeit. Für eine Gesellschaft, in der der Mensch nach seinen Bedürfnissen lebte, übernahm auch Marx die Vorstellung von der nicht-entfremdeten Arbeit, die – »gesetzt, wir hätten als Menschen produziert« (Marx) – frei mache. Diese Idee wurde von völkischen Ideologen übernommen und endete schließlich als Inschrift über dem Tor von Auschwitz, und das zeigt vor allem, daß man Utopien gegenüber skeptisch sein sollte, weil sie in der Regel in das Gegenteil der Intention der Erfinder kippen. Die selbstbestimmte Arbeit, die ein Rudolf Höß für sich ganz selbstverständlich reklamierte, bestand darin, andere Menschen möglichst effizient zu töten. Darin fand Höß seine Erfüllung, es ging ihm darum, seine Arbeit gut und gründlich zu tun, und zwar mit Liebe und Hingabe. Im Prinzip hat sich an diesem Arbeitsbegriff auch heute nichts geändert, was letztlich damit zu tun hat, daß »die Mehrheit der Menschen auch und erst recht heute bedingungslos bereit ist, sich den Zwängen und Anforderungen eines Systems zu unterwerfen, um eine Freiheit zu erlangen, die dann selbst auch wieder nur ein ideologisches Produkt dieses Systems darstellt.« Nach Menasse reproduziert selbst die »gute Arbeit« nur den »Verblendungszusammenhang«. Arbeit, egal unter welchen Bedingungen, ist das Verhängnis, denn die wichtigen Dinge für die Menschheit wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit werden durch sie nicht befördert, sondern zerstört. Menasse seziert den Begriff Arbeit auf eine Weise, wie das selten geworden ist, er läßt kein Schlupfloch für die Annahme, sich durch Arbeit selbst verwirklichen zu können, jedenfalls nicht, solange sich an den gesellschaftlichen Voraussetzung nicht grundlegend etwas geändert hat, aber dafür gibt es keine Anzeichen, und solange das nicht der Fall ist, kann es höchstens darum gehen, gegen den weit verbreiteten Irrtum anzuschreiben, Arbeit könne selbstbestimmt sein, denn: »Was immer durch Arbeit produziert wird, sie vernichtet, was sie versprach.«
Aber Menasse verweilt nicht nur auf der abstrakt-begrifflichen Ebene, er begibt sich auch in die Niederungen der Politik. In Österreich wurde Martin Graf zum Parlamentspräsidenten gewählt. Martin Graf aber ist Mitglied einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Jeder Abgeordnete, der ihn gewählt hat, wußte das, aber es sei nun mal »Usance«, daß der Kandidat der drittstärksten Parlamentsfraktion für diesen Posten vorgesehen ist, und auch der österreichische Bundespräsident hielt nichts davon, diesen »Grundsatz« in Frage zu stellen. Diese feinfühlige Rücksichtnahme für einen Rechtsradikalen aus Gründen der Gewohnheit bringt Menasse auf die Palme, und sarkastisch merkt er an, das sei so, »als würde der Paragraph 1 der österreichischen Verfassung tatsächlich lauten: ›Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Macht geht von der Gewohnheit aus.‹« Mehr noch, für Menasse handelt es sich um blanke Willkür, wenn das Gewohnheitsrecht über den Rechtszustand gestellt wird, denn Martin Graf verstoße nun mal ganz offen gegen den Grundkonsens der Republik, Demokratie ist dann »nur noch eine abstrakt allgemeine Bezeichnung für die ›Umstände‹, die einfach so bleiben sollten, wie sie waren.«
Radikal sein bedeutet, die Sache an der Wurzel packen, die Wurzel für den Menschen sei aber der Mensch. In diesem altmodischen marxschen Sinne ist Robert Menasse radikal. Es geht für ihn immer noch um den Menschen und um die von ihnen geschaffenen Institutionen. Auch wenn er sich über den Menschen keine Illusionen mehr macht und Winston Churchill zitiert, der einmal sagte: »Das größte Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler«, Menasse ist dennoch vom Furor der Empörung gegenüber Skandalen und Ungerechtigkeiten getrieben und setzt die klassischen Mittel der Aufklärung ein. Hinsichtlich Österreich, unter dem Robert Menasse hauptsächlich leidet, fällt mir den Stoßseufzer von Bernd Eilert ein: »Schade, daß man dieses kotelettförmige Land  nicht einfach in eine Pfanne werfen, braten und aufessen kann.« Einige besondere Verfehlungen ließen sich damit vielleicht beseitigen, aber die Demokratie versickert nicht nur in Österreich. Und der Dichter? »Im Grunde hat er, neben Ihnen, nur kurz gehechelt.« Aber das bleibt im Gedächtnis, hat man Robert Menasse aufmerksam zugehört.

Robert Menasse, »Permanente Revolution der Begriffe«, edition suhrkamp, Frankfurt 2009, 124 Seiten, 9.- Euro

Mit Lästerzunge und Whiskeyflasche. Die Korrespondenz der Kriegsreporterin Martha Gellhorn

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Bekannt war sie als Kriegskorrespondentin. Seit dem spanischen Bürgerkrieg hat sie sich auf fast allen Kriegsschauplätzen der Welt des letzten Jahrhunderts herumgetrieben. Ihre Reportagen sind Klassiker des Genres, sie waren erhellend und getrieben von einer moralischen Empörung über die Grausamkeiten, die von nationalen und Profitinteressen in Kauf genommen wurden. 1989 veröffentlichte der konservative Albrecht Knaus Gellhorns einige der Kriegsberichte aus fünfzig Jahren zwischen 1937 und 1987. Ein Erfolg wurde das Buch nicht, vermutlich weil die Deutschen dem vergangenen Weltgeschehen desinteressiert gegenüberstanden, weil sie selber eine so unrühmliche Rolle darin gespielt hatten.
Aber die Reportagen waren nicht das, was ihr wirklich am Herzen lag. Diese Auftragsschreiberei sei »gut fürs Portmonnaie« aber »abstoßend im Hinblick auf echte schöpferische Arbeit«. Anerkannt werden wollte sie als Schriftstellerin. Viel darüber erfährt man nun aus dem Band »Ausgewählte Briefe«, in denen sie sich über ihre Selbstzweifel äußert, vielleicht doch keine große Schriftstellerin zu sein. Aber gerade die Briefe, so entdeckt man bei der Lektüre, sind genau die literarische Form, die Martha Gellhorn wirklich liegt und aus ihr mehr macht als eine respektable Romanautorin und eine genau beobachtende Reporterin. Ihre Briefe erst machen sie in der Welt der Literatur zu einer großen Autorin.
Ihre Korrespondenz ist grandios, hinreißend, sensationell, sie offenbart einen großzügigen und leidenschaftlichen Lebensentwurf, der heute ausgestorben scheint. Martha Gellhorn schrieb sich mit vielen bedeutenden Künstlern und Politikern ihrer Zeit, wie Eleanor Roosevelt, Adlai Stevenson und Leonard Bernstein, H.G. Wells, Heminway, mit ihrer Mutter, mit zahlreichen langjährigen Freunden, denen gegenüber sie sich kein Blatt vor dem Mund nehmen mußte. »Was für eine Rasse ist das, diese Deutschen: Wenn man bedenkt, daß wir versucht haben, die Malaria auszurotten, könnten wir uns doch allemal ein wenig Zeit nehmen, den Deutschen auszurotten, der noch sichereren und häßlicheren Tod bringt«, schrieb sie im August 1944, als sie in Italien das Schlimmste sah, »was ich in meinem Leben gesehen habe«, ein Massengrab mit den Leichen von 320 von den Deutschen erschossenen Geiseln.
Es ist diese unmittelbare Subjektivität, die ungefilterte Wut, die die Lektüre ihrer Briefe so aufregend macht, weil man in der Literatur schließlich keinen ausgewogenen journalistischen Kommentar hören will, sondern impulsive Reaktionen, an denen man merkt, daß da jemand lebt, leidet, sich freut, verzweifelt ist, niedergeschlagen, ein Mensch mit Gefühlen und emotionalen Abgründen.
Natürlich waren ihre Urteile unausgewogen und ungerecht, aber schließlich war Martha Gellhorn auch eine streitbare Person, die sich einmischte und die das auch von ihren Briefpartnern verlangte. Ihrem Ex-Mann Hemingway warf sie erbärmlichen, speichelleckenden Narzißmus« vor, und sie »hätte lieber den Pazifik durchschwommen, als mich über eine bloße Freundschaft hinaus« auf H.G. Wells einzulassen, hatte sie doch »eine Fülle attraktiver junger Männer zur Hand«. Sie lästerte über die »Ladenschwengelfrau« Mrs. Thatcher, und Stephen Spender hielt sie für einen »Idioten«. Immerhin konnte man über diese Leute herziehen, schlimmer waren Menschen, die sie kaltließen, mit denen man »viel über nichts reden« mußte.
Martha Gellhorn flüchtete sich dann ins Lesen, denn »wenn ich etwas lese, bin ich nicht da und also nicht allein«: »Ich lese, wie man ans Ufer schwimmt.« Vielleicht weil sie soviel unterwegs war, suchte sie die Einsamkeit, den Rückzug, die Besinnung auf sich selbst. Dann stellte sie sich vor, später und alt geworden »mit Lästerzunge und vielen ähnlich herzhaften Altersgenossen über die menschliche Verfassung herzuziehen, eine Whiskeyflasche am Ellbogen.« Ein genormter Lebensentwurf sieht anders aus.
»Ich kann mich mit allem auf der Welt arrangieren außer Langeweile, und ich will kein guter Mensch sein… Ich will die Hölle auf Rädern sein«, schrieb sie. Ihr unbändiges Verlangen nach einem zum Platzen aufregenden Leben, das »leidenschaftlich und heftig und voller Lachen und laut und lustig wie die entfesselte Hölle« ist, machte sie zu einer rastlos Umherschweifenden, die nirgends seßhaft wurde. Mit fast 90 Jahren und fast vollständig erblindet, nahm sie sich 1998 das Leben. Ihre Briefe legen Zeugnis ab vom Leben einer unabhängigen und starken, freilich auch zerrissenen Frau, die vielleicht keine besonders gute Analytikerin war, aber großzügig, geistreich und trinkfest, eine Frau mit einem verläßlichen Urteilsvermögen. Jedenfalls kann man gar nicht genug kriegen von ihrer Korrespondenz, ein riesiger Schatz, den es noch zu entdecken gilt, und es ist schade, daß die deutsche Ausgabe nur eine Auswahl der englischen »Selected Letters« enthält, in denen von ihrer Biografin Caroline Moorehead ja auch nur einen Bruchteil ihrer Briefe berücksichtigt wurden.

Martha Gellhorn, »Ausgewählte Briefe«, herausgegeben von Caroline Moorehead, übersetzt von Miriam Mandelkow, Dörlemann, Zürich 2009.

Die Klitoris von Avril Lavignes

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Nick Cave beschreibt die Sexbesessenheit eines Hasen

An manchen Stellen ist die Lektüre von Nick Caves neuem Buch »Der Tod des Bunny Munro« schwer zu ertragen. Für einige mag das ein Qualitätssiegel sein, ein Hinweis auf den literarischen Wert des Buches, aber wenn ich mich zu fragen beginne, warum ich mich eigentlich durch einen Roman quäle, von dem ich weiß, daß er bei mir am Ende eine Leere zurückläßt, die sehr schnell ins vollständige Vergessen führt, höre ich lieber auf. Dabei ist das Buch nicht einfach langweilig. Auch wenn es keinen Spannungsbogen gibt, will man irgendwie wissen, wie es weiter geht, weil man von Anfang an weiß, daß der Protagonist zielsicher auf sein Ende zusteuert. Es ist auch nicht schlecht geschrieben, manchmal sogar mit einem poetischen Flow, auf jeder Seite metapherngewittert es gewaltig und wenn man von den passagenweise banalen Dialogen absieht, mit denen sich schon immer irgendein beliebiges Drehbuch füllen ließ, dann hat die Geschichte des Bunny Munro durchaus was für sich.
Bunny Munro ist Vertreter für Kosmetik, er ist sexbesessen und trinkt sich ständig an den Rand des Bewußtseins. Er ist eine Art Karikatur eines Machos, der in Männermagazinen und in Boulevardzeitungen sein unverwüstliches Dasein fristet, wobei Nick Caves Figur anfänglich mehr Macho als Karikatur ist, denn Bunny Munro legt die Frauen reihenweise und nach Belieben flach, er hat selbst auf großer Distanz einen Riecher dafür, welche Frau nur darauf wartet, von ihm penetriert zu werden. Und an solchen Stellen gelingt es Nick Cave nicht wirklich, sich erzählerisch von der Darstellung des Boulevards und seiner Vorstellungswelt zu unterscheiden. Das ganze kleine Universum, in dem sich Bunny Munro bewegt, ist sexuell aufgeladen, und man bekommt den Eindruck, als würden sich ihm die Frauen nur so an den Hals werfen. Die meisten Machos brüsten sich damit, ungeheuer potente Macker zu sein, deren Kompaß der erigierte Penis ist. Dahinter steckt meist ein armes Würstchen. Nicht, daß diese Welt nicht existieren würde, und vielleicht treiben ja mehr Bunny Munros ihr Unwesen auf der Welt als man vermuten könnte, aber diese Welt gibt nicht wirklich viel her, jedenfalls nicht für jemanden, der ein bißchen mehr wissen will als das, was Bunny Munro durch die leere Birne rauscht, wenn der nächste Frauenarsch an ihm vorbeiwackelt.
Interessant wird Bunny Munro höchstens als Karikatur eines Sexmonsters, also in seinem Scheitern, wenn ihn sein Instinkt im Stich läßt und er auf Frauen trifft, die ihm statt zu Willen zu sein die Nase brechen, weil er zu aufdringlich ist, wenn es also zum Clash unterschiedlicher Kulturen kommt, weil diese eine Frau nicht nur eine Kampfsportlerin ist, sondern auch einen etwas anderen geistigen Horizont hat, um sich, wie es Nick Cave ausdrückt, »gegen diese Mentalität zur Wehr zu setzen«, als ob diese Welten nicht so inkompatibel wären, daß ihre Berührung eher unwahrscheinlich ist. Aber der Witz, der sich aus diesem Scheitern unwillkürlich ergibt, ist schal und ähnelt dem Lachen, das ein Clown hervorruft, wenn er ständig gegen die Wand rennt, ein schadenfrohes Lachen also, aber auch eins, das auf einem schlichten Gemüt beruht, denn ein solches muß man haben, um sich darüber amüsieren zu können, wenn jemand auf die Schnauze fällt. Inzwischen ist das Niveau des Humors selbst in Deutschland ein wenig gestiegen. Und einfach zu schreiben, Bunny Munro träume von der Klitoris Avril Lavignes, und Spaß dabei zu empfinden, ist nicht gerade besonders originell.
Bunny Munro hat zwar seine Abgründe, aber psychologisch ist er einfach gestrickt. Das Interesse, das man an seiner Person haben kann, ist begrenzt, seine sexbesessene Aufdringlichkeit ist eindimensional und wird auch mit viel gutem Willen schnell öde. Und warum auch sollte man einem Mann seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, der intellektuell in der Welt von Bild und dem nackten Seite-Eins-Girl zu Hause ist. Diesen Mann über 300 Seiten durch den Roman zu schleppen ist in gewisser Weise eine Leistung, denn es ist ein trostloser Ritt durch ein trostloses Ambiente. Nick Cave meinte in einem Interview, daß »die Welt krank geworden« sei, und das würde sich zeigen in dem, »was man sieht. Was das Fernsehen einem zeigt und die Werbung und die Medien, das hat eine massive Wirkung auf die Kultur, und das ist zunehmend gestört. Bunny Munro ist für mich ein Produkt davon.« Und das ist genau das Problem. In dieser schlichten Kausalität ist kein Raum für Widersprüchliches, Brüche, Überraschungen, weil die Figur gefangen ist von einer Sicht auf die Welt, die jemand gewinnt, der gebannt auf den Fernseher starrt und durch ihn die Kultur in Gefahr sieht. Der Anspruch, »einen monsterhaften Charakter zu schaffen, in dem man etwas von sich entdecken kann«, wirkt aufgesetzt und erinnert an eine Zeit, als es Mode war, einen kleinen Nazi in sich zu entdecken. Dabei will ich nicht leugnen, daß jedem auch eine dunkle Seite innewohnt, aber gerade die ist nicht nur stumpf oder einfach gestrickt und zeigt sich in der Öffentlichkeit auch nicht unbedingt pur und unverfälscht.
Und so rumpelt das Monster durch die Geschichte. Vergeblich versucht Bunny Munro noch am Telephon seine depressive Frau zu beschwichtigen, als die mitbekommt, was sie schon vermutet, daß er gerade wieder mit einer Frau zugange ist, und auflegt. Immerhin versucht Nick Cave erst gar nicht, den Beischlaf zu beschreiben. Das muß man ihm hoch anrechnen, denn die meisten Autoren, die sich darin versucht haben, sind gescheitert und haben höchstens den Stuß zustande gebracht, den man auch im Playboy finden kann. Am nächsten Morgen »nagelt« er noch schnell ein Zimmermädchen, bei dem er sofort weiß, daß es bei ihm die Chance wittert, ihrem Trott zu entkommen, bevor er nach Hause fährt und dort seine Frau erhängt vorfindet. Das Begräbnis gehört zu den tollen Szenen des Buches, weil seine Schwiegereltern ihn für den Tod ihrer Tochter verantwortlich machen und abgrundtief hassen. Noch während der Zeremonie holt er sich einen runter und beim anschließenden Besäufnis mit seinen Kumpels, die alle so drauf sind wie er, macht er sich über die Braut seines Kollegen her. Dummerweise ist da noch sein kleiner Junge, und weil er nichts mit sich und mit dem Jungen anzufangen weiß, packt er kurzentschlossen seinen Sohn ins Auto und macht sich wieder auf die Vertretertour, auf der sich alles immer mehr zuspitzt.
Unerträglich wird der Roman auch dadurch, daß der Sohn seinem Vater Zuneigung und Bewunderung entgegenbringt, während Bunny Munro überhaupt nicht in der Lage ist darauf zu reagieren und auch sonst keinen Plan hat außer so zu tun, als sei er der große Zampano mit dem großen Durchblick, eine Fassade, die mit jeder Seite mehr Risse bekommt. Diese Beziehung macht die innere Spannung des Romans aus, aber die Lektüre ist schwer durchzuhalten, und da meine Erwartungshaltung an einen Roman nicht darin besteht zu testen, wie belastbar meine Nerven sind, sondern ich einfach den Anspruch habe, belehrt, intellektuell gefordert und unterhalten zu werden, um klüger und gut gelaunt wieder aufzutauchen, wurde die Lektüre zur zähen Angelegenheit, und da geht es mir wie bei den meisten Songs von Nick Cave. Sicher, es gibt Ausnahmen, wie z.B. die unglaublich intensive Mörderballade »O‘Malley‘s Bar«, in der jemand ein Blutbad in einer Kneipe anrichtet und sich dann von der heranrückenden Polizei verhaften läßt. Der Song dauert 15 Minuten. Das ist lang, aber würde die Lektüre des Buchs auch nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, hätte der Roman sogar ein kleines Kunstwerk sein können.

Nick Cave, »Der Tod des Bunny Munro«, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009.

Der große Bär erzählt. Ein neuer Poohs Corner Kolumnenband von Harry Rowohlt

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Es ist ein großes Glück für die deutschsprachige Literatur, daß Harry Rowohlt nach einer Pause von ein paar Jahren seine »Pooh‘s Corner«-Kolumne in der Zeit wieder aufgenommen hat. Wenn nicht sogar für die internationale Literatur. Jawohl. Aber bis sich in Frankreich oder England mal herumgesprochen hat, was denen entgeht, das dauert. Ich meine, wenn man bedenkt, was alles aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird, nur weil da mal jemand einen Kurs in Creative Writing besucht hat, ist das eigentlich ein Skandal. Aber so müssen die eben weiter ihre Creative Writers lesen, oder Günter Grass. Und das für Humor halten, weil Günter Grass mal an seiner Pfeife suckelnd behauptet hat, auch er hätte selbstverständlich Humor. Selber schuld. Harry Rowohlt hingegen hat zwar keinen Roman geschrieben, sondern »nur« welche übersetzt (wieviel, darüber hält Harry Rowohlt seine Leser regelmäßig auf dem Laufenden), aber er hat mit seinen Kolumnen die beiläufige Plauderei zu einer Kunstform gemacht, die einzigartig ist, denn seine »Pooh‘s Corner« sind funkelnde Kleinode, geschmiedet (falls Kleinode geschmiedet werden) mit scharfem Verstand, grimmigem Humor, mit schrägem Witz und wenn es sein muß auch mit satter Beleidigung. Die schönste Stelle aus Harry Rowohlts letztem Briefband »Gottes Segen und Rot Front« ist die Antwort auf das Begehren von Gunnar Hansen, er möge als Promi doch bitte bei den Bundestagswahlen die Grünen unterstützen: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Normalerweise mag man Leute ja eher nicht, die eine solche politische Einstellung haben und auch noch Sympathien für die PDS aufbringen, aber Harry Rowohlt ist inzwischen prominent genug, daß man ihm sowas nachsieht.
Aber hier soll es ja um Rowohlts neuen Kolumnen-Band »Pooh‘s Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte. 1997 – 2009« gehen. Und der ist große Klasse! Denn obwohl ich die Kolumnen selbstverständlich schon in der Zeit gelesen habe, und deshalb, um nicht in dem Papierberg zu ersticken, beim Zeitungshändler wegen des unhandlichen Formats mit Mühe und unter mißbilligender Beobachtung im Feuilleton nach »Pooh‘s Corner« gefahndet habe, ob es sich lohnt, diese Papiermengen nach Hause zu schleppen, wo ich die Kolumne herausgerissen und gelagert habe, um sie bei Bedarf wieder hervorziehen und vorlesen zu können, obwohl die also für mich eigentlich alte Kamellen waren, war schon die Vorfreude auf das Buch groß und noch größer dann das Lesevergnügen, denn in diesem Fall lese ich gerne noch mal nach, denn man vergißt ja dummerweise auch immer wieder. Z.B., daß Harry Rowohlt einer von fünf Autoren war, der für den Heinrich-Heine-Preis vorgesehen war, jedenfalls erkundigten sich die Preisvergeber beim Schweizer Verlag Kein & Aber nach seiner Telefonnummer »für falls«. »Andere Leute hätten die Inlandsauskunft angerufen, aber so geht es natürlich auch. Ich stehe dick und fett im Telefonbuch, weil ich Geheimnummern für unterschicht halte, unterschicht mit kleinem u. Mit kleinem u wie Adjektiv.« Harry Rowohlt wurde dann doch nicht gefragt, aber hätte man, dann hätte man erfahren, daß er am Tag der Preisverleihung sowieso nicht gekonnt hätte, weil er da bereits eine Lesung in Halle hatte. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich mag solche schönen Gemeinheiten, denn die sind viel gemeiner als irgendein hohles, anprangerndes Statement, aus dem man nur erfährt, wie gemein die Welt im allgemeinen und in diesem Fall aber besonders ist.
Am lustigsten finde ich die Kolumne »Freiheit für Mumia Abu-Jamal!« Harry Rowohlt hält eine Rede auf einer Demo in Hamburg für … aber das sagt ja bereits der Titel der Kolumne. Und jetzt muß ich ein bißchen ausführlicher zitieren, weil der hintergründige Witz so viel deutlicher wird als ich das nacherzählen könnte: »Wir sind etwa neunzig Menschen, und die CIA hat ein kleines Mädchen geschickt, welches jeden einzelnen Redebeitrag mühelos mit seinem Geplärr übertönt.« Dann wird Harry Rowohlt angekündigt, und er sagt, »vielleicht einen Tick zu subjektiv: ›Am meisten bewundere ich an Mumia Abu-Jamal, dass er jede Woche eine Kolumne raushaut. Ich kann immer nur eine Kolumne schreiben, wenn ich vorher was erlebt habe, und auch dann nur selten. Aber Mumia Abu-Jamal kommt ja so gut wie nie vor die Tür.‹ Rückkopplung, eisige Blicke, Rückkopplung. ›Ich würde empfehlen, ihn eiligst freizusprechen, denn wenn das so weitergeht, wird seine Haftentschädigung unerschwinglich, und wenn er dann freigelassen ist, kann er auf Lesereisen gehen, was erleben und darüber seine Kolumnen schreiben.‹ Eisige Blicke, Rückkopplung, eisige Blicke. ›Wenn er aber beschließen sollte, mit dem Geld von seiner Haftentschädigung einen Zeitungs-und-Tabakwaren-Laden mit Lotto-und-Toto-Annahme aufzumachen, so gönne ich ihm auch das von Herzen.‹ Eisige Rückkopplungen.«
Es gibt noch jede Menge solcher schönen Stellen. Aber ich kann die ja nicht alle zitieren, und deshalb rate ich Ihnen dringend: Besorgen Sie sich das Buch. Eine gute Investition, und gar nicht teuer. Und man hat was fürs Leben, denn in Zeiten von Alzheimer kann man das Buch immer wieder neu lesen. In jedem Fall gehört es in das Regal, in dem Sie die große Weltliteratur hingestellt haben. Danke für den Tip? Keine Ursache, mach ich doch gern.

Harry Rowohlt, »Pooh‘s Corner. Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Kolumnen, Gespräche, Aufsätze und Berichte. 1997 – 2009«, Kein & Aber, Zürich 2009. Preis ??

Der melancholische Cowboy. Franz Dobler wird 50

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»In diesem Herbst fühlte ich mich zum ersten Mal müde. Daran merkte ich, daß ich alt wurde. Vielleicht lag es an dem miesen Wetter, das wir in Augsburg hatten, oder an den lausigen Fällen, die ich zu bearbeiten hatte.« Okay, das Zitat ist leicht abgewandelt, aber wenn die originalen Sätze aus dem Film »Farewell my lovely« an mein Ohr dringen, dann denke ich immer an Franz Dobler, und auch wenn die beiden von der Statur nicht unterschiedlicher sein könnten, könnte Franz Dobler genauso gut hinter der Gardine stehen und aus dem Fenster einer Absteige auf eine flackernde Neonreklame blicken wie Robert Mitchum, einen Whiskey in der Hand und melancholisch über die Vergeblichkeit des eigenen Tun und Machens in dieser gottverdammten miesen Welt sinnend.

Franz Dobler hat andere Mittel als der Privatdetektiv aus Los Angeles, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen, aber auch seine Protagonisten – Außenseiter und Randfiguren wie er selbst – befinden sich häufig in einer Situation, in der es besser ist, wenn man eine Waffe hat. Und allein daran merkt man schon, daß Franz Dobler keine Mainstream-Literatur schreibt, weil die nichts damit am Hut hat, wenn einer, der so seine Probleme mit den gesellschaftlichen Konventionen hat und deshalb leicht zum Loser abgestempelt wird, einen anderen Ausweg wählt als seine Hand zum Offenbarungseid zu heben. »Wenn du weißt, du hast es mit Leuten zu tun, die dir in den Rücken zu schießen bereit sind, dann vergiß die guten Manieren und sei schneller«, heißt es in Doblers letzten Roman »aufräumen«, und in diesem Satz steckt nicht nur etwas Existentielles, sondern auch eine Selbststilisierung, die Franz Dobler nicht einfach so erfinden könnte, wenn er beides nicht auch selber leben würde.

Die Schriftstellerei hat ihn nicht reich gemacht, aber Franz Dobler würde niemals die Standardware abliefern, die sich nach dem Geschmack der Leserschaft der ZEIT richten würde, die bei Grass und Walser in Entzückung gerät. Da ist ewige Feindschaft. Und Franz Dobler ist auch niemand, dem das Schreiben flott und mühelos von der Hand geht, weil er weiß, daß Schreiben Qual ist, wenn man keine konfektionierte Standardware abliefern will. »Ich habe die Schreiberei schon immer als den hassenswertesten aller Jobs angesehen. Vielleicht gleicht es darin dem Ficken – es macht nur den Amateuren Spaß.« Das ist zwar von Hunter S. Thompson, könnte aber auch von Franz Dobler stammen. Der und Jörg Fauser sind zwei der literarischen Fixsterne im literarischen Universum Franz Doblers, wenn man genauer wissen will, in welchem Koordinatensystem sich Franz Dobler bewegt.

Auf diesem weiß Gott nicht mit Rosen bestreuten Weg hat Franz Dobler eine erstaunliche Menge zustande gebracht. Sein Debütroman »Tollwut« hat ihn kurzfristig zum Popstar unter den jungen Autoren gemacht, von dem im SZ-Magazin ein ganzseitiges Foto erschien, und den Erwartungsdruck so steigen lassen, daß der zweite 17 Jahre auf sich warten ließ. Dazwischen sind zahlreiche Bücher mit Stories erschienen, ein Westerngedichtband und ein Bändchen mit dem schönen Titel »Ich fühlte mich stark wie die Braut im Rosa Luxemburg T-Shirt«. Erfolgreich aber war der Experte für Country mit seiner grandiosen Cash-Biographie »The Beast In Me«. Zudem hat er »Perlen deutschsprachiger Popmusik« gesammelt und auf vier CDs herausgebracht, zahlreiche Booklet-Texte geschrieben, und weil das alles hinten und vorne nicht reichte, legt er regelmäßig in einer Bar in Augsburg auf.

Und dann treibt er sich vortragend und vorlesend quer durch die Republik in einem meistens etwas zu groß geratenen Anzug. Nichts kann ihn davon abhalten, höchstens mal eine gebrochene Rippe, die dann aber doch nicht von einer Schlägerei herrührt, sondern die man sich holt, wenn man aus einem Hochbett fällt. Aber Franz Dobler ist zäh wie ein Cowboy und man sieht ihm an, daß er sogar aufrecht stehend in seinen Stiefeln schlafen könnte. Aber so hart er im Nehmen ist, so gerät man schnell in Versuchung, schützend den Arm um ihn legen, weil er etwas sehr Fragiles und Verletzliches ausstrahlt. Ich kann es leider nur in den banalen Worten ausdrücken: Franz Dobler ist ein großartiger Mensch. Mit ihm befreundet zu sein, ist ein großes Glück.