Die Wahrheit über den 2. Spieltag

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»Wenn man nur die beiden ersten Spiele berücksichtigt, dann kann man von einem Fehlstart sprechen«, sagte Magath. Vor allem, wenn man so große Ziele verfolgt wie Schalke, sollte man seine Heimspiele gegen potentielle Abstiegskandidaten wie Hannover gewinnen, aber stattdessen hätte sich Schalke nicht beschweren können, wenn Hannover noch zwei Tore mehr gemacht hätte. Die Chancen dazu hatte 96. Sogleich wurde denn auch die Saison 1987/88 beschworen, als Schalke ebenfalls gegen Hamburg und Hannover die ersten beiden Spiele verlor und dann abstieg. Das wird Schalke zwar leider nicht, aber es war klar, daß nach der völligen Umkrempelung des Kaders die Ruhrpottler so schnell nicht wieder in Tritt kommen. Dabei ist unklar, was Magath zu diesem gigantischen Experiment antreibt, eine funktionierende Viererkette völlig umzugestalten, was niemals funktionieren kann, und sich dann zu wundern, wenn Metzelder und Matip nicht harmonieren, wenn der bei Leverkusen ausgemusterte Altprofi Hans Sarpei überfordert ist und wenn Raùl mit 29 Ballkontakten offensichtlich keine Bindung zum Spiel hat. Aber der nächste Einkauf mit Huntelaar für 13 Millionen steht schon vor der Tür, womit dann eine eher zufällig zusammengewürfelte Mannschaft auf dem Platz steht, die nur eine Anhäufung mehr oder weniger klangvoller Namen ist, aber kein Team. Eigentlich wollte Magath Schalke für die Champions-League aufrüsten, aber ich glaube, die ganze Sache ist ihm aus dem Ruder gelaufen und es würde mich wundern, wenn Magath die Saison als Trainer überlebt, es sei denn er übernimmt auch noch den Posten des Vorstands Tönnies, des Platzwarts und des Aufsichtsrats. Oder hat er die schon? Diego ist wieder zurück. In Wolfsburg. Aus Turin von Juve. Das nenne ich einen bilderbuchmäßigen Abstieg. Das machen eigentlich sonst nur Fußballer, die ein Alkoholproblem haben und die dann jeden Verein nehmen müssen, den sie kriegen können. Wie damals Paul Gascoigne, aber Wolfsburg wäre selbst ihm zu hart gewesen, denn um sich Wolfsburg einigermaßen erträglich zu machen, braucht man mehr Alkohol, als einem gut tut. Nur eine halbe Stunde spielte Diego. Das reichte, um 3:0 gegen Mainz in Führung zu gehen. Dann hörte er auf, und seine Kollegen mit ihm, und am Ende hatte Wolfsburg 4:3 verloren. Immerhin ein Spiel von großem Unterhaltungswert, den man in Wolfsburg sonst nicht allzu oft geboten bekommt. Damit hat auch VW Wolfsburg einen Fehlstart hingelegt, aber das kommt eben davon, wenn ein Konkurrenz-Produkt wie McLaren verpflichtet und eine Pflaume wie Dieter Hoeneß, der nach der Niederlage von einem »ganz neuen Gefühl« sprach, das er doch eigentlich noch von Hertha ganz gut kennen müßte. Auch Bayern verlor, und das gegen den Aufsteiger Kaiserslautern, die außer Kampf nun wirklich nichts drauf haben. Aber gegen Bayern reichte es an diesem Tag aus, weil die Bayern in den entscheidenden Szenen patzten und ausnahmsweise mal Pech hatten, und das alles muß schon zusammenkommen, um gegen eine Mannschaft zu verlieren, die vor allem Furchen im Rasen hinterläßt, aber keinen besonderen Eindruck.

Rösler, Philipp; Hahne, Peter; de Maizière, Thomas

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Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler hat sich im Zoo in Hannover Blut abnehmen lassen, um es zu spenden. Zunächst hieß es, Philipp Rösler wolle der seit einigen Monaten sich als sehr blutarm erweisenden FDP unter die Arme greifen, aber da er selber der FDP angehört, vermutete man, dass er mit dieser Bluttransfusion Guido Westerwelle Konkurrenz machen wollte, der die Traditionskutsche FDP, auf der schon Genscher und irgendwelche andere alten FDP-Kämpen irgendwelche komischen Lieder sangen, gründlich in den Dreck gefahren hat. Und das danach in Betrieb genommene „Guidomobil“ erwies sich als äußerst anfällig und befindet sich ständig in der Werkstatt. Als Prototyp hat es sich als völliger Flop erwiesen. Warum der Blutzellenspender Rösler allerdings im Zoo Hannover Blut spendete ist etwas rätselhaft. Vermutet wird, dass er eigentlich als Samenspender auftreten sollte, weil das aber nicht klappte, wurde er kurzerhand zur Blutspende gebeten. Vielleicht eröffnete die FDP im Orang-Utan-Käfig aber auch gerade ein neues Parteibüro, weil neueste Umfragen ergeben haben, dass die FDP bei den nächsten Wahlen höchstens noch im Zoo mit Zweitstimmen rechnen könne. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler ließ sich von Wiebke Rösler stechen. Sie ist Ärztin für innere Medizin, vermutlich Tiermedizin, und zufällig die Frau des Bundesgesundheitsministers. Sie behauptet, ihr Mann hätte für einen gewissen „Maxi“ Blut gespendet, der aber in der gesamten FDP unbekannt ist, weshalb „Maxi“ für ein Codewort gehalten wird, das ein ähnliches Projekt beinhalten könnte wie „Guido“, nur eben mit mehr beziehungsweise eben maximalem Spaß. Viele Kenner der Spaßpartei sehen die Sache allerdings eher skeptisch und bezweifeln, dass Rösler eine Chance hat, Westerwelle abzulösen.
Dass Handlungsbedarf besteht, daran zweifelt hingegen niemand, nicht einmal der Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der ein Ende der Volkspartei FDP an die Wand malt. Trittin sorgt sich darum, dass die FDP „die Zukunft unseres Landes verspielen“ könnte, weil sie vergessen hätte, „die Industrie zu verpflichten, modernere, schadstoffärmere Antriebe zu entwickeln“, lieber würde er das „Dienstwagenprivileg deckeln“, das „uns Steuerzahlern knapp eine Milliarde Euro einsparen würde“. Außerdem ist er für höhere Steuern und würde lieber auf die Spenden der Milliardäre verzichten, die in Amerika die Hälfte ihres Vermögens abgeben wollen, was sehr einfach ist, weil sich in Deutschland kein Milliardär finden würde, der das täte. Auch Peter Hahne, der sich jeden Sonntag „Gedanken zum Sonntag“ macht, hält die Spendenaktion von Bill Gates und den anderen 40 US-Milliardären für „Populismus pur“, denn Peter Hahne ist in Sachen Populismus einer der größten Experten in Deutschland. Im Gegensatz zu Trittin behauptet Peter Hahne, dass deutsche Milliardäre auf die Hälfte ihres Vermögens gar nicht verzichten könnten, weil sie schon Steuern zahlen, „und das nicht zu knapp“. Und weiter: „Das einkommensstärkste Zehntel unserer Bevölkerung bringt mehr als die Hälfte des Staatshaushaltes auf. Und davon können wir uns ein Sozialsystem leisten, von dem Amerika nur träumen kann.“ Da in Amerika die Reichen keine Steuern zahlen müssen, weil es dort ja auch kein Sozialsystem gibt, sind sie gezwungen, sich freiwillig von ihren Milliarden zu trennen, um sie den Armen aufzunötigen, außerdem würden die ja nur deshalb spenden, weil sie ein Drittel der Spende „als Steuerersparnis“ wieder zurückbekämen. Bei uns hingegen gibt es 17000 Stiftungen, in denen man sein Geld als Reicher viel eleganter verschwinden lassen kann, „ohne viel Gedöns darum zu veranstalten“, sagt Peter Hahne. Spenden sind in Deutschland seit den Parteispendenaffären in Verruf geraten. Niemand wusste nämlich vorher, dass es um die deutschen Parteien so schlecht steht und dass sie sich von Almosen aus der Wirtschaft ernähren müssen, der sie aus lauter Dankbarkeit im Gegenzug Aufträge von der Regierung zukommen lassen, wie zum Beispiel den neuen Körperscanner, der jetzt am Flughafen Hamburg probeweise zum Einsatz kommt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat den Apparat selber getestet. Der Scanner hat ihn zwei Sekunden lang durchleuchtet. Sofort danach verkündete Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dass er überlebt habe und dass der Apparat auch für andere Personen ungefährlich sei, was von Kritikern bislang bezweifelt worden war. Hier steht er in der Tradition von CDU-Politikern, die sich selber als Versuchskaninchen andienen, wie zum Beispiel der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer, der 1988 den Rhein durchschwamm, um zu beweisen, dass die Verschmutzung des Wassers unter der CDU-Regierung viel besser geworden sei und der Rhein sogar von Politikern der damals noch in Bonn ansässigen Regierung als Bademöglichkeit genutzt werden könne. Experten haben festgestellt, meinte Thomas de Maizière, dass „von der Strahlung im Körperscanner keine gesundheitliche Gefährdung ausgeht“, was sich am besten an ihm beobachten ließe. Außerdem gäbe es keine echten Körperbilder, sondern nur schematische Personendarstellungen, die keine Rückschlüsse zuließen, ob die gescannte Person dick oder dünn sei, Lepra oder andere nässende Geschwüre habe. Sicherheitsbeamte, die den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und den Körper nach verstecktem Sprengstoff abscannen müssen, haben bereits ihre Zustimmung signalisiert. Es wäre nun mal kein Spaß gewesen, so ein Sprecher der Flughafensicherheit, bei dem Nacktscanner stundenlang auf in der Regel ja nun mal eher unästhetische und deformierte Körper zu starren und womöglich verunreinigte Unterwäsche zu inspizieren. Da hätte man dann sicherlich eine Zulage für unzumutbare Arbeitsbedingungen verlangen müssen. Nun aber wird selbst die schematische Darstellung sofort gelöscht. Bei den im Körperscanner gescannten Menschen hingegen wird dies nicht der Fall sein, versprach der Minister. Aber kaum hatte Thomas de Maizière das verkündet, war er auch schon verschwunden. Bislang ist ungeklärt, wo Thomas de Maizière abgeblieben ist. Möglicherweise ist er doch ebenso wie seine schematische Darstellung gelöscht worden. Experten haben sich auf die Suche begeben. Einige vermuten allerdings, dass er lediglich in ein Sommerloch gefallen ist und nach den Ferien wieder auftauchen wird. Andere befürchten das selbe.

Die Wahrheit über den 1. Spieltag

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»Gigantentreffen in Hamburg« jubilierte Bild, weil van Nistelrooy und Raúl in Hamburg aufeinandertrafen. Man kann sich das Elend auch schönreden. Zwar gehören die beiden ehemaligen Real-Spieler immer noch zu den großen Spielern, aber ihre Karriere als Fußballer neigt sich dem Ende zu. In Deutschland dürfen sie noch ein wenig Glanz verbreiten, weil man hier dazu neigt, in ausländischen Stars das non plus ultra hineinzuprojizieren, hier wird die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, dem Bizarren, dem Unwahrscheinlichen, dem Sensationellen genährt, und weil das alles natürlich irgendwann enttäuscht wird, weil die Versprechen solcher Projektionen immer unerfüllt bleiben werden, läßt sich bereits die Häme erahnen, mit denen die »Giganten« überschüttet werden, die manchmal eben auch einen gebrauchten Tag erwischen, nicht ins Spielkonzept passen oder die deutsche Spielweise nicht verstehen. Die Deutschen hatten mit einer jungen Mannschaft bei der WM Erfolg (abgesehen vom Glück, daß Ballack rechtzeitig verletzt wurde). Mourinho ist klug genug, sich mit Özil und Khedira die besten zu holen, während Raúl aussortiert wurde und bei Schalke anheuerte, weil Magath gerade alles zusammenkauft, was nicht niet- und nagelfest ist. Das hört sich vielleicht pejorativ an, aber ich finde das gut, weil die Sehnsucht nach Größe und Glanz schließlich das einzige ist, was die Fans bei der Stange hält, ihnen eine gewisse Genugtuung gegenüber anderen Vereinen verschafft, deren größte Anschaffung ein Mann namens Lewandowsky ist, und Polen verbreiten nun mal kein Flair in Deutschland. Und dennoch, und darin bestehen die Unwägbarkeiten des fußballerischen Drumherums, verkaufte Dortmund über 51000 Dauerkarten, weit mehr als alle anderen Vereine. Klar, man macht sich Hoffnungen wie alle anderen Fans eben auch, aber Lewandowsky oder der aus der japanischen Zweitliga kommende und als »Schnäppchen« bezeichnete Kagawa haben nicht das Faszinationspotential, wie es Raúl oder die Dortmunder Einkäufe in den 90er Jahren hatten. Klüger ist es sicherlich, auf eine junge Mannschaft zu setzen, aber der Fußball wird dadurch noch kampfbetonter und zu einer Frage der Ausdauer und Fitness. Aber egal, wie sehr es gelingt, Mannschaften wie eine Maschine funktionieren zu lassen, der große Rest heißt Psyche, und die ist nicht wirklich steuerbar und sorgt immer wieder für Überraschungen. Warum z.B. ist Bremen in Hoffenheim mit 4:1 untergegangen? Weil sie sich auf die Qualifikationsspiele der Champions League konzentrieren? Weil sie sowieso immer das erste Bundesligaspiel verlieren, wie Tim Wiese vermutet? Weil der Weggang von Özil nicht kompensiert wurde? Nichts davon ist eine schlüssige Erklärung, genauso wenig wie die drei Tore St. Paulis in nur sechs Minuten in Freiburg nach einem 1:0-Rückstand. Dabei hatten sich die Paulianer eine Woche vorher im Pokal gegen einen Amateurverein blamiert. Und auch nicht schlecht: Der Transferspitzenreiter Wolfsburg vergeigt gegen das Transferschlußlicht Bayern. Die Konkurrenz um die ersten fünf Plätze jedenfalls ist groß. Neun Mannschaften balgen sich darum.

Seibert, Steffen & Bushido

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Man kennt ihn aus dem ZDF. Das ist der Mann, bei dem ich immer gleich das Programm wechseln will, wenn er in den heute-Nachrichten als Sprecher auftaucht, weil es dann wieder so zwangslocker und schmusekritisch zugeht, daß mir ganz unwohl wird und ich automatisch den Reflex verspüre, diesem frisch rasierten und immer irgendwie nach einem aufdringlichen After Shave riechenden Schwiegermutterliebling ein Farbei ins Gesicht zu werfen, jedenfalls muß ich mich drehen und winden bei seinem Anblick, weshalb ich nach den Nachrichten garantiert nicht mehr weiß, was eigentlich auf der Welt passiert ist, und das ist kein Wunder, denn in der Seibertschen Präsentation der Nachrichten wird alles einerlei, selbst dann, wenn aus Gründen der Betroffenheit es aus Seibert ölig heraustropft und er plötzlich Schlappohren bekommt und den treudoofen Blick eines Bernhardiners mit sabbernden hängenden Mundwinkeln. Von Seibert wurde sogar ein sehr eingängiges Verb abgeleitet, und man muß nicht besonders helle sein, um mitzukriegen, daß ein seibernder Mensch nicht sehr angenehm ist und man die Gesellschaft solcher Leute besser meidet. Vor allem im TV wird man von ihnen vollgeseibert. Dort hat sich das Seibern virusartig ausgebreitet und wurde zur allgemeinen Sprachnorm erhoben, d.h. die Fähigkeit, stundenlang ein Ereignis zu beseibern, ohne daß sich aus dem Geseiber ein Erkenntnisgewinn ziehen ließe.
Folglich wurde Seibert für seine siebenstündige Moderation der Terroranschläge am 11. September 2001 mit der »Goldenen Kamera« ausgezeichnet, das heißt für die Kunst nichts zu sagen, und das stundenlang und ausgiebig. Sogar mit Seibert sympathisierende Medien wie die »Bild« nennen ihn »smart«, und ihn noch abfälliger zu beurteilen fällt selbst mir schwer, der ich als Sieben-Uhr-Nachrichten-Gucker jahrelang von ihm malträtiert wurde, denn smarte Menschen sind widerlich, sie sondern eine Flüssigkeit von schleimiger Konsistenz ab, sie sind karrieregeil und tun alles, die dazu gehörige Leiter hochzurutschen, und dafür würden sie alles und jeden verraten, die eigene Großmutter sowieso, wenn es da was zu verraten gäbe, und die eigene Jugend: »Ich bin auf eine sehr politisierte Schule gegangen, also habe ich vorschriftsmäßig auch an all den Anti-Atomkraft-Wegen und Anti-Kulturministeriums-Demonstrationen teilgenommen.« Hier spricht der kritische Opportunist, der mit dem Zaunpfahl winkt und in die Öffentlichkeit hinausseibert: »Hey, ich bin immer auf der Seite der herrschenden Meinung. Ich mache alles, was von mir verlangt wird, und das vorschriftsmäßig.« Und zum kritischen Opportunisten paßt es auch, daß er – bis auf die Linkspartei selbstverständlich, denn so weit würde sich Seibert nie aus dem Karrierefenster lehnen – »alle Parteien, die im Bundestag sitzen, schon mal gewählt« hat. Da wurde sogar der gramgebeugte Trauerklos Angela Merkel auf ihn aufmerksam und bestellte ihn zum Pressesprecher der schwarz-gelben Regierung, die ihre Zukunft bereits hinter sich hat und deshalb einen Mann braucht, der den Leuten das Desaster schön redet, wofür Seibert ja beim ZDF ausgebildet wurde. Außerdem baut Angela Merkel wahrscheinlich auch auf den Effekt, daß die Leute die von Seibert vorgetragenen Regierungsverlautbarungen immer noch für ZDF-Nachrichten halten, wobei da allerdings nicht wirklich ein großer Unterschied besteht, aber schließlich kommt es auf die Nuancen an und darauf, daß auch die Wähler der SPD-, Grünen- und Links-Opposition, die der Regierung quasi naturgemäß mißtrauen, Seibert auf dem Leim gehen. Seibert hat die Offerte Merkels auch sofort angenommen: »Für einen leidenschaftlichen Journalisten ist das eine ganz unerwartete, faszinierende neue Aufgabe«, seiberte Seibert einen für ihn ganz typischen Satz, der in diesem Fall von unfreiwilligen Humor zeugt, weil er die Leidenschaftlichkeit eines Journalisten im seibertschen Sinne auf eine rein repetitive Tätigkeit reduziert, die darin besteht, Vorgekautes nachzukauen, und damit befindet man sich mit Seibert im Land des Neusprechs, in dem man die Worte auch genau das Gegenteil bedeuten lassen kann, wenn es dem Sprecher in den Kram paßt. Der von mir hochgeschätzte Autor Fritz Tietz hat schon 2001 im Jahrbuch »Who‘s who der peinlichen Personen« alles Wissenswerte über den im ZDF zusammengeschraubten Alien mitgeteilt. Damals wurde der glitschige Mann zu Kerner geschickt, damit der ihn einem Publikum vorstellt, das durch Kerner durch nichts mehr zu erschüttern war. Und dort outete sich Seibert als Katholen, der vom Protestantismus abgefallen war, weil er den Papst so toll fand und weil er gerne einen »Beichtvater zum Beispiel« hätte, und den gibt’s ja bei den Protestanten nicht. Fragt sich nur, was er dem Beichtvater anvertrauen will. Irgendwelche abgründigen Geheimnisse? Irgendwelche abartigen sexuellen Praktiken? Regierungsgeheimnisse? Wohl kaum, denn dieser Mann hat nichts zu verbergen. Er ist eine hohle Nuß, und da würden auch Probebohrungen kein Ergebnis zeitigen.

Das ist so ähnlich wie bei Bushido, der für den »Spiegel« ein Interview zusammengestottert hat über einen schwachsinnigen Song, der für die deutschen Nationalspieler in Südafrika zur Hymne wurde. Bushido brauchte für den Text 20 Minuten, für den Song insgesamt 60 Minuten. Warum er für den Text so lange gebraucht hat? Keine Ahnung. Kompliziert ist er jedenfalls nicht: »ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole ole / hey yo Deutschland / holt die Fahnen raus / Sie hängn vom Balkon / am Gartenhaus, an 1000 Fenstern / an Autofenstern, der Kühlerhaube, am Benzmarkt / auf dem Lenkrad Schwarz-Rot-Gold / und ja wir Deutschen sind grad so stolz / im ganzen Land schaut jeder zu / kämpft, auch wenn die Gegner (…) / ihr schafft das schon ihr macht das schon / mein Song, das Sonnenersatzman Flow / wir fiebern mit, live in Marin / 2010, kein Fußballtrend / ich war als Kind schon Fußballfan / und ich glaub ich sprech für das ganze Land / wenn ich sage geht raus und gewinnt diesen Kampf«, usw. Kann man liebloser einen Text runterhauen? Und läßt dies nicht tief blicken, wenn es um das Verhältnis zum Nationalismus geht? Bushido liebt Deutschland, sagt er. Ich finde das toll. So kann sich jeder in Ruhe überlegen, ob er wirklich mit einem Schmalspurdesperado und unappetitlichen Kotzbrocken mit dem Gehirn eines Hamsters das Liebesobjekt teilen will.

Arbeit vernichtet, was sie versprach.

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Robert Menasse ruft die permanente Revolution der Begriffe aus

Es ist nur ein schmales Büchlein, das jedoch Gewicht hat wie selten ein Buch, das sich mit Begriffen auseinandersetzt, die in der öffentlichen Debatte ausgehöhlt und banalisiert wurden. In acht Vorträgen beschäftigt sich Robert Menasse im Suhrkamp-Bändchen »Permanente Revolution der Begriffe« mit Arbeit, Religion, Europa, Demokratie, Öffentlichkeit, Kultur, Sucht und Kritik, wobei es gleich mit der Arbeit, dem zweifellos wichtigsten Beitrag, losgeht. Arbeit taucht in der Gesellschaft zum einen als Mangel auf, als Faktor, der im internationalen Wettbewerb der Konzerne hinderlich ist, gleichzeitig wird Arbeit als höchstes aller Güter bewertet: diejenigen können sich glücklich schätzen, die Arbeit haben.
Was in der gesellschaftlichen Diskussion durcheinander geht, versucht Menasse auf kluge Weise ideologiegeschichtlich zu entschlüsseln. Die Frühsozialisten hatten die Vision, daß Arbeit nicht nur Fron sei, sondern ein Glücksversprechen enthalte. Charles Fourier wollte sogar dem rastlosen Spieltrieb der Kinder gesellschaftlichen Nutzen abgewinnen und ihre Aktivitäten in Produktivität transformieren. Herausgekommen ist die Kinderarbeit. Für eine Gesellschaft, in der der Mensch nach seinen Bedürfnissen lebte, übernahm auch Marx die Vorstellung von der nicht-entfremdeten Arbeit, die – »gesetzt, wir hätten als Menschen produziert« (Marx) – frei mache. Diese Idee wurde von völkischen Ideologen übernommen und endete schließlich als Inschrift über dem Tor von Auschwitz, und das zeigt vor allem, daß man Utopien gegenüber skeptisch sein sollte, weil sie in der Regel in das Gegenteil der Intention der Erfinder kippen. Die selbstbestimmte Arbeit, die ein Rudolf Höß für sich ganz selbstverständlich reklamierte, bestand darin, andere Menschen möglichst effizient zu töten. Darin fand Höß seine Erfüllung, es ging ihm darum, seine Arbeit gut und gründlich zu tun, und zwar mit Liebe und Hingabe. Im Prinzip hat sich an diesem Arbeitsbegriff auch heute nichts geändert, was letztlich damit zu tun hat, daß »die Mehrheit der Menschen auch und erst recht heute bedingungslos bereit ist, sich den Zwängen und Anforderungen eines Systems zu unterwerfen, um eine Freiheit zu erlangen, die dann selbst auch wieder nur ein ideologisches Produkt dieses Systems darstellt.« Nach Menasse reproduziert selbst die »gute Arbeit« nur den »Verblendungszusammenhang«. Arbeit, egal unter welchen Bedingungen, ist das Verhängnis, denn die wichtigen Dinge für die Menschheit wie Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit werden durch sie nicht befördert, sondern zerstört. Menasse seziert den Begriff Arbeit auf eine Weise, wie das selten geworden ist, er läßt kein Schlupfloch für die Annahme, sich durch Arbeit selbst verwirklichen zu können, jedenfalls nicht, solange sich an den gesellschaftlichen Voraussetzung nicht grundlegend etwas geändert hat, aber dafür gibt es keine Anzeichen, und solange das nicht der Fall ist, kann es höchstens darum gehen, gegen den weit verbreiteten Irrtum anzuschreiben, Arbeit könne selbstbestimmt sein, denn: »Was immer durch Arbeit produziert wird, sie vernichtet, was sie versprach.«
Aber Menasse verweilt nicht nur auf der abstrakt-begrifflichen Ebene, er begibt sich auch in die Niederungen der Politik. In Österreich wurde Martin Graf zum Parlamentspräsidenten gewählt. Martin Graf aber ist Mitglied einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Jeder Abgeordnete, der ihn gewählt hat, wußte das, aber es sei nun mal »Usance«, daß der Kandidat der drittstärksten Parlamentsfraktion für diesen Posten vorgesehen ist, und auch der österreichische Bundespräsident hielt nichts davon, diesen »Grundsatz« in Frage zu stellen. Diese feinfühlige Rücksichtnahme für einen Rechtsradikalen aus Gründen der Gewohnheit bringt Menasse auf die Palme, und sarkastisch merkt er an, das sei so, »als würde der Paragraph 1 der österreichischen Verfassung tatsächlich lauten: ›Österreich ist eine demokratische Republik. Alle Macht geht von der Gewohnheit aus.‹« Mehr noch, für Menasse handelt es sich um blanke Willkür, wenn das Gewohnheitsrecht über den Rechtszustand gestellt wird, denn Martin Graf verstoße nun mal ganz offen gegen den Grundkonsens der Republik, Demokratie ist dann »nur noch eine abstrakt allgemeine Bezeichnung für die ›Umstände‹, die einfach so bleiben sollten, wie sie waren.«
Radikal sein bedeutet, die Sache an der Wurzel packen, die Wurzel für den Menschen sei aber der Mensch. In diesem altmodischen marxschen Sinne ist Robert Menasse radikal. Es geht für ihn immer noch um den Menschen und um die von ihnen geschaffenen Institutionen. Auch wenn er sich über den Menschen keine Illusionen mehr macht und Winston Churchill zitiert, der einmal sagte: »Das größte Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler«, Menasse ist dennoch vom Furor der Empörung gegenüber Skandalen und Ungerechtigkeiten getrieben und setzt die klassischen Mittel der Aufklärung ein. Hinsichtlich Österreich, unter dem Robert Menasse hauptsächlich leidet, fällt mir den Stoßseufzer von Bernd Eilert ein: »Schade, daß man dieses kotelettförmige Land  nicht einfach in eine Pfanne werfen, braten und aufessen kann.« Einige besondere Verfehlungen ließen sich damit vielleicht beseitigen, aber die Demokratie versickert nicht nur in Österreich. Und der Dichter? »Im Grunde hat er, neben Ihnen, nur kurz gehechelt.« Aber das bleibt im Gedächtnis, hat man Robert Menasse aufmerksam zugehört.

Robert Menasse, »Permanente Revolution der Begriffe«, edition suhrkamp, Frankfurt 2009, 124 Seiten, 9.- Euro