Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Bayern zieht wieder seine einsamen Kreise an der Tabellenspitze und niemand in weiter Sicht, der ihnen in irgendeiner Weise gefährlich werden könnte. Auch nicht die zuletzt ziemlich stark auftretenden Leverkusener, die zwar ein paar Chancen herausspielen und verdatteln durften, die aber die Überlegenheit der Münchner nie ernsthaft in Zweifel zogen, nicht einmal gegen einen Ribery, der mit 34 im Spitzenfußball schon als Dinosaurier gilt. Im Abstand von 13 Zählern tummelt ein dicht gestaffeltes Mittelfeld von neun Mannschaften, zwischen denen gerade mal 5 Zähler Unterschied liegen. Und in diesem Mittelfeld herrschen Mittelmaß und große Leistungsschwankungen. Jeder kann sich hier gegen jeden blamieren, auch gegen Mannschaften, die ganz unten stehen. So schaffen es die auf Platz 7 stehenden und um einen internationalen Wettbewerb spielenden Augsburger mal gerade mit Mühe und Not ein 1:0 gegen ein schwaches Hamburg, das jede Inspiration missen lässt und wie schon in den letzten Jahren um den Abstieg bettelt, der von den Vereinsstrukturen begünstigt wird, aber nicht sein darf. Immerhin kann man sich in Hamburg mit der Elbphilharmonie trösten. Auch mit ihr hat man Millionen in den Sand gesetzt, aber sie ist wenigstens über die nächsten Jahre ausverkauft. Das lässt vom Hamburger Sportverein nicht behaupten, und es verwundert sehr, mit welcher Langmut und großartigen Frustrationstoleranz die Hamburger dem »Tennisverein mit angeschlossener Fußballabteilung« (Harry Rowohlt) bei einem Gekicke zugucken, das man sich auch wesentlich billiger auf irgendwelchen Bolzplätzen ansehen kann. Vielleicht sollte man ein Jahr in der 2. Liga Pause machen und sich regenerieren, um so wie Hannover als Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen und auf erstaunliche Weise zu brillieren. Gegen Mainz holte man einen 2:0-Rückstand nicht nur auf, sondern verwandelte ihn in einen Sieg, weil die Mannschaft sich einfach nicht aufgibt und immer an seine Möglichkeiten glaubt. Hier stimmt das Mannschaftsgefüge, das in Dortmund einen Knacks hat, weil man nicht mehr über die eigenen Möglichkeiten hinausgeht. Und plötzlich sieht man da eine ganz normale Mannschaft, die wie jede andere mittelmäßige Mannschaft ohne überraschende Momente die Bälle verwaltet, und der Wille, gewinnen zu wollen, zu eigenartigen Verkrampfungen führt. Bei Peter Bosh, deutete Guerreiro einmal an, hätte niemand mehr so genau gewusst, was er zu tun hatte. Ob Stöger einen Masterplan hat, der den Dortmundern den alten Schwung wieder zurückgibt und der ihnen soviel Fans zugeführt hat, mag man nicht glauben. Aber die Situation der Dortmunder ist auch nicht besonders einzigartig, auch Real Madrid leidet unter extremer Erfolgslosigkeit. Real liegt nun schon 16 Punkte hinter Barcelona und verlor das letzte Punktspiel zu Hause gegen Villarreal zwar etwas unglücklich, aber eben doch 1:0. Es hatte nichts genützt, dass Zidane versucht hatte, den ganzen Unwillen auf sich zu ziehen. Umso bitterer ist es, dass es trotz dieser Schwäche in der Liga gegen den BVB noch dicke reichte, und irgendwie ist das ziemlich deprimierend, weil das schon ein wenig über die Schwäche der deutschen Klubs auf internationaler Ebene aussagt. Aber es gibt natürlich auch kein Fairplay. ManU plant schon wieder eine »Transfer-Offensive«, Real Madrid hat angeblich 600 Millionen für Neymar geboten, Barcelona hat sich nun auch noch Liverpools Coutinho für 160 Millionen geholt. Und der BVB kriegt in diesem Konzert gerade noch einen Verteidiger aus Basel, den niemand kennt, für erstaunliche 21,6 Millionen, die damals nicht mal Reus gekostet hat.

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

In Dortmund ist das Glück zurückgekehrt, aber nicht das Vermögen, richtig guten Fußball zu spielen, mit dem sie ihre Fans verzaubert haben. Zu Hause gegen Hoffenheim waren sie die schlechtere Mannschaft, die Gäste aus der Provinz spielten die genaueren Pässe, kombinierten geschickter und gewannen mehr Zweikämpfe, jedenfalls hatte man den Eindruck, denn laut Statistik war der BVB zweikampfstärker. Aber die Domäne der Dortmunder mit der Anzahl der gespielten Pässe war mit 493 gegenüber den 586 der Hoffenheimer verloren gegangen, was in den Niederungen der Liga immer mehr zu einem Zeichen der Niederlage wird, denn je mehr eine Mannschaft Pässe spielt, desto häufiger scheint sie zu verlieren, was in der Regel damit zusammenhängt, dass man sich den Ball in der eigenen Hälfte gegenseitig zuschiebt, weil nach vorne niemand anspielbar ist. Zudem waren die Hoffenheimer zielstrebiger und entschlossener und hatten mehr Ballbesitz. Und folgerichtig gingen sie mit einem präzisen Pass in die Tiefe in Führung, eine schöne Kombination, die man gerne auch mal von den Dortmundern gesehen hätte, aber bei denen blieb das Spiel nach vorne Stückwerk. Erst ein Elfer nach der ersten wirklich schnellen Kombination in der 2. Halbzeit brachte den Ausgleich durch den nervenstarken Aubameyang. Hoffenheim aber blieb überlegen, bis Kagawa, der einzige Dortmunder, der so etwas wie Spielwitz versprühte, mit einem präzisen Ball in die Tiefe Pulisic bediente, der den Ball genial am Torhüter vorbeihob und mit dem anderen Fuß direkt verwandelte. Das war bereits in der 89. Minute, eigentlich die Zeit, in der Dortmund sonst die Tore kassiert und nicht erzielt. Symptomatisch für die anhaltende Unsicherheit war Yarmolenko, der sich immer wieder verzettelte und beste Chancen vergab, dessen Körpersprache Enttäuschung und Frust ausdrückte und keinen Kampfgeist. So jedenfalls hat man keine Chance gegen die Bayern im anstehenden Pokalachtelfinale, obwohl die Bayern sogar noch mehr Glück hatten als Dortmund, weil Stuttgart in der Schlussminute einen Elfer verschoss und damit den Ausgleich vergab, und auch sonst hatten die Stuttgarter einige Chancen, die sie leichtfertig vergaben, und das unterscheidet eben die Bayern von den anderen Bundesligamannschaften, weil sie sich immer auf die schlechte Chancenverwertung des Gegners verlassen können. Und auch sonst war es der Tag der last-minute-Tore. Die Bremer, die trotz des Ausfalls ihres wichtigsten Mannes Kruse mit 2:0 gegen Mainz in Führung gingen, kassierten in der letzten Minute noch den Ausgleich und verpassten es, den Relegationsplatz zu verlassen. Die Frankfurter führten zu Hause gegen Schalke ebenfalls schon mit 2:0, als in der letzten Sekunde wie schon gegen den BVB Naldo noch der Ausgleich gelang. Und auch Freiburg lag schon mit 2 Toren in Augsburg vorne, als der Heimmannschaft in der Nachspielzeit noch zwei Treffer zum Ausgleich gelangen. Während man sich in der deutschen Liga abarbeitete, gelang es Real Madrid mit Standfußball gegen die argentinische Mannschaft Gremio mit einem 1:0-Sieg, Klub-Weltmeister zu werden. Wenn es schon in der Liga nicht klappt, wo man weit abgeschlagen hinter Barcelona steht.

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Immerhin hat Stöger das Kunststück fertig gebracht, Köln vier Jahre lang in der Liga zu halten und am Ende sogar in die Euroleague zu befördern. Er konnte sich sogar einmal einen Sieg gegen den BVB auf die Fahnen schreiben. Jetzt feierte er seinen ersten Sieg in dieser Saison, denn mit Köln schaffte er gerade mal drei Remis, so dass die Rheinländer die schlechteste Punkteausbeute vorzuweisen haben, die jemals einer Mannschaft gelungen ist. Und auch gegen Bayern reichte es nur zu einer 1:0-Niederlage. Fast hätte man die Bayern mit der Defensive und zwei Kontern zermürbt, aber einer geht bei den Münchnern eben immer irgendwie rein. Der Sieg der Dortmunder war ebenso alles andere als glanzvoll, und wenn Mainz in seiner ersten besseren Halbzeit aus seinen Chancen ein Tor gemacht hätte, hätte auch das Elend des BVB seinen Lauf genommen. So kamen die Dortmunder, die auf ihr bewährtes System mit Viererkette umstellten, zum Führungstreffer durch einen Gewaltschuss von Sokratis. Die Mainzer mussten in die Offensive gehen, es ergaben sich Konterchancen und Räume, in denen Aubameyang und Kagawa ein bisschen so wie früher glänzen konnten. Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass Dortmund schnell wieder zu alter Stärke zurückfindet, weshalb es am Samstag zu einer Zitterpartie gegen Hoffenheim kommen wird mit einem völlig offenen Ausgang, der davon abhängig sein wird, welchen Tag Hoffenheim mit seinen schwankenden Leistungen erwischt. Zwar reichte es gerade mal noch gegen Stuttgart zu einem 1:0, aber sehr überzeugend war es nicht, und wenn es am Ende 1:0 für den VfB gestanden hätte, hätte sich auch niemand beschweren können. Stöger, dessen größtes Problem sein wird, ob die Spieler sein österreichisches Genuschel überhaupt verstehen, wirkte durchaus sympathisch, denn er widmete den Sieg seinem Vorgänger Peter Bosz, wohl wissend, dass er in zwei Tagen natürlich keine Akzente setzen konnte. Man sah den Spielern die Erleichterung an. Endlich mal kein am Schuh klebendes Pech, kein Glücksschuss, keine abgefälschter Ball, keine Schiedsrichterfehlentscheidung, alles lief normal, und vielleicht deshalb war es dann auch ein Trauerspiel, denn es war ein Spiel ohne Inspiration. Immer noch ist Dortmund eine Mannschaft, an der sich der Gegner aufrichten kann, bei denen sich Selbstvertrauen tanken lässt. Dabei könnten sie glänzen, denn in der Liga gibt es außer Bayern keine Mannschaft, die konstant wirklich gut spielen würde, und auch Schalke, das nach einem schmeichelhaften Unentschieden der Leipziger in Wolfsburg auf Platz 2 steht, verdankte seinen Sieg gegen bessere Augsburger nur einem ungerechtfertigten Elfmeter.

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

Ein Sieg »ohne Wenn und Aber« sei Pflicht, nahm Nuri Sahin seine Mannschaft in die Pflicht, aber schon nach kurzer Zeit wurde klar, dass es jede Menge Wenn und Abers gab, und zwar soviel wie Dortmunder auf dem Platz standen. Man konnte dem Offenbarungseid einer Mannschaft zugucken, die kein Konzept hatte, keinen Mut, keine Zweikampfstärke, kein Selbstvertrauen, weshalb das nach dem Trainerwechsel und der Rückkehr Kruses wiedererstarkte Werder völlig zu Recht gewann, denn sie verstanden es, die Schwächen der Dortmunder zu nutzen. Sie konnten sich die Bälle am Sechszehner zuspielen, ohne von einem Dortmunder in Bedrängnis gebracht zu werden. Die Bremer wussten genau, was sie taten. Sie hinderten beispielsweise den schnellen Pulisic daran, überhaupt erst Fahrt aufnehmen zu können, sie waren nah am Mann und nahmen die Zweikämpfe auf, denen die Dortmunder vornehm aus dem Weg zu gehen schienen. Es bot sich das gleiche Bild wie sonst auch: Am Ende hatte der BVB stolze 68 % Ballbesitz zu verzeichnen, 725 gespielte Pässe mit einer Quote von 84 %, die Bremer hingegen spielten 344 Pässe mit einer lausigen Quote von 66 %, am Ende aber stand es 2:1 für Bremen und niemand hegte Zweifel daran, dass der Sieg in Ordnung ging. Nur die ersten zehn Minuten nach der Pause baute der BVB etwas Druck auf. Es gelang ihnen sogar der Anschlusstreffer, der mehr erzwungen als erzielt wurde, was aber in einer solchen Situation keine Rolle spielt. Und dann kam das Erstaunliche. Für die Dortmunder war der Ausgleich nicht etwa ein Aufbruchssignal, sondern ein Grund, wieder in die alte Letharie zurückzufallen und den Bremern den Platz zu überlassen, die das Angebot dankend annahmen und nach einer Ecke erneut in Führung gingen, und das, obwohl nach Verletzung von Bartels und Junuzovic zwei wichtige Bremer ausfielen. Bislang haben die Fans den Spielern trotz mauer Leistungen den Rücken gestärkt, aber diesmal verfiel auch sie in Lethargie, um nach dem Schlusspfiff den Spielern ein Pfeifkonzert zu geben. Die Verunsicherung sitzt also sehr tief, und sie geht immer tiefer, je länger Bosz als Trainer weitermachen durfte. Das hat die Vereinsführung nicht wahrhaben wollen. Jetzt aber war sie gezwungen zu handeln. Nachdem sie aus den letzten beiden Spielen einen Sieg gefordert hatte, musste sie das auch. Bosz jedenfalls würde sich ja nicht um die Abfindung bringen wollen, weshalb er weitergemacht hätte, bis die Mannschaft auf dem letzten Platz gestanden wäre. Aber es war nicht nur das unglaubwürdige Mantra, mit dem er verkündete, die Mannschaft weiterhin erreichen zu können, es stand ihm auch die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben, die zeigte, dass er auch nicht mehr wusste, was er noch hätte machen können. Noch am Samstag hat sich die Vereinsführung beraten und den Mannschaftsrat (Sahin, Schmelzer und Reus) hinzugezogen. Heute um 12 Uhr verkündete man in einer kurzfristig einberaumten Pressekonferenz, dass Bosz entlassen worden war, und präsentierte gleichzeitig den neuen Trainer: Peter Stöger, der eilig aus Wien importiert worden war. Wer sich die Pressekonferenz allerdings angesehen hat, hatte anschließend nicht das Gefühl, es würde ein neuer Aufbruch stattfinden. Zu sehr wanden sich Watzke, Zorc und Stöger, dem ganzen eine positive Seite abzugewinnen, aus der Not eine Tugend zu machen. Aber klar, wie soll das auch gehen, jedenfalls kann sich niemand sicher sein, ob unter einem Trainer, der beim 1. FC Köln gerade mal drei Punkte gemacht hat, also bewiesen hat, dass auch er keinen Zugang zu seiner Mannschaft mehr herstellen konnte, wirklich alles besser wird, der also in der Lage ist, das Selbstvertrauen der Dortmunder wieder herzustellen. Auch Watzke und Zorc sind sich nicht sicher, weshalb Stöger erstmal nur bis Ende der Saison verpflichtet wird. Danach soll dann Nagelsmann verpflichtet werden. Alles keine schöne Aussichten.

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

BVB-Boss Watzke forderte einen Tag nach der unerklärlichen 4:4-Niederlage der Dortmunder auf einer Mitgliederversammlung Bosz dazu auf, jeden Stein umzudrehen und »alles auf den Prüfstand« zu stellen. Leider konnte niemand in Erfahrung bringen, ob sich nun jemand erklären kann, wie die merkwürdige Serie von sieglosen Spielen zustande kommt. Ein Werbefilmchen für Opel gibt darüber vielleicht unfreiwillig Auskunft. Vier Dortmunder Spieler steigen in einen Opel, während sie auf ihren Handys daddeln und ihren Spaß haben, bis Schmelzer auffällt, dass niemand auf Steuer sitzt und alle zu schreien anfangen. Kein Steuermann an Bord, oder wie die SZ vermutet, lauter Indianer, aber kein Häuptling. Immerhin eine Erklärung, aber natürlich keine, die wirklich standhalten könnte, denn der BVB wurde im letzten Jahr trotz flacher Hierarchie und trotz Anschlag auf den Mannschaftsbus immerhin Pokalsieger und erreichte den 3. Platz. Das alles kann auch nicht mit dem Weggang von Dembélé erklärt werden. Als Grund des ganzen Desasters bleibt da nicht mehr viel übrig und kann eigentlich nur mit dem Trainer zu tun haben, der mit seiner ruhigen Art die Spieler eher einschläfert als aufrüttelt. Daran hat sich auch im Spiel gegen Leverkusen nichts geändert. Immer wieder versuchen die Dortmunder sich langsam nach vorne zu tasten, wo dann eine dicht- und gutgestaffelte Abwehr nur auf einen Fehler lauert, um die alle in der gegnerischen Hälfte herumstehenden Dortmunder auszukontern. Diesmal war es Subotic, dem im Zentrum mit einer verunglückten Kopfballabwehr der Fehler unterlief, so dass Volland steil geschickt werden konnte und das gesamte Dortmunder Halbfeld für sich allein hatte. Da hatten die Leverkusener  schon einige Großchancen vertan und einmal nur die Querlatte getroffen, während sich auf Dortmunder Seite schon früh Philipp schwer verletzte und auch Castro vom Platz humpelte, weil Wendell ihm kurz vor dem Pausenpfiff auf den Knöchel sprang. Dafür bekam der Leverkusener dann völlig zu recht die rote Karte. Der BVB konnte also die gesamte 2. Halbzeit mit einem Mann mehr spielen, was sich aber nur in optischer Überlegenheit ausdrückte. Die Chancen hatte weiterhin Leverkusen. Denn wieder konnte Volland allein auf Bürkis Tor zulaufen und hatte das 2:0 auf den Fuß, aber er traf nur den herauslaufenden Bürki. Stattdessen gelang Yarmolenko im Gegenzug der Ausgleich. Typisch für das Spiel sind folgende Statistikwerte: 744:266 gespielte Pässe und 88 Prozent Ballbesitz für den BVB, aber 15:9 Torschüsse für Leverkusen. Und dennoch bleibt Bosz aus Mangel an Alternativen im Amt. Wie groß die Not beim BVB ist, zeigt die Tatsache, dass offenbar auch Sammer als Trainer angefragt wurde, den in Dortmund niemand leiden kann. Jedenfalls kann man ausschließen, dass es mit Dortmund in diesem Jahr nochmal aufwärts geht, während Hoffenheim, die auch eine Flaute hatten, sich mit einem beeindruckenden 4:0 gegen Leipzig durchsetzten. Und selbst Köln schaffte mit einer starken Vorstellung auf Schalke ein 2:2. Das wird Stöger allerdings nicht retten. Und damit wird ein Mann arbeitslos, den Dortmund bei seiner Trainersuche im Sommer auf den Zettel hatte. Schön wäre das nicht, wenn Stöger als Bosz-Ersatz weiterwursteln dürfte, aber die Alternativen sind rar gesät. »Klopp muss wieder zurück«, sagt Guy. Er ist 8 Jahre alt.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

4:1 tippte ich für Schalke vor dem Spiel, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass der BVB nach den letzten Auftritten auch nur eine leise Chance haben würde. Aber dann sah man ein Schalke, dass durch übermotivierte Härte die Dortmunder verunsichern wollte, stattdessen aber selbst den Faden verlor, wobei die Schalker Glück hatten, dass Schiedsrichter Aytekin Kehrer nach zwei üblen Fouls nicht vom Platz stellte. Das holte er dann später bei Aubameyang nach, der für einen normalen Zweikampf und ein harmloses Foul gelbrot bekam. Aber das war gar nicht mal spielentscheidend in einem Match, das in zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten auseinanderfiel. Dem BVB nämlich gelang in der ersten Halbzeit alles. Jeder Schuss ein Treffer, und wenn dei Dortmunder nicht trafen, dann halfen die Schalker mit einem Eigentor aus. Nach dem wunderbaren 4:0 durch Guerreiro in der 25. Minute, der einen geblockten Schuss volley in die lange Torecke wuchtete, war für alle das Spiel entschieden, derartig dominant spielte Dortmund, während Schalke nur durch die Großmut Aytekins weiterhin zu elft auf dem Platz stand. Bereits in der 34. Minute korrigierte der Schalker Trainer Tedesco mit zwei Auswechslungen die Spielweise seiner Mannschaft und schaffte es damit zumindest, dass es nicht noch schlimmer kam. In der zweiten Hälfte begann das Spiel zu kippen. Die Schalker spielten jetzt überlegter und geordneter und kamen in der 53. Minute durch Naldo zum Anschlusstreffer, der jedoch wegen einer leichten Abseitsstellung nicht zählte. Drei Minuten später hatte Aubameyang das 5:0 auf dem Fuß, als er dem Schalker Torhüter Fährmann den Ball wegnahm, aber gleich darauf wieder vertändelte. Die große Chance war vertan. Stattdessen schlichen sich wieder die bekannten merkwürdigen Aussetzer in der Abwehr ein, als Burgstaller einen langen Ball über Weidenfeller hinweg ins Tor köpfte, während Toprak und Sokratis zusahen und Weidenfeller viel zu weit vor dem Tor stand. Dann ging es Schlag auf Schlag: Nur fünf Minuten später viel das 2. Schalker Tor und Bosz bekam plötzlich Angst, wechselte Bartra für Yarmolenko ein, und als Aubameyang kurz darauf den Platz verlassen musste, stand Dortmund ohne Sturm da. Bosz setzte weiter auf totale Defensive und wechselte einen der besten Dortmunder Guerreiro gegen Zagadou ein, der kurz darauf sich von Caligiuri gleich zweimal austanzen ließ, während fünf andere Dortmunder im Strafraum interessiert dabei zusahen, wie der Schalker in der 86. Minute den Anschlusstreffer erzielte. Die Dortmunder waren nun vollkommen von der Rolle und schlugen die Bälle nur noch blindlings nach vorne, wo niemand mehr stand, so dass die Schalker einen Angriff nach dem anderen setzen konnten. In der 4. Minute der Nachspielzeit verlor wieder Zagadou die Orientierung und ließ Naldo frei zum Kopfball und zum Ausgleich kommen. Danach hatte niemand mehr eine Erklärung parat. Das, was da passiert ist, hätte nicht passieren dürfen, analysierte Bosz präzise die Lage und drückte damit nur aus, was jeder wusste, aber sich deshalb noch lange nicht erklären konnte. Die große Verunsicherung geht also weiter, und zwar verschärft, weil man es erstmal schaffen muss, einen 4:0-Vorsprung sich wieder abnehmen zu lassen. Das geht noch mehr in die Knochen und die Psyche als eine vermurkste knappe 2:1-Niederlage. Bosz hat einfach kein Konzept und keine Vorstellung, wie der Hebel wieder umzulegen ist. Als er zielsicher Spieler einwechselte, die zur endgültigen und faktischen Niederlage beitrugen, machte er deutlich, dass er kein Händchen besitzt und seiner Mannschaft nichts mehr zutraut. Er hat damit das falsche Zeichen gesetzt und es ist nicht das erste Mal, dass der BVB nach der Halbzeit die Luft ausgeht, eine weitere rätselhafte Seuche, geht man davon aus, dass, wie Bosz behauptet, die Mannschaft fit ist. Am Sonntag nach Redaktionsschluss gibt es eine Mitgliederversammlung, auf der Watzke und Zorc erklären müssen, was sie zu tun gedenken, um aus der Krise wieder herauszukommen. Es würde mich nicht wundern, wenn Bosz entlassen wird. Ein Bekenntnis zu ihm wie noch vor zwei Wochen gab es diesmal nach dem Spiel nicht, stattdessen verschwanden die Verantwortlich schnell und heimlich durch die Hintertür.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Es macht keinen Spaß mehr, sich die Spiele der Dortmunder anzusehen. Da ist keine Spielfreude mehr, kein blindes Verstehen, keine schnellen Kombinationen, nur noch eine große Verunsicherung, die sich auch gleich in der 5. Minute zeigte, als Bartra und Bürki slapstickhaft dem Stuttgarter Akolo den Ball vor die Füße legten, damit der nur noch einzuschieben brauchte. Bartra schoss den Ball viel zu scharf zurück auf Bürki, der völlig unmotiviert aus dem Tor gelaufen war, so dass der Ball von ihm abprallte. Den zweiten Treffer der Stuttgarter ließ Bürki durch seine Beine passieren. Wieder zwei dicke Patzer in einem Spiel. Und man fragt sich verwundert, wie lange Dortmund noch mit einem solchen Sicherheitsrisiko dem Gegner die Punkte schenken will, wie lange man noch zusehen will, wie sich die Aktie, die nach Bürkis Patzer im Nikosia-Spiel um 36 Millionen absackte, im Sinkflug befindet. Warum investieren sie nicht mal ein paar Millionen in einen guten Torhüter wie Kevin Trapp, der bei Paris nur auf der Bank sitzt? Stattdessen streichen sie Aubameyang aus Disziplinargründen aus dem Kader, damit er mal sehen kann, dass er unersetzlich ist, denn der Millionenflop Schürrle, der statt Aubameyang stürmen durfte, war eine einzige Blamage, der nicht mal imstande war, einen Elfer zu verwandeln, und niemand kann sich heute mehr vorstellen, dass für diesen Mann einmal an die 30 Millionen verschleudert wurden, der in der 2. Liga wahrscheinlich Schwierigkeiten hätte, einen Stammplatz auf der Bank zu ergattern. Der einzige Dortmunder Unruheherd Pulisic hatte sich verletzt. Die Offensive mit Yarmolenko und Philipp trat eher bieder auf und strahlte keine Gefahr für die Stuttgarter Verteidigung aus. Der einzige Aktivposten auf BVB-Seite war Götze, bei dem es jedoch immer nur für eine Halbzeit reicht. In der 2. Halbzeit jedenfalls war er kaum mehr zu sehen und die Stuttgarter konnten das Heft in die Hand nehmen. Und wieder musste der Gegner den Ball einfach in die verwaiste Dortmunder Hälfte schlagen, um sie auszukontern. Es war so einfach und absehbar, dass man nur ungläubig den Kopf schütteln konnte. Es ist immer wieder das gleiche Vorgehen, mit dem sich die hoch aufgerückte Abwehr der Dortmunder aushebeln lässt. Das alles sind Probleme, die der Trainer offensichtlich nicht in den Griff kriegt. Weder scheint er in der Lage zu sein, die Mentalität der Spieler zu heben, noch kann er ihnen eine Spielweise verständlich machen, mit denen sie umgehen können. Stattdessen schlagen die Abwehrspieler die Bälle blind ins Aus wie in der Kreisliga, wenn ihnen einen Gegner im Nacken sitzt, weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen, und genau deshalb machen sie dann auch solche Fehler, wie er Bartra und Bürki unterlief. Wie lange will sich der Verein diesen Trainer noch leisten? Sehen Watzke und Zorc nicht, wie dramatisch die Situation ist? Dass sie den Absturz der Mannschaft in Kauf nehmen? Wie viele Spiele darf eine verunsicherte Mannschaft unter Bosc noch verlieren? Am Dienstag gegen Tottenham? Und dann am Samstag gegen Schalke? Muss der BVB erst wieder auf einen Abstiegsplatz stehen, bis dem Verein vielleicht mal dämmert, dass es vielleicht keine gute Idee ist, den Trainer weiterwursteln zu lassen und den Kader auseinanderfliegen zu lassen? Denn nach einer solchen Saison werden die letzten guten Spieler die Flucht ergreifen.

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Immerhin waren die Dortmunder besser als man erwarten konnte nach den zuletzt eher erbärmlichen Auftritten. Aber bei einem Gegner wie Bayern hat man es natürlich auch nicht mit einer Mannschaft zu tun, die sich hinten einigelt und auf Konter lauert, d.h. die Dortmunder waren selbst defensiv gefordert, aber obwohl sie versuchten forsch aufzutreten, gaben sie den Bayern einfach zuviel Räume, und das ist bei diesem Gegner tödlich, wie sich gleich beim ersten Treffer zeigte, als Robben von seiner Lieblingsposition innerhalb des Sechszehners in aller Ruhe seine Ecke anvisieren konnte. Danach war es eigentlich schon vorbei, denn das sowieso schon angeknackste Selbstbewusstsein löste sich dadurch noch mehr auf und spätestens in der 37. Minute, als Lewandowski ein abgefälschter Hackentrick gelang, war klar, dass die Glücksgöttin auf seiten der Bayern stand. Dortmund hingegen hatte durchaus Chancen, und zwar ziemlich klare, aber sie ließen sich ablaufen wie Aubameyang oder schossen den Torhüter an wie Yarmolenko, oder sie standen sich beim Abschluss gegenseitig im Weg. Mit Glück hätte der BVB sogar gewinnen können, wenn sie diese Chancen konsequent genutzt hätten und Bayern ihre Chancen nicht, weil dann vielleicht ein anderes Spiel entstanden wäre, vielleicht hätten die Bayern dann aber auch den Druck erhöht, dem die Dortmunder wahrscheinlich nicht standgehalten hätten, aber das sind alles Spekulationen. Sicher ist nur, dass der BVB verdient verloren hat, nicht nur weil die Bayern mit dem Rückenwind von sechs Siegen in Folge antraten, während der BVB nur auf einen Sieg gegen einen Drittligisten zurückblicken konnte, sondern weil Bayern auch die besseren Einzelspieler hat, die sich obendrein in besserer Form befinden. Die Ausnahme war wieder einmal nur Pulisic. Der BVB hätte nur dann eine Chance gehabt, wenn sie als Mannschaft aufgetreten wäre, die sich spielerisch blind versteht, wie z.B. der SC Neapel, der ohne Neuzugänge und Stars sogar Manchester City Paroli geboten hat und auf Platz 1 der Serie A steht. Aber davon ist der BVB weit entfernt. Und das liegt auch am Trainer, wenn er im Training so wenig so bieten hat wie in den Interviews. »Das war nicht gut«, »wir waren nicht aggressiv genug« oder »wir standen zu weit weg« ist eine magere Bestandsaufnahme, aber keine Analyse. Und irgendwie verhält sich die Mannschaft gerade wie Bosz am Spielfeldrand: Unbeweglich und irgendwie unbeteiligt, ohne Regung. Die Krise kam schleichend und verdeckt durch die anfänglichen Erfolge gegen mittelmäßige Mannschaften. Da hätte Bosz bereits sehen müssen, dass etwas nicht stimmt, dass es im Mannschaftsgefüge nicht stimmt, dass sich die Dortmunder selbst einlullten mit ihrer Siegesserie, mit dem Gefühl, alles würde von allein gehen, weshalb die Anspannung verloren ging. Bosz aber ist nicht in der Lage, der Mannschaft das Gefühl zu geben, sie könnte das ändern, wie auch, sieht Bosz doch selbst nicht so aus, als könne er Spannung und Leidenschaft erzeugen. Fußball ist aber keine technokratische Angelegenheit, wo man an bestimmten Stellen ein Schräubchen dreht, damit das Ganze wieder funktioniert. Hinzu kommt allerdings auch, und das muss man fairerweise sagen, dass Dortmund von großem Verletzungspech geplagt ist, vor allem in der Verteidigung. So richtig deutet nichts darauf hin, dass der BVB so schnell wieder aus der Krise kommt.

Erinnerungsbruchstücke

Obwohl Annie Ernaux in den Kurzbiographien ihrer ins Deutsche übersetzten Bücher wie »Eine vollkommene Leidenschaft« als eine der »renommiertesten Publizistinnen und Autorinnen Frankreichs« vorgestellt wurde, deren Werke mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet wurden, galt sie hierzulande als Autorin von Softpornos, weil Goldmann ein Unterwäschemodel auf das Cover mit Blick auf nackte Beine und Spitzendessous setzte. Ein Fall von Betrug am Leser, der in Erwartung scharfer Sexszenen mit der Innenwelt einer Frau konfrontiert wurde, die auf ihren Geliebten wartet. Vielleicht hat es ja deshalb neun Jahre gedauert, bevor Suhrkamp nun »Die Jahre« herausbrachte, die in Frankreich ein Bestseller waren.
Didier Eribon ist jedenfalls voll des Lobes für Annie Ernaux. Und das vermutlich zu Recht, denn in ihrem Buch entfaltet sie ein ganz eigenartiges und faszinierendes Panorama der französischen Gesellschaft, beginnend in den fünfziger Jahren, in einer dezenten poetischen Sprache, die den Leser nicht los lässt, obwohl Ernaux vieles nur antippt, kurz erwähnt, obwohl sie viele Ereignisse nur aufzählt und die dabei hervorgerufene Assoziation dem Leser überlässt, obwohl sie keine durchgehende Erzählstruktur verwendet, wie man sie kennt und gewohnt ist. Aber sie wollte auf keinen Fall auf konventionelle Weise erzählen, sie wollte sich selbst als »einzelne Existenz« sehen, »die in der Bewegung einer ganzen Generation aufgeht«. Das jedoch wirft gewisse Probleme auf: Wie kann sie »das Vergehen der Zeit, die Veränderungen der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern, wie kann sie ein Tableau über 45 Jahre zeichnen und gleichzeitig nach einem Ich außerhalb der großen Geschichte suchen, einem Ich, das in herausgegriffenen Momenten existiert und über das sie mit zwanzig Jahren Gedichte mit Titeln wie Einsamkeit etc. geschrieben hat.«?
Für dieses Projekt ist ihr die Ich-Form »zu beständig, eng, fast beklemmend, beim ›sie‹ ist die Außensicht, der Abstand zu groß«. Richtig lösen lässt sich das Problem nicht, weshalb sie einen Kompromiss eingeht, indem sie ihre Epoche im unpersönlichen »man« erzählt und immer wieder Passagen im »sie« einstreut, wenn es um ihre eigene Geschichte geht, die in den großen Zeitlinien keine unmittelbare Spiegelung findet und zum Ausgangspunkt ein Foto hat, an das sich bestimmte Erinnerungen knüpfen.
Die Erzählung switscht kaum merklich hin und her, zwischen ihren Sehnsüchten als Jugendliche nach Lippenstift, Nylonstrümpfen und Schuhen mit hohen Absätzen, die sich schämt, weil sie immer noch Söckchen tragen muss, die »penibel darauf achtet, nicht gegen das strenge mütterliche Gesetz der Uhrzeit zu verstoßen«, hin zu den schlaglichtartigen gesellschaftlichen Ereignissen: »Bahnstreik im Sommer 53 – der Fall von Dien Bien Phu – Stalins Tod«. Es war die Zeit, als niemand über die Konzentrationslager sprach, und wenn jemand seine Eltern in Buchenwald verloren hatte, folgte betretenes Schweigen, ein Schweigen, wie man es auch aus Deutschland kannte, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Sie kommt aus einer sozialen Schicht, die keinen Kühlschrank und kein Badezimmer besitzt, »und wenn man aufs Klo will, muss man raus auf den Hof«. Nach dem Abitur arbeitet sie als Lehrerin auf dem Land, liest Frauenzeitschriften, die ihr Schönheitsideal von Frauen prägen. Sie fährt einen 2 CV. »Sie ist frei und unabhängig… Ihr Leben nach dem Abitur ist eine Treppe, die in den Wolken verschwindet«, aber dann wird diese Erinnerung an den Beginn der »Freizeitgesellschaft« überlagert von zähen Tagen, die sie mit Bücherlesen und Schallplattenhören verbringt, und plötzlich ist die Euphorie wieder verflogen. Die Versprechungen auf das Leben, die die Zukunft zu machen scheint, lösen sich nicht ein, plötzlich wäre sie gerne noch länger jung geblieben, wo sie doch lange Zeit nicht schnell genug erwachsen werden konnte. Dann wieder die Politik: Die Bomben der OAS in Paris, das Attentat auf de Gaulle, der Putsch der Generäle in Algier.
»Man fand es normal, dass die Einwanderer in Armenvierteln lebten, in Fabriken und im Straßenbau malochten, dass ihre Oktoberdemonstration erst verboten und dann blutig niedergeschlagen wurde.« Damals als über zweihundert Algerier in die Seine geworfen, erschossen oder erschlagen wurden und die Leichen durch Paris schwammen und die Polizei das Verbrechen vertuschte und erst sehr viel später herauskam, was wirklich passiert war, als niemand mehr sagen konnte, »was man damals tatsächlich gewusst hatte«, weil man sich nur noch »an einen milden Herbst und den Semesterbeginn« erinnerte.
Während draußen die Welt aus den Fugen geriet, machte »man es sich drinnen gemütlich.«
Vielleicht funktionieren diese kaleidoskopartigen Erinnerungsbruchstücke deshalb und so lange, wie sie auch im Leser Bilder im Kopf entstehen lassen, wenn man feststellt, wie sehr sich trotz aller Unterschiede eine Jugend in Frankreich und Deutschland ähnelte, als man in der ersten eigenen Wohnung ein Che-Guevara-Plakat aufhängte oder das Foto des Napalm-Mädchens aus Vietnam, wie befreiend die Musik und die Filme und die Literatur und Loslösung von den Eltern war, auch wenn man übers Wochenende immer noch zum Wäschewaschen nach Hause kam.
Aber je länger die Erzählung fortschreitet, desto mehr entfernt sie sich aus der gemeinsamen Erinnerung einer Generation, desto mehr diversifiziert sie sich, zerfasert. Die großen weltgeschichtlichen Ereignisse wie der Zusammenbruch des Ostblocks hat nur noch den Bezug zu ihr als wache Beobachterin des politischen Geschehens, Ernaux fängt an, mehr zu kommentieren, zu analysieren, aber sie hat nicht mehr die emotionale Nähe zu den Verwerfungen der Welt, sie ist inzwischen Mutter von erwachsenen Kindern, hat sich von ihrem Mann getrennt und einen neuen kennengelernt. In ihre Erzählung schleicht sich ein leichter melancholischer Ton. Und als Jugoslawien in Trümmern liegt, ist »man« plötzlich sehr müde. »Man hatte alle Gefühle im Golfkrieg verausgabt, und es hatte nichts gebracht.« Noch mehr: »Die soziale Ordnung löste sich auf. Die Sprache verlor ihren Realitätsbezug, sie wurde zu einem Mittel intellektueller Distinktion … Die Gleichgültigkeit wurde größer.«
Von der erhofften Aufbruchsstimmung, die mit dem Jahr 2000 verbunden ist, bleibt nur Melancholie. Ihre Erwartung, dass endlich »etwas passiert«, die in ihrem Text immer wieder kehrt, nimmt zu, auch wenn sie es nicht genau zu benennen weiß, was passieren soll, obwohl sie alles hat und eigentlich zufrieden sein könnte. Aber gerade der erreichte Wohlstand, wenn man sich zurücklehnen und wohlgefällig seinen Blick auf sein eigenes Leben schweifen lassen könnte, treibt in die Jahre gekommene Menschen dazu, noch einmal vom großen Umbruch zu träumen, es beschleicht sie ein Gefühl der Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, weil man sich ihnen umso mehr entfremdet, je älter man wird und die Veränderungen um sich herum nur noch mit Skepsis beobachtet. Man merkt, das Leben geht weiter und man selbst bleibt auf der Strecke.
Die Erzählung wird zunehmend kursorisch und manchmal sogar banal, weil die Ereignisse keinen unmittelbaren Bezug mehr zu ihr selbst haben. Und man beginnt sich zu fragen, ob die Skizze einer Epoche ihr vielleicht deshalb so gut gelungen ist, weil sie nie wirklich ihre Beobachterposition verlassen hat, ihr Lebenslauf ohne außergewöhnliche Brüche blieb, mit einer weitgehend normalen Karriere, in der sich ihre Zeit wiederspiegeln konnte, weil sie immer eine gewisse Distanz bewahrt, sich nie zu nahe an die Abgründe des Lebens gewagt hat, nie allzu waghalsig gewesen war, auch nicht 68, und wahrscheinlich immer die Ordnung der Dinge bedacht hat. Trotzdem ein großes Buch, ein Buch für eine bestimmte Generation, für die Ernaux »etwas von der Zeit« gerettet hat, »in der man nie wieder sein wird«, und sie versteht es, Erinnerungen zu wecken, die längst verschüttet schienen.

Annie Ernaux »Die Jahre«, Suhrkamp, Berlin 2017. Aus dem Französischen von Sonja Fink, 256 Seiten,

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Nachdem Bosz dem Reporter erklärt hatte, dass der BVB im Spiel gegen Hannover nicht etwa zu hoch gespielt hätte, sondern der Gegner das getan hätte, dass man verloren habe, weil man nicht aggressiv genug gespielt hätte, und dass die Niederlage keinesfalls eine Frage des Systems gewesen sei, waren sich fast alle Experten, die das Spiel gesehen hatten, einig: der Mann muss weg. Denn zu offensichtlich war es, dass die Dortmunder mit langen Bällen in die verwaiste eigene Hälfte extreme Schwierigkeiten hatten. Und Hannovers Coach Breitenreiter hatte ganz bewusst darauf gesetzt, mit den schnellen Spitzen die Dortmunder Verteidiger zu düpieren. Dass es so gut gelang, mag vielleicht auch ein wenig glücklich gewesen sein, aber nicht unverdient, denn die 96er hatten die klareren Chancen, die ein Gegner mit besseren Einzelspielern wahrscheinlich noch konsequenter genutzt hätte, so dass die Niederlage noch höher hätte ausfallen können als nur 4:2. Wie kann man das einfach ignorieren, wenn ein ums andere Mal die 96er-Stürmer allein vor Bürki auftauchen und die Dortmunder nur hinterherlaufen können, dass Zagadou sogar die rote Karte kassierte, weil er Jonathas im Wettlauf in die Hacken geriet. Wie kann man das ignorieren, wenn ein Konter so klassisch verläuft wie das 2:1 durch Bebou? Zwar erzielten die Hannoveraner zwei ihrer Tore durch einen Elfer und einen direkten Freistoß, aber der BVB geriet immer wieder durch die langen Bälle der Hannoveraner in Bedrängnis. Und wenn es denn wirklich an der mangelnden Aggressivität gelegen hätte, wie Bosz monierte, wogegen im übrigen eine Zweikampfquote von 57 % für Dortmund spricht, dann handelt es sich um ein Mentalitätsproblem, für das nun mal der Trainer zuständig ist, dann heißt das nur, dass die Spieler offenbar nicht auf den Trainer hören, und das heißt wiederum, dass der Trainer mit dieser Behauptung einen Offenbarungseid geleistet hat. Aber daran liegt es nicht. Jeder Bundesligaverein weiß inzwischen, dass sich dem taktischen Manko der Dortmunder am besten mit hohen Bällen in die gegnerische Hälfte begegnen lässt. Das größte Problem der Dortmunder besteht darin, dass sie sich die Spielweise des nominell schwächeren Gegners aufdrängen lassen, nämlich hohe Bälle, die dem Gegner Zeit lassen, den Spieler, der den Ball aus der Luft annehmen muss, zu attackieren. Die Bälle fliegen dann sinnlos hin und her, und zwar so lange, bis einer in die leere Dortmunder Hälfte gelangt und ein schneller Gegenspieler an den Ball kommt. Plötzlich tun sich da nämlich Räume auf (mit denen laut Bosz angeblich die Niederlage nichts zu tun hatte), die dem Angreifer klare Vorteile verschafft, denn in der Regel hat er nur einen Verteidiger vor sich und er hat immer die Option, diesen zu überspielen oder zu passen. Mit beiden Optionen muss der Verteidiger rechnen, weshalb er ohne Absicherung immer im Nachteil ist. Genau so kam schließlich auch das 4. Tor durch Bebou gegen Bartras zustande. Dass die Dortmunder nicht zu ihrem Flachpassspiel finden, jeder sich hilfesuchend nach einem anspielbaren Mitspieler umsieht, den Ball viel zu lange am Fuß führt, all das ist keine Frage der Mentalität und der fehlenden Aggressivität. Schon beim grandiosen 6:1 gegen Gladbach, als die Welt noch in Ordnung schien, waren die riesigen Torchancen der Gladbacher kaum zu übersehen. Im folgenden Spiel gegen Real Madrid kann man zwar verlieren, aber vor allem anfangs hatte man das Gefühl, dass hier jemand ins offene Messer rennt. In Augsburg dann hatten die Dortmunder Glück, danach aber wurde die Schwachstelle der Borussen auch in den Ergebnissen deutlich. In den letzten fünf Spielen zwei Niederlagen, zwei Unentschieden und ein Sieg gegen einen Drittligisten. Jetzt steht das Schicksalsspiel gegen Apoel Nikosia an, denn da geht es um das Erreichen der Euroleague, und dann kommen die Bayern, die nicht nur um die Schwäche der Dortmunder wissen, sondern auch noch die besseren Einzelspieler haben. Und das gibt ein Massaker. Besser wäre es, Bosz gleich zu entlassen, bevor das Unheil noch länger seinen Lauf nimmt.