Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Schalke hatte am Freitag zu Hause gegen Mainz mit 2:0 verloren, und obwohl die Blauweißen lange Zeit die haushoch überlegene Mannschaft waren, wurden sie von ihren Fans ausgepfiffen. Wer solche Fans hat, ist nicht zu beneiden. Zu bedauern allerdings auch nicht. In Dortmund muss da schon einiges mehr passieren, bevor die Fans ungeduldig werden. In den frustrierenden Spielen der ersten und z.T. auch in der zweiten Saisonhälfte blieben die Fans erstaunlich ruhig, obwohl es jede Menge Gründe gegeben hätte, seinen Unmut kund zu tun. Aber die Dortmunder Fans haben ein großes Gespür für den Zustand der eigenen Mannschaft, sie wissen, dass es nicht hilft, die Spieler noch mehr zu verunsichern als sie es ohnehin schon sind. Und mit Vorschlägen, es besser zu machen, sind die Fans nicht besonders erfinderisch, denn außer mehr zu kämpfen, fällt ihnen nichts ein. Sie kämen nie auf die Idee, die Mannschaft aufzufordern, schöner zu spielen. Das aber wünschte man sich manchmal vom BVB, denn schön war es nicht, was Dortmund anfangs gegen die Eintracht bot, denn über das gesamte Spiel hinweg wurden die Bälle einfach aus der Gefahrenzone gedroschen, und ein schneller spielerischer Vorstoß von hinten heraus fand nicht statt. Das mochte daran liegen, dass Gündogan ausgefallen war und Bender und Ginter im defensiven Mittelfeld nicht dafür bekannt sind, öffnende Pässe zu spielen. Das Spiel war zunächst von Ungenauigkeiten geprägt, aber auch Frankfurt hatte außer einer gut sortierten Abwehr nichts zu bieten. Erst als der Frankfurter Kittel ein Handspiel im Strafraum beging und Aubameyang mit einem coolen Lupfer, den man keinem seiner Kollegen zutraut, den Elfer zum Führungstreffer verwandelte, wurde das Spiel ein anderes mit sehenswerten Spielzügen wie beim 2:0, als Aubameyang von Durm auf der rechten Seite auf die Reise geschickt wurde und Kagawa der dankbare Abnehmer einer präzisen Flanke wurde. Als in der 2. Halbzeit Frankfurt das Spiel öffnen musste, hatten die Dortmunder Platz zu sehenswerten Kontern, aber trotz zahlreicher Chancen gelang kein Treffer mehr, vor allem auch deshalb, weil Schiedsrichter Weiner dem BVB einen weiteren Elfer verweigerte, als Zambrano Aubameyang im Sechzehner niederrang. Jetzt ist der BVB nur noch drei Punkte hinter Schalke und Augsburg, die punktgleich die Euroleague-Plätze belegen, und da die Bayern voraussichtlich auch noch den Pokal holen, würde auch Platz 7 reichen, um am internationalen Fußball teilnehmen zu dürfen, der in der nächsten Saison finanziell aufgestockt wird. Unten findet ein enger Kampf zwischen fünf Mannschaften statt, die sich um die Abstiegsplätze balgen. Stuttgart gab nach einer 2:0-Führung gegen den Konkurrenten Freiburg das Spiel noch aus der Hand und musste sich mit einem Unentschieden zufrieden geben, und Stevens verstand wieder einmal die Welt nicht mehr, aber wenn Spieler so hochmotiviert in die Arena geschickt werden, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Spieler die Anweisungen des Trainers, auf die Knochen zu gehen, umsetzen und dafür manchmal die rote Karte kriegen, außer den Spielern von Bayern München natürlich. Hannover verlor wegen einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters 2:1 gegen Hoffenheim, und nur der HSV gelang mit dem neuen Trainer Labbadia, der an der Außenlinie rumpelstielzte, in Augsburg ein 3:2-Sieg und kletterte vom letzten auf den Relegationsplatz.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Der BVB ist die Mannschaft mit den zwei Gesichtern. Nach der ersten Halbzeit gegen Paderborn war die Stimmung spöttisch. Und auf die zweite Hälfte bezogen eher fatalistisch. So wie in den ersten 45 Minuten jedenfalls würde Dortmund nicht den Dosenöffner finden, und weil jeder wusste, dass Hummels oder Sokratis immer für einen Patzer gut sind, rechnete man schon mit dem großen Zittern, das dann einsetzen würde. Immerhin spielte Subotic verletzungsbedingt nicht mit, der noch mehr als seine beiden Kollegen im Abwehrzentrum für seine Aussetzer inzwischen eine gewisse Berühmtheit in Fachkreisen erlangt hat. Aber dann kam aus der Kabine eine völlig andere Mannschaft, die schon nach wenigen Minuten und einem mit Tempo vorgetragenem Angriff ein Kopfballtor von Mkhitaryan sah, das an schöne Zeiten erinnerte. Dann traf noch Aubameyang, dem danach noch ein zweiter regulärer Treffer aberkennt wurde, und auch Kagawa, das andere Sorgenkind aus der Kreativabteilung, traf. Nach der deprimierenden 3:1-Pleite gegen Mönchengladbach war das nicht unbedingt zu erwarten, auch nicht gegen Paderborn, die allerdings gar nicht so defensiv auftraten, wie man das erwartet hatte. Am Ende aber musste man feststellen, dass Paderborn dann doch sehr limitiert war und in diesem Fall sogar eine Art Aufbaugegner war, jedenfalls in der zweiten Hälfte, als Dortmund den Druck erhöhte, sich wie früher viele Chancen herausarbeitete und bei einem Torschussverhältniss von 21:2 dann doch nur 3:0 gewann. Ob dieser Sieg mit dem angekündigten Rücktritt Klopps zu tun hat? Wenn es so wäre, und man Klopp einen schönen Abgang verschaffen will, wie Hummels anschließend behauptete, und wenn man zu dieser Leistung nur fähig ist angesichts der Perspektive eines neuen Trainers, dann hieße das, dass die Mannschaft mit Klopp als Trainer tatsächlich nicht mehr kann. Was Hummels niemals zugeben würde, die Zusammenarbeit jedenfalls knirscht, wenn man nicht mehr dazu in der Lage ist, das auf dem Platz umzusetzen, was der Trainer vorgibt oder was man sich zusammen mit dem Trainer vorgenommen hat. Jedenfalls hatte die zweite Hälfte etwas von einem befreiten Aufspielen. Plötzlich ist wieder ein Euro-League-Platz drin, denn auch wenn Augsburg diesmal gewonnen hat, der Abstand beträgt nur sechs Punkte. Und die vor dem BVB liegenden Hoffenheimer haben nur noch einen Zähler Vorsprung. Die Euro-League ist also eine realistischere Angelegenheit als der Pokal, wo man im Halbfinal Bayern vor der Nase hat, und die lässt z.Z. kein deutscher Schiedsrichter verlieren, nachdem die Bayern-Defensive gegen Porto bewies, dass sie auch kann, was Dortmund schon eine ganze Saison lang zelebriert, nämlich dem Gegner durch grobe Schnitzer Tore schenken. Den Hoffenheimern jedenfalls wurde ein Elfer verweigert, aber am 2:0-Endstand der Bayern hat Hoffenheim selbst schuld, denn wer eine so klare Chance wie Modeste verbaselt und am Ende seine Leistung noch mit einem Eigentor krönt, dem ist nicht mehr zu helfen. Für den BVB jedenfalls war der Bayern-Sieg gut. Denn auch der Abstand nach unten ist im dicht gestaffelten Mittelfeld nicht sehr groß. Platz 13 mit Hertha und Platz 7 mit Hoffenheim trennen nur drei Punkte. Danach aber geht es rapide abwärts. Für Hannover, die mit 4:0 in Leverkusen untergingen, wird die Lage immer prekärer. Und für den VfB und den HSV gehen langsam die Lichter aus.

Das Ende einer Ära

Klopp hört auf und das ist schade. Und trotzdem die richtige Entscheidung, denn nach der enttäuschenden Saison war nicht übersehen, dass Klopp immer häufiger ratlos wirkte, denn auch wenn er sich über die Spielqualität seiner Mannschaft keine Illusionen machte, die Erklärungen fingen an, sich zu wiederholen. Warum der BVB so spielte, wie er spielte, dafür gab es keinen Hebel, an dem man nur ansetzen musste, damit alles wieder so werden würde wie in den Jahren zuvor. Die Mannschaft schwankte extrem in ihrer Leistung. Das war früher auch so, aber da wurde der BVB noch nicht an den zwei Meisterschaften, einem Pokalsieg und einem CL-Endspiel gemessen. Die Erwartungshaltung stieg. Man glaubte plötzlich, dass der BVB alle außer vielleicht die Bayern vom Platz fegen würde, und als das nicht der Fall war, schaffte es Klopp nicht mehr, den Druck von der Mannschaft fernzuhalten. Die Verunsicherung der Spieler ist förmlich zu fühlen. Was früher Routine war, klappt plötzlich nicht mehr. Die Überlegung, ob das am Spielsystem liegt, spielt angesichts dieser Verunsicherung keine Rolle. Klopp war sich nach dem enttäuschenden letzten Spiel gegen Gladbach nicht mehr sicher, ob er der »perfekte Trainer« für diese Mannschaft ist. Er betonte, dass es nicht an seinem Verhältnis zu den Spielern liege und schon gar nicht am Verein, aber er ist sich offenbar nicht mehr sicher, ob er die Mannschaft noch nach vorne bringen kann. Klopp ist ein großer Motivator, und Motivatoren verschleißen sich. Klopp hatte allerdings auch eine Spielidee, und mit dieser ist ihm Großes gelungen. Die Ankündigung, zum Saisonende aufzuhören, war sehr emotional. Man schwor sich ewige Freundschaft. Nach dem verflixten 7. Jahr beginnt nun eine neue Ära. Tuchel ist im Gespräch, behauptet Bild, auch wenn diese Meldung nicht offiziell bestätigt wurde. Aber merkwürdig wäre es schon, wenn der schon wieder in die Fußstapfen Klopps treten würde.

Günter Grass – Eine Reminiszenz

»Wieso gilt ein mediokres Talent wie Herr Grass bei Ihnen als Papst der Epik, während Arno Schmidt seit gut zwanzig Jahren in der Ecke stehen muß, zur Strafe dafür, daß er deutsch kann?« Diese Frage stellte Peter Hacks in einem Brief Hellmuth Karasek. Aber Hacks war nicht der einzige, auch andere große Autoren fanden die Bücher von Grass vollkommen überschätzt. Hannah Arendt schrieb an ihre Freundin Mary McCarthy, daß sie »Die Blechtrommel« nie zu Ende lesen konnte, weil sie das meiste darin »aus zweiter Hand, nicht originär« fand. »Ich las sie [Die Blechtrommel] vor Jahren auf Deutsch, und ich finde, es ist eine künstliche tour de force – als ob [Grass] alles an moderner Literatur gelesen und dann beschlossen hätte, sich einiges auszuleihen und etwas Eigenes draus zu machen.« Und Friedrich Dürrenmatt war heilfroh, daß Grass ihm nicht wie versprochen den »Butt« schickte, weil er ihn dann auch nicht zu lesen brauchte: »Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um solche dicken Bücher zu schreiben.« Das gleiche Buch, nämlich der »Butt«, regte Robert Gernhardt zu einem Zweizeiler an: »Man kann alles übertreiben / auch das Schreiben.« Und mehr gabs aus Gernhardtscher Sicht zu Grass auch nicht zu sagen. »Ekelhafte Altmännerliteratur« nannte Elke Heidenreich die Prosa von Grass: »Es muß in erster Linie gute Literatur sein. Und ich finde, daß Grass und Walser seit Jahren nichts Gutes geschrieben haben. (…) Und bei Grass hat mich immer das Übermaß an Eitelkeit und Selbstgefälligkeit gestört.« Das trifft die Sache auf den Punkt genau. Und weil die Bücher von Grass nicht lesbar sind, machte sich Wolfgang Neuss schon früh Gedanken darüber, wie das Zeug anderweitig nutzbar gemacht werden könne: »Macht aus der Geheimrättin von Grass Fragebogentexte bei der Volkszählung.« Das würde die Volkszähler richtig zur Verzweiflung bringen.
Bis auf wenige Ausnahmen glaubt das Feuilleton fest daran, Grass sei ein bedeutender Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Mißverständnis hartnäckig. Grass wurde jedoch nicht damit ausgezeichnet, weil er ein großer Schriftsteller ist, sondern weil er einer der größten Kulturbetriebsintriganten ist, der, wie Heinar Kipphardt einmal schrieb, »mit der SPD in alle Arschlöcher kriecht, in das des Papstes inklusive.«
Günter Grass hat es immer verstanden, seine mediokren Bücher unter die Leute zu bringen, und Otto wußte auch, wie er das machte: »Du kaufst jetzt Günter Grass, sonst setzt es was!«
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Stop! Nicht alle Bücher von Günter Grass waren öde und mittelmäßig. Es war auch ein witziges darunter, auch wenn Grass nichts dafür konnte. Und zwar handelte es sich um eine Übersetzung der »Blechtrommel« ins Schwedische aus dem Jahre 1961, für die Grass dann ja auch den Nobelpreis bekam. Aus »Hut« hatte der Übersetzer »Haut« gemacht. Und man stellt sich vor, wie jemand seine Haut aufsetzte. Aus »Brandungsgeräusch« wurde »Brandgeruch«. Auch nicht schlecht: Es drang ein beruhigender Brandgeruch an sein Ohr. Offensichtlich wollte der Übersetzer, wenn schon kein Schwung in die Sache zu kriegen war, wenigsten den Leuten was zum Lachen bieten. Aus dem Buch »Draußen vor der Tür« von Wolfgang Borchert wurde ein Schauspiel, das in der freien Luft aufgeführt wurde. Aber es geht noch weiter: »Die braunen und schwarzen Uniformen von SS und SA wurden als braune und schwarze ›Vorhänge‹ beschrieben. Das Geheimnis, das sich hinter dem Lied High Society von Louis Armstrong verbarg, wurde vom Übersetzer völlig verkannt: Er übersetzte, die Kapelle habe so gut gespielt, daß sie sich wie zur besten Gesellschaft gehörig fühlte.« (Rainer Schmitz, »Was geschah mit Schillers Schädel. Alles, was Sie über Literatur nicht wissen«).
Aber wer kann schon Schwedisch?

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In dem aufgeregten und hysterischen Geschnatter, das die Presse um die SS-Vergangenheit von Grass anstimmte, ging es fast ausschließlich um das Verschweigen eines peinlichen Flecks auf der weißen Weste von Günter Grass, kaum jemand zweifelte jedoch an seinen künstlerischen und schriftstellerischen Fähigkeiten, denn schließlich hatte man ihm über Jahrzehnte hinweg die Stange gehalten und ihn zum größten deutschen Autor gekürt. Kaum jemand machte sich einen Kopf, wie es dazu kam. Karl Heinz Bohrer war einer der wenigen, der ein paar Überlegungen anstellte, die sich vom üblichen Empörungsjournalismus wohltuend unterschieden.
Grass habe als berühmtester Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur, meinte Karl Heinz Bohrer, seine »künstlerischen Defizite« mit »einem aufdringlichen Moralismus« auszugleichen versucht. Anders als die Intellektuellen, die während der Nazi-Zeit oder danach ins Exil gingen und bei denen »eine existentielle Trauer im Spiel war, von der die Rhetorik der politischen Moralisten charakteristischerweise nichts hatte«, steckte hinter dem laut und vernehmlich vorgetragenen »mea culpa« nicht nur eine »Zerknirschung, sondern mehr noch eine Art Erpressungsversuch, dass man endlich doch die Schuld vergeben möge. Ganz besonders die Opfer selbst, die Juden, sollten das tun.« Und als sich Grass lange genug stellvertretend für alle Deutschen zerknirscht gegeben hatte, aber die Juden dennoch nicht die Begeisterung an den Tag legten, die man von ihnen bei der geforderten General-amnesie erwartet hatte, wurde der Spieß umge-dreht, und Grass drehte mit, indem er sich nun-mehr als Bewährungshelfer gegenüber den Juden aufspielte, damit sie nicht rückfällig und Ver-haltensweisen an den Tag legen würden, die man als Grass und als Deutscher lange genug und vehement öffentlich bereut hatte.
Vielleicht weil Grass bei einem Vortrag in Jerusalem 1971 mit Tomaten beworfen wurde, schrieb er im gleichen Jahr: »So hat Israel durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten einen Vorwand für deren Angriffe geliefert.« Könnte natürlich auch umgekehrt gewesen sein. Weil Grass die arabischen Angriffe auf Israel rechtfertigte, wurde er mit Tomaten beworfen. In diesem Fall muß man sagen: Die Israelis waren so freundlich, ihn nur mit Tomaten zu bewerfen!
Wie auch immer. Grass versuchte doch nur, die Juden zu guten Menschen zu erziehen, denen man eben auch mal die Ohren lang ziehen muß, wenn sie nicht auf den Volkserzieher Grass hören wollen. »Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, daß ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren – weil ich ihm helfen will… Solche Kritik aber zu kritisieren – damit muß man aufhören… dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch«, (Interview im Oktober 2001) ließ Grass nicht locker und verbat sich jede Kritik, denn das Recht dazu hat nur Grass.
Kritik an Grass ist gotteslästerlich und hat gefälligst aufzuhören. Auch kleine Vergehen bleiben nicht da ungestraft, denn Grass sieht alles. Selbst eine kleine nicht genehme Kritik an einem seiner Bücher in der Frankfurter Rundschau entgeht ihm nicht. Dann muß Grass den Chefredakteur anrufen, ihm den Kopf waschen und sein Abo abbestellen. Genauso macht es ein großer Autor und Schriftsteller und Kritiker.

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Nach der Zerknirschung dann das Helfersyndrom. Und dazu war eine Uminterpretation von Auschwitz nötig, die Grass Anfang der Neunziger in Angriff nahm, nachdem Habermas in der Zeit die Frage gestellt hatte »Was wird aus der Identität der Deutschen?« Habermas diagnostizierte »fehlenden Nationalstolz« und verschrieb den Deutschen ein bißchen mehr »Verfassungspatriotismus«. Die »nationale Identität« war damals schwer im Schwange, weil man die frisch dazugewonnenen Zonis aus den fünf neuen Imbißbudenaufstellflächen ideologisch unter einen Hut bringen mußte, und das ließ sich am besten bewerkstelligen, indem man sich eine Unmenge von Feinden imaginierte, die Rudolf Augstein damals in seinen Deutschlandkommentaren im Spiegel erfand. Da dieses nationale Identitätsgefasel aber nicht richtig mit Auschwitz kompatibel war, meldete sich Grass zu Wort, um die Sache hinzubiegen: »Wir kommen an Auschwitz nicht vorbei. Wir sollten, so sehr es uns drängt, einen solchen Gewaltakt auch nicht versuchen, weil Auschwitz zu uns gehört, bleibendes Brandmal unserer Geschichte ist und – als Gewinn! – eine Einsicht möglich gemacht hat, die heißen könnte: Jetzt endlich kennen wir uns.«
Abgesehen davon, daß sich das vor dem Hintergrund seiner SS-Zugehörigkeit ganz lustig liest, ist dieses in hohem, weihevollem Ton abgefaßte Bekenntnis zu Auschwitz nur vordergründig eins. Gerade dieses orgelhafte, aufdringliche Pochen auf Auschwitz mußte einen skeptisch machen. Und zu Recht. Denn »Auschwitz als Gewinn« eignete sich im Sinne der von Habermas verteidigten »Einzigartigkeit von Auschwitz« besser für die unverwechselbare Identitätsausstattung der Deutschen als ein bloß vergleichbares und austauschbares Ereignis, das keinen Anspruch auf Originalität erheben kann und die Deutschen zu bloßen Nachahmungstätern stempeln würde, weil laut Nolte die »Asiaten« das Copyright auf den Völkermord hatten und nicht die Deutschen. Nicht umsonst entschied sich auch der Hobbyhistoriker Helmut Kohl im Historikerstreit für diese Version, denn damit war Auschwitz bewältigt. Mit seiner Sakralisierung und von der Aura des Unbegreiflichen umgeben hatte Auschwitz nur noch eine rituelle Bedeutung. Man konnte sich wieder nationalen Aufgaben zuwenden. Martin Walser meinte das auch: »Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden.« Und so wurde es dann ja auch gemacht.

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Grass ist der lebende Beweis dafür, daß öde Literatur in Deutschland und weltweit eine Chance hat. Das liegt jedoch nicht nur am schlechten Literaturgeschmack hunderttausender Leser, sondern auch an den Vermarktungsmechanismen von Literatur, an dem inszenierten und mit dem Literaturbetrieb abgesprochenen Skandal. Nur mit Hilfe feuilletonistischen Flächenbombarde-ments und der Hinterlassung verbrannter Erde ist das Zeug der Oberlangweiler der großdeutschen Literatur Walser & Grass unters Volk zu bringen. Grass ist das wieder gelungen, als er »Beim Häuten der Zwiebel« en passant erwähnt, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Der Skandal bestand jedoch nicht darin, daß Grass Mitglied in diesem Verein war. Schließlich stammte er nun mal wie die meisten Deutschen aus einem ordentlichen Nazi-Haushalt, wo die Einberufung in die Elite-Einheit nicht als Schande begriffen wurde, abgesehen davon daß die SS in der Schlußphase des Krieges nicht wählerisch war und jeden nahm, den sie kriegen konnte. Sogar Günter Grass. Der Skandal bestand vielmehr in seiner Reaktion auf die Fragen, die sein Geständnis auslöste.
Es hatte zwei Möglichkeiten gegeben, auf diese peinliche biografische Episode zu reagieren: Für den Rest des Lebens die Klappe zu halten oder die Karten auf den Tisch zu legen. Grass hat sich für eine dritte und die schlechteste, weil unlauterste Möglichkeit entschieden: Das SS-Kapitel zu verschweigen, sich als moralisches Nachkriegsgewissen der Nation aufzuspielen, seine Mitgliedschaft sechzig Jahre später auszuplaudern und damit ein weiteres Mal öffentliche Aufmerksamkeit abzugreifen. Grass wußte schon während des Krieges, daß er eine Laufbahn als Schriftsteller einschlagen wollte und ihm dieses Geständnis in seiner Karriere nicht förderlich wäre. Er hätte vermutlich nicht ganz so viele Preise eingesackt und auch den Literaturnobelpreis hätte er nicht bekommen. Auch wenn diese Preise nicht schriftstellerische Verdienste, sondern vielmehr das unermüdliche Klappern in der Adabei-Kultur des Literaturbetriebs würdigen, wäre für die schwedische Akademie ein SS-Mann einfach nicht in Frage gekommen. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte es Grass nicht mal zum Redenschreiber von Willy Brandt gebracht, denn der wäre möglicherweise über die SS-Geschichte nicht sooo glücklich gewesen.
Grass verbreitete unter aktiver Mithilfe u.a. von Ulrich Wickert viel Theaternebel um seine Mitgliedschaft bei der SS, aber das Problem ist nicht, daß er Dreck am Stecken hatte, das Problem ist, daß Günter Grass eine Prosa schreibt, die so knarzt, quietscht und knattert, daß man Menschen, die einen Genuß bei dieser Art von Lektüre empfinden, für nicht besonders zurechnungsfähig halten mag. Seine Leser sind mit einem literarischen Geschmack gesegnet, der in dem nach Bohnerwachs riechenden Treppenaufgang einer Altbauwohnung in den fünfziger Jahren anzusiedeln ist.

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Ich habe die ersten fünfzig Seiten der Erinnerungen von Günter Grass gelesen. Das waren fünfzig Seiten zuviel. Aber warum mehr lesen, wenn es weh tut? Warum mehr lesen, wenn man sich schon mit den ersten fünfzig Seiten so gequält hat? Was ist so interessant an den Memoiren von Günter Grass? Daß »die Kapelle der Schutzpolizei muntere Weisen spielte… Mein erster Steinpilz… Als wir Schüler hitzefrei hatten… Als meine Mandeln schon wieder entzündet waren… Als ich Fragen verschluckte…« Hört sich das wirklich so irre spannend an, daß man es unbedingt lesen möchte? Aber bitte schön, dann läßt man eben die »munteren Weisen« über sich ergehen und tastet sich weiter nach vorn. »Und auch ich habe, wenngleich mit Beginn des Krieges meine Kindheit beendet war, keine sich wiederholenden Fragen gestellt. Oder wagte ich nicht zu fragen, weil kein Kind mehr?«, schreibt einer, weil immer noch Schriftsteller? Man möchte ihm zurufen, doch endlich zu Potte zu kommen »hinter restlichen Ruinenfassaden«, er aber belämmert uns mit seiner Großtante An-na, die ihn »mit dem unumstößlichen Satz begrüßt: ›Na, Ginterchen, bist aber groß jeworden.‹«
»Fünfzig Jahre später, als das, was sich gegenwärtig und notdürftig als ›deutsche Einheit‹ zu behaupten hat, Spuren zu hinterlassen begann, besuchten wir Hiddensee, meiner Ute autofreie Heimatinsel.« Puuuh, geht’s nicht noch ein bißchen gespreizter? Dort trifft Grass einen Jugendfreund. »Bei Kaffee und Kuchen plauderten wir über dieses und jenes…« Ach, wie interessant, wie geistreich und überaus unterhaltsam. Aufmerken läßt einen dann, daß es danach »noch um einheimische Inselgeschichten [ging], in denen sich Lebende und Tote auf Plattdeutsch verplauderten.« Und später? »Nach kurzem Zögern umarmten sich die Schulfreunde und waren ein wenig gerührt.«
Und so labert Grass vor sich hin, breitet seine unglaublich öden Erinnerungen aus, kommentiert sie zwischendrin oberlehrerhaft in der dritten Person, und frickelt unermüdlich eine holprige, langatmige und bräsige Prosa zusammen. Da ist kein Rhythmus drin, keine Musik, kein Dampf, keine Spannung, nur der zähe Wille eines Mannes, bis zum bitteren Ende vor sich hin zu schwadronieren.
Grass‘ Kunst besteht einzig darin, seine Prosa mit barocken Satzkonstruktionen zu befrachten. »Bauern-Barock« nannte die Süddeutsche Zeitung das: »Es wimmelt von Adjektiven. Redundanz ist das oberste Prinzip. Diese Prosa hat etwas Krud-Artifizielles, etwas Ausgeschnitztes, Manieristisches, pedantisch Groteskes (Grimmelshausen hat ihm eben schon an der Wiege gesungen!). Überhaupt gilt für Grass‘ Bücher das Mischungsverhältnis: Auf eine Einheit Denken kommen dreißig Einheiten Bilderwust. (…) Die Lektüre dieser poetischen Essenz ist nur dem Lutschen von Brühwürfeln vergleichbar.« Das ist schön gesagt.
Ein verschnürter Koffer, den er auf einem Dachboden findet, verleitet ihn zu folgender Reflexion: »Unter Gerümpel und zwischen ausrangierten Möbeln wartete ein besonderer Koffer auf mich; so jedenfalls deutete ich den Fund. Lag er unter verschlissenen Matratzen? Tippelte auf dem Leder gurrend eine Taube, die sich durch die Dachluke verflogen hatte? Hinterließ sie, von mir aufgescheucht, frischen Taubenmist? Wurde der verknotete Bindfaden sofort aufgedröselt? Griff ich zum Taschenmesser? Hielt mich Scheu zurück? Trug ich den eher kleinen Koffer treppab und überließ ihn brav der Mutter?« Tja, das sind so Fragen, auf die man schon immer eine Antwort haben wollte. Hätte Balzac die nächste Folge seines Romans in der Zeitung so angekündigt, wäre die Sache schnell beendet gewesen. Spannung ist was anderes. Nur Grass weiß nicht, was das ist. Er weiß nur: So läßt sich ein Buch gut strecken.
Das ist Beamtenliteratur vom Feinsten. Und die hat tatsächlich seinen Ursprung in der Biografie von Grass. Mit zehn oder elf treibt er die Schulden ein, die die Kunden seiner Mutter Krämerladen (um mal in den Zungen Grassens zu sprechen) hinterlassen. Grass wird »zum gewieften und unterm Strich erfolgreichen Schuldeneintreiber. Mit einem Apfel oder billigen Bonbons war ich nicht abzuspeisen. Selbst fromme, mit Öl gesalbte Ausreden verfehlten mein Ohr.« Und das ist er immer gewesen: Ein Geschäftsmann, der seinen Kunden einzureden verstand, daß das, was er an Buchstaben zusammenschrubbte, hoch-wertige Literatur sei. Er ist seiner Mutter dankbar, »weil sie mich früh gelehrt hat, sachlich mit Geld umzugehen.« Und wenn man es noch genauer wissen will: »Ich vergaß, beiläufig die häufigen Mandelentzündungen zu erwähnen, die mich vor und nach dem Ende der Kindheit zwar für Tage von der Schule befreit, aber auch meinen aufs Geld versessenen Kundendienst behindert haben.« Tja, er hat es eben nicht vergessen, sondern doch noch beiläufig erwähnt. Läßt sich der Mann auch noch bei einer glatten Lüge erwischen! Wem aber an dieser Stelle nicht längst die Füße eingeschlafen sind, der wird auch die Lektüre eines Telefonbuches spannend finden.

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»Sachlich mit Geld umzugehen« ist natürlich ein Euphemismus. In Wirklichkeit war Grass wohl eher einfach geizig. Das versinnbildlicht folgende kleine Geschichte: Als Grass eine von Reich-Ranicki auf einer Tagung der Gruppe 47 erzählte Episode aus der Besatzungszeit der Deutschen später im »Tagebuch einer Schnecke« verwendete, sprach ihn Reich-Ranicki nach Erscheinen des Buches beiläufig darauf an, daß er ja wohl an den Honoraren beteiligt sein sollte: »Grass erblaßte und zündete sich mit zitternder Hand eine Ziga-rette an. Um ihn zu beruhigen, machte ich ihm rasch den Vorschlag: Ich sei bereit, auf alle Rechte ein für allemal zu verzichten, wenn er mir dafür eine seiner Graphiken schenke. Ihm fiel hörbar ein Stein vom Herzen…« Tolles Geschäft.
Noch toller war das Geschäft, als Grass 1,8 Millionen Mark für den Literaturnobelpreis einsackte, aber sich den für die Zeremonie vorgeschriebenen Frack von der Theaterschneiderei auf Anweisung ihres Chefs Jürgen Flimm, damals Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, bauen ließ. Ein Maßfrack kostete damals zwischen 5000 und 9000 Mark. Grass spendete 2500 an die Betriebskasse. (Siehe Rainer Schmitz, a.a.o.)

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Nur noch einmal kurz zurück zum Eiertanz, den Grass aufführte, als er auf das späte Geständnis angesprochen wurde, in dem er innere Qualen geltend machte, für die er vorher noch nicht die richtige Ausdrucks- und Verarbeitungsform gefunden habe. Andere hingegen forderte er unumwunden auf, endlich auszupacken, wie am 15. Juli 1969, als Grass dem einstigen SA- und NSDAP-Mitglied Karl Schiller schrieb, er wolle ihn »unumwunden bitten, bei nächster Gelegenheit – und zwar in aller Öffentlichkeit – über Ihre politische Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. (…) Ich hielte es für gut, wenn Sie sich offen zu Ihrem Irrtum bekennen wollten. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie ein reinigendes Gewitter.« Und als sich der damalige Bundesfinanzminister Karl Schiller erfrechte, seinen Brief einfach zu ignorieren, beschwerte sich Grass am 28. April 1970 darüber, daß Schiller seinen guten Rat einfach in den Wind geschlagen habe. Grass habe lange darüber nachgedacht, »wie es möglich sein kann, daß ein Politiker mit so viel Weitblick und Erfahrung … so verengt reagieren kann«, und da ihm, Grass, »diese Materie nicht unvertraut« sei, vermute er hinter der Haltung Schillers »den berühmt-be-rüch-tigten Hochmut des Wissenden«. Soso.
Die FAZ veröffentlichte diese beiden Briefe von Günter Grass an Karl Schiller. Auf Betreiben von Grass untersagte das Berliner Landgericht der FAZ eine weitere Veröffentlichung dieser Briefe. Ist ja auch ein bißchen peinlich.

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Nachdem die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen und in der muslimischen Welt heftige Reaktionen hervorriefen, war dies natürlich ein Fall für Günter Grass, der wie immer bestens informiert die westliche Welt darüber aufklärte, wie sich die Sache verhielt. »Es war eine bewußte und geplante Provokation eines rechten dänischen Blattes«, sagte Grass in einem Interview der El Pais. Den Blattmachern sei bekannt gewesen, daß die Darstellung Allahs oder Mohammeds in der christlichen Welt verboten sei. »Sie haben aber weitergemacht, weil sie rechtsradikal und fremdenfeindlich sind.«
Vor der Grass‘schen Enthüllung hat tatsächlich niemand gewußt, daß die Jyllands-Posten ein rechtes Blatt ist. Woher Grass seine Information bezogen hat, weiß ich nicht, aber vielleicht hat er sie ja von einer der infamen Karikaturen selbst, die einen kleinen Jungen namens Mohammed zeigt, der auf eine Tafel schreibt: »Die leitenden Redakteure von ›Jyllands-Posten‹ sind ein Haufen reaktionärer Provokateure.« Also, wenn die das schon selber veröffentlichen, dann wird’s ja wohl stimmen.
Der Kulturchef von Jyllands-Posten jedenfalls kommentierte den Abdruck der zwölf Karikaturen, die sich vor allem durch ihre Harmlosigkeit auszeichneten: »Einige Muslime lehnen die moderne, säkularisierte Gesellschaft ab. Sie beanspruchen eine Sonderbehandlung, wenn sie auf eine spezielle Rücksichtnahme auf eigene religiöse Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer westlichen Demokratie und Meinungsfreiheit, angesichts derer man sich damit abfinden muß, zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu werden oder sich lächerlich machen zu lassen.« Nicht mit Grass, denn weder Mohammed noch Gott noch Grass dürfen verspottet werden. Meinungsfreiheit schön und gut, aber nicht bei religiösen Gefühlen oder Günter Grass.
Der Abdruck der Karikaturen lockt zunächst keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Nur einen fundamentalistischen Imam, der schon mit der Feststellung aufgefallen ist, Frauen seien »ein Instrument des Satans gegen Männer«. Der macht unter seinen Glaubensgenossen mobil und verlangt, daß »notwendige Schritte« unternommen werden müssen, um die Schmähung des Islam zu verhindern. Der Imam ist erstaunlich erfolgreich, wie Henryk M. Broder in seinem Buch »Hurra, wir kapitulieren« beschreibt:
»Im Herbst 2005 reist eine Delegation dänischer Muslime in die moslemische Welt, die Rundreise wird von der ägyptischen Regierung gesponsert. Im Gepäck der Imame befinden sich eine Dokumentation, die zwölf Karikaturen aus Jyllands-Posten enthält, dazu drei weitere Zeichnungen, die ein paar Zacken schärfer sind: der Prophet als pädophiler Teufel, mit Schweineohren und beim Sex mit einem Hund. Woher die drei Zugaben stammen, wer sie gemacht beziehungsweise gefunden hat und wie sie in die Dokumentation geraten sind, ist bis heute ungeklärt. Irgendjemand muß ein wenig nachgeholfen haben, um die Reaktionen zu optimieren.«
Und das gelingt auch. Im Januar 2006 werden über 100 Millionen Moslems zum Abschluß der Pilgerfahrt nach Mekka per Satellit dazu aufgerufen, sich der »Kampagne gegen den Propheten Mohammed zu widersetzen«. Die Meinungskampagne ist so überwältigend, daß Dänemark international immer mehr unter Druck gerät und fast alle westlichen Länder auf Distanz gehen. Dabei hat die dänische Regierung lediglich zu Protokoll gegeben, daß sie die Karikaturen nicht als strafwürdiges Vergehen ansieht und deren Veröffentlichung durch die Meinungsfreiheit gedeckt ist, in die sich ein Staat gefälligst nicht einmischen sollte. Die Sache geht soweit, daß in Damaskus, Beirut und Teheran die Botschaften Dänemarks angezündet und mit Brandbomben beworfen werden. Von diesen gewalttätigen Reaktionen zeigt sich Grass jedoch wenig überrascht. Es sei nur »die fundamentalistische Antwort auf eine fundamentalistische Aktion«. »Arrogant und selbstgefällig« sei es doch, sich wie die Redakteure der Jyllands-Posten auf die Presse- und Meinungsfreiheit zu berufen. »Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.«
Interessant. Wenn hier jedoch einer die Meinungsfreiheit etwas zu sehr strapaziert hat, dann Grass. Er jedenfalls benötigt bei diesem Gekäse, das er in diesem Fall von sich gab, die Meinungsfreiheit dringender als alle anderen, denn das Abfackeln einer Botschaft dadurch zu rechtfertigen, daß in einem nicht gerade bedeutenden Blatt in einem nicht gerade bedeutenden Land ein paar nicht gerade bedeutende Karikaturen erschienen sind, dazu braucht es allerdings eine große Por-tion Meinungsfreiheit, die selbst die Legitimation offenkundig terroristischer Handlungen in Kauf nimmt. Um seinen absurden Äußerungen etwas mehr Plausibilität zu verleihen, empfiehlt Grass, »sich die Karikaturen einmal näher anzuschauen: Sie erinnern einen an die berühmte Zeitung der Nazi-Zeit, den Stürmer. Dort wurden antisemitische Karikaturen desselben Stils veröffentlicht.« Gerade Grass als ehemaliges SS-Mitglied müßte das eigentlich besser wissen. Julius Streicher je-denfalls wäre über diesen Vergleich schwer beleidigt gewesen. Und das zu Recht.

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Aber von Julius Streicher läßt sich Günter Grass natürlich nicht einschüchtern. Alles, was Günter Grass nicht in den Kram paßt, ist nicht weit entfernt von den »antisemitischen Karikaturen« im Stürmer. Grass soll nämlich jetzt auch als Jude fertig gemacht werden. Darüber informierte er die Weltöffentlichkeit in der Zeit, wo man Grass mit seinem Langweilerkollegen Walser drei Seiten zur Verfügung stellte. Die ergriffen die Gelegenheit, um sich in aller Aus-führlichkeit auszumähren, und man weiß nicht, ob die Zeit plötzlich glaubt, schriftstellerischen Sozialfällen unter die Arme greifen zu müssen, oder ob die im Feuilleton vielleicht einen an der Waffel haben, anderen guten Autoren und guter Literatur den Platz zu stehlen. Wie auch immer. Bei soviel Raum nahm Grass die Gelegenheit wahr und beschwerte sich über die Karikatur von Greser & Lenz, eine nette und liebevolle Zeichnung, die auch für den Umschlag dieses Buches verwendet wurde. »In der FAZ ist eine Karikatur über mich veröffentlicht worden, die hatte Stürmer-Quali-tät.«
Aha! Na, dann werfen Sie mal einen Blick darauf? Rausgefunden? Wenn Sie wissen, welche Karikatur in der FAZ und welche im Stürmer er-schienen ist, machen Sie doch ihr Kreuz an die richtige Stelle und schicken Sie die Lösung zu Grass nach Lübeck oder zu Steidl nach Göttingen. Vielleicht gewinnen Sie was? »Beim Häuten der Zwiebel« mit Widmung vielleicht? Oder den »Butt« als Trostpreis? Nein? Dafür nicht? Meine Güte, Sie sind vielleicht ein undankbares Völk-chen!

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Als ich die üblichen Verdächtigen im Dunstkreis des Verlags fragte, ob sie ihre Autorenvita mit einem Beitrag zu diesem Buch schmücken wollen würden, stieß ich auf einer Mauer des Wider-willens und es hagelte Ausreden. »Grass? O ne. Zu dem fällt mir echt nix ein«, hieß es meistens.
Das meinte auch der Irland-Korrespondent der taz Ralf »Ralle« Sotscheck. Aber dann fiel ihm doch noch was ein, nämlich daß er sich mal von Grass den »Butt« signieren ließ, den seine Oma einmal im Park gefunden hatte. Irgendjemand hatte den »Butt« weggeschmissen. »Tja, jetzt müßte er nur noch sterben«, sagte Ralf herzlos, nur die Wertsteigerung des Buches im Auge. Wenn er sich da mal nicht irrt. Nicht, daß Grass nicht irgendwann stürbe – obwohl man das bei dem Mann nicht so genau wissen kann –, aber auf den »Butt« wird der feine Herr Sotscheck sitzen bleiben, denn selten wurde ein Volk von den Büchern eines Autors so überschwemmt wie die Deutschen mit Grass.
Und um ein zweites Beispiel zu nennen: Günther Willen schrieb mir: »Lieber Klaus, danke für deine reizende Mail. Leider kann ich nichts zum Grass-Buch beisteuern, da mir zu Grass-Günni nix einfällt, tut mir echt sorry. Außerdem schreibt er sich ›Günter‹. Pffft! Wir Günthers mit Mohrrüben-H können über Günter ohne H nur lachen, denn der einzig wahre Günther schreibt sich mit H, das ist die Wahrheit. Ein kleiner luschtiger Günter-ohne-H-Zwischenfall. Ein Kollege wurde verabschiedet, der Günter (!) hieß und Toupetträger war. Ein Fotoalbum mit den Fotos sämtlicher Mitarbeiter wurde gemacht und ihm am letzten Arbeitstag überreicht. Ich schrob an mein Foto eine kleine Grußbotschaft an den Kollegen Günter ohne H, aber mit honiggelbem Fiffi: ›Günther mit H grüßt Günter ohne H!‹ Ohne H!! Verstehst Du? Ich habe noch volles Haar, doch Günter ohne H hat keine Haare mehr, also ohne H. Naja. Ach, vergiß es.«
Ich habs dann doch nicht vergessen, weil ja der Mann ohne H achtzig wird, und da will man ja schließlich nicht abseits stehen und auch ein kleines Ständchen bringen. Das ist man Deutsch-land einfach schuldig. Und deshalb ließ ich nicht locker und habe dann doch noch ein paar Experten davon überzeugen können, daß es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit ist, dem »Querdenker«, wenn nicht »Quadratdenker«, eine Kleinigkeit ins Poesiealbum zu schreiben. Man tut eben, was man kann.

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Ach so: Was bleiben wird von Günter Grass?
Vermutlich seine die Antiquariate über die nächsten Jahrzehnte hinaus verstopfenden Bücher und die »Fragilaria guenter-grassii«. Das ist eine 1992 in der Danziger Bucht entdeckte und bis dahin unbekannte Algenart, die nach ihm benannt wurde.
Und wenn jemand nicht so genau wissen sollte, was eine Alge ist: Es ist eine primitive Lebensform. »Einzeller eben«, wie mir mein Neffe, ein Naturwissenschaftler, abschätzig mitteilte. Und das paßt ja dann irgendwie auch.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

In der Liga schon zum 3. Mal, und wenn man das frühe Tor gegen Juve dazuzählt, schon zum 4. Mal, dass Dortmund in dieser Saison sich in den ersten Minuten das erste Tor einfängt. Dem schnellen Direktspiel der Gladbacher sahen die Dortmunder fasziniert zu, und dann rutschte Hummels auch noch im entscheidenden Moment aus. Zur Unfähigkeit kommt auch immer noch Unglück dazu wie beim 3:0 der Gladbacher, als eine Ecke von Ramos Rücken abprallte direkt einem Gladbacher vor die Füße, der nur noch einzuschießen brauchte. Nur beim wunderschönen 2:0, als Patrick Herrmann aus der eigenen Hälfte heraus für alle Dortmunder zu schnell war, alle Grätschen zu spät kamen und Subotic einfach ein paar Meter abgehängt wurde, da war kein Pech dabei, sondern nur Unvermögen. Der Sieg der Gladbacher war souverän herausgespielt und in keiner Phase des Spiels konnte man sich Hoffnung machen. Nur direkt nach der Pause ließ Kagawa zwei riesige Chancen aus und man wusste nicht, ob es technische Mängel waren oder die große Unsicherheit, die sich auf das Spiel der Dortmunder gelegt hat. Auch bei Klopp scheint Ratlosigkeit um sich zu greifen, denn trotz der imposanten Verletztenliste (Reus, Kirch, Piszczek, Sahin) stand keine Notelf auf dem Platz. »Wir waren stets bemüht«, sagte Klopp, und: »Ich glaube nicht, dass das ein Rückfall war. Aber es trotzdem sehr bescheiden.« Und damit hat er auf dem Punkt gebracht, was es mit dem Dortmunder Spiel auf sich hat. Trotz der Energieleistung wie im Pokalspiel gegen Hoffenheim, als Kehl durch einen grandiosen Gewaltschuss in der Nachspielzeit der Siegtreffer gelang, ist das BVB-Spiel geprägt von der Unfähigkeit, eine einigermaßen gut sortierte Abwehr in Bedrängnis zu bringen. Zu statisch und ausrechenbar ist das Spiel geworden. Gündogan verteilt ein bisschen die Bälle, ohne dass dies den Gegner in Schwierigkeiten bringen würde, Mkhitaryan ist bemüht, gewinnt aber keine direkten Zweikämpfe und Kagawa bleibt unauffällig und wirkungslos. Sie spielen sich den Ball in der gegnerischen Hälfte so lange zu, bis sie ihn verlieren und in einen Konter laufen. Und auch wenn Subotic den Wettlauf gegen Herrmann verlor, so machte er jedoch auch viele Konteransätze zunichte. Kein einziges Mal konnte die Schnelligkeit Aubameyangs ausgespielt werden, nur Schmelzer auf der linken Seite machte Druck. Es war wieder eine Lehrstunde, wie sich Spiele gegen Dortmund gewinnen lassen. Schnelles Tor schießen, wenn Dortmund noch schläft, dann aus einer sicheren Abwehr heraus den Gegner alibispielen lassen und sich aufs Kontern verlegen. Natürlich wurde der BVB durch die Weggänge Götzes und Lewandowskys entscheidend geschwächt, ohne die die Bayern weit weniger Punkte hätte und sich wahrscheinlich gerade mit Wolfsburg ein Duell um die Meisterschaft liefern würde, aber das erklärt nicht das Formtief, in dem sich die Dortmunder fast durch die Bank befinden. Jedenfalls muss sich der BVB nach zwei verlorenen Spielen wieder nach unten orientieren und versuchen, Abstand auf die nur sechs Punkte entfernten Abstiegsplätze zu halten. Gegen Paderborn kommt der nächste schwere Brocken, der die Spielweise der Dortmunder durchschaut hat und einen schwer zu knackenden Abwehrriegel aufbauen wird. Und Paderborn ist zur Zeit der Maßstab für die Möglichkeiten Dortmunds. Weiter oben haben sie jedenfalls nichts verloren.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Immer noch ist das Spiel des BVB gegen Bayern das Attraktivste, das die Bundesliga der Fußballwelt zu bieten hat, obwohl Dortmund auf Platz 10 steht. Das kommt zum einen davon, dass Wolfsburg und Leverkusen die Ausstrahlung von grauen Mäusen haben, und zum anderen, weil der BVB immer noch von seinem Glanz der letzten Jahre zehrt, während nur noch der Mythos übrig und die Zeit vorbei ist, in der Dortmund noch irgendetwas reißt, sieht man von Ausnahmen wie gegen Schalke ab. Obwohl Ribéry und Robben verletzungsbedingt fehlten, war die Hoffnung nicht allzu groß, dass der BVB gegen Bayern gewinnen könnte. Die Routine des Verlierens gegen Favoriten hat sich inzwischen so festgesetzt, dass es selbst gegen Hoffenheim im Pokal schwer sein wird und gegen Gladbach die Chancen ziemlich gering sind. Verwunderlich an dem taktisch vielleicht interessanten, aber nicht sehr attraktiven Spiel, war nur der Respekt, den Guardiola immer noch vor dem BVB hat, denn er stellte seine Mannschaft so defensiv auf, wie das sonst nur Mannschaften tun, die gegen den Abstieg kämpfen. Mit Lahm, Schweinsteiger und Alonso errichtete er einen Abwehriegel schon im Mittelfeld und zerstörte schon im Keim die Kreation Dortmunder Chancen. Sie nutzten damit genau die Schwachstelle im Dortmunder Spiel. Und vorne hatte man Müller und Lewandowski, denen ein gewonnener Zweikampf gegen Hummels reichte, um aus einer Chance ein Tor zu machen. Man machte deshalb Hummels für den Treffer verantwortlich, aber das ist Blödsinn, denn die Dortmunder Abwehr war in Überzahl, hatte durch die schnelle Spielweise nur mal wieder die Orientierung verloren. Vorne hingegen setzte Reus eine Hundertprozentige an das Außennetz. Und genau das war der Unterschied zwischen beiden Mannschaft. Und den Rest besorgte der Schiedsrichter, der einen klaren Elfmeter übersah, als Alonso Aubameyang im Strafraum auf den Fuß trat und den Dortmunder zu Fall brachte. Es hätte also 2:1 für den BVB ausgehen können, aber genau das wäre ungewöhnlich gewesen. Das Schlimmste aber ist, dass dem Spitzenspiel der Bundesliga das Dramatische verloren gegangen ist, das Auf und Ab, die genialen Spielzüge, schnelle Konter, die schönen Tore und das klägliche Scheitern. Das alles ist entschwunden, geblieben sind je eine Chance auf beiden Seiten und eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters. Die Schönheit des Spiels ist inzwischen bei den Gladbachern zu bewundern, die genauso wie die Dortmunder früher die Gegner mit ihrem Pressing und ihren schnellen Kontern überrumpeln. Und Gladbach wird den Dortmundern auch die nächste Niederlage bereiten, denn es ist unwahrscheinlich, dass den Gladbachern wieder so ein kurioses Eigentor wie im Hinspiel unterläuft. Bei Dortmund wird ein großer Schnitt stattfinden. Immobile kann für 15 Millionen gehen, Ramos würde man ebenfalls gerne loswerden, ein Einkauf, den niemand so richtig verstanden hat. An Mkhitaryan hat Juve Interesse, Gündogan hat bereits Kontakt zu Atletico Madrid aufgenommen und Hummels seine Wechselwilligkeit öffentlich kund getan. Dafür kommt eventuell André Ayew von Marseille. Man braucht keine allzugroße Phantasie, um zu bemerken, dass dann auch Marko Reus kaum zu halten sein wird, auch wenn er erst vor kurzem verlängert hat. Sieht so aus, als ob sich der BVB noch einmal völlig neu erfinden müsste.

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Die Dortmunder knüpften nahtlos an ihre Leistung letzte Woche gegen Hamburg an. Niemand scheint mehr den Glauben oder den Willen zu haben, den Zehn-Punkte Vorsprung auf die internationalen Plätze einholen zu wollen. Dabei ist es nicht so, dass man den Spielern Lustlosigkeit vorwerfen könnte. Sie mühen sich und rackern, aber in der dichtgestaffelten Kölner Abwehr fanden sie einfach die Lücke nicht. Fehl-, Rück- und Sicherheitspässe und Missverständnisse prägten das Dortmunder Spiel und man wusste nicht so recht, warum das so ist nach vier gewonnenen Ligaspielen. Lag es an Juventus, das Mittwoch nach Dortmund kommt? Lag es an den Kölnern, die genauso spielten, wie es die Dortmunder nicht mögen und wogegen sie keine Mittel finden? Warum findet Mkhitaryan nicht zu seiner Form? Warum bleibt Kagawa immer noch unter seinen Möglichkeiten? Köln hatte die eindeutig besseren Chancen, auch wenn sie vielleicht nur 30 Prozent Ballbesitz hatten. Aber genau das kommt eben heraus, wenn man sich hauptsächlich hinten die Bälle hin- und herschiebt und nach jeder Balleroberung darauf wartet, bis sich die Kölner Abwehr wieder sortiert hat. Die Kölner mussten nur darauf warten, bis einem Dortmunder im Mittelfeld ein Fehlpass unterlief und schon ging es zügig zum Tor. Zum Glück verdaddelten die Kölner ihre drei Großchancen wie das sonst nur die Dortmunder machen. Für das Highlight des öden Ballgeschiebes sorgte Aubameyang, der sich als die Hand Gottes versuchte, aber im Unterschied zu Maradonna dabei erwischt wurde. Zu offensichtlich war der Versuch. Und Marcel Reif kam schon ganz früh auf die Pressetribüne, um dem Kontakt mit seinen Zuhörern zu entgehen, er wurde sogar von einem Bodyguard bewacht. Niemand in Dortmund mag ihn und trotzdem darf er die Zuhörer quälen. Eine eigenartige Taktik, die der Bezahlsender sky da verfolgt. Jedenfalls ist Reif ein gutes Argument dafür, um das Spiel im Stadion zu gucken, aber nicht, um mehr Abonnenten zu kriegen. Im Vorfeld des Spiels Bremen gegen Bayern wurde mal erwähnt, dass Bayern von den Schiedsrichtern bevorzugt wird, nachdem ihnen im letzten Spiel ein Elfer geschenkt wurde. Gegen Bremen wurde ein Elfer gegen Bayern nicht gegeben. Natürlich weiß man nicht, ob der das Spiel entscheidend beeinflusst hätte, nachdem es am Ende 4:0 für die Bayern stand, aber es ist schon lustig, dass dieser Tatbestand statistisch ohne Ergebnis untersucht wird, dabei reicht der Augenschein und in diesem Fall das Bekenntnis des Schiedsrichters, der das Foul von Boateng an Prödl im Strafraum übersehen hatte. Jedenfalls treffen die Bayern wie sie wollen, während man bei Schmelzer schon beim Ansatz eines Schusses lieber die Augen schließt. Die Schiedsrichter scheinen sich das üble Foul von Behrami an Mkhitaryan letzte Woche angesehen zu haben und haben jetzt im Spiel des HSV in Hoffenheim die Konsequenz gezogen. Bereits in der 19. Minute musste Drobny wegen einer Notbremse vom Platz. Am Ende stand es 3:0 und Zinnbauer beklagte wahrscheinlich die mangelnde Härte seiner Mannschaft. Der VfB geht sehenden Auges dem Abstieg entgegen, denn auch nach der 4:0-Klatsche in Leverkusen hält Dutt an Stevens fest, und niemand weiß warum. Und Hertha klaut Schalke beim 2:2 einen Punkt, weil Wellenreuther, der gegen den BVB noch so sensationell gehalten hat, zwei schwere Patzer unterliefen.

Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Eigentlich war es zu erwarten, dass es kein attraktives Spiel werden würde, denn der unter Druck stehende HSV-Trainer Zinnbauer würde für einen Punkt alles tun. Er baute einen Riegel um die Abwehr und sagte den Spielern, auf die Knochen zu gehen. Und das taten sie dann auch. Hummels sagte nach dem Spiel zwar, das Spiel wäre hart, aber nicht überhart gewesen, aber das ist wahrscheinlich der Perspektive auf dem Platz geschuldet, wo man nicht immer alles mitbekommt, aber am Schirm sah es aus, als würde Behrami unbedingt einen der Dortmunder als Invaliden vom Platz schicken wollen. Jedenfalls war das im Zweikampf gegen Mkhitaryan der Fall, dem er mit Vorsatz seinen Ellbogen in den Hals rammte. Eine klare rote Karte, die den Verlauf des Spiels völlig auf den Kopf gestellt hätte, denn die Hamburger hätten fast die gesamte Zeit über in Unterzahl spielen müssen. Gagelmann gab dem Treter aber nicht mal gelb, so dass die Hamburger das als Aufforderung verstehen konnten, in diesem Stil weiterzumachen. Es war dann auch nicht Gagelmann, der Behrami vom Platz nahm, obwohl er sich noch drei weitere ähnlich hässliche Fouls leistete, sondern Zinnbauer, der es selber nicht glauben konnte, dass Behrami noch nicht mit rot vom Feld geschickt worden war. Insofern war das positivste an diesem Spiel, dass keiner der Dortmunder ernsthaft verletzt wurde, ja es klingt fast wie ein Wunder, denn die Hamburger hatten es auf nichts anderes abgesehen, um das Spiel zu zerstören und die Dortmunder davon abzuhalten, ihr Spiel aufzuziehen. Diese Spielweise wird immer wieder mit Worten umschrieben, wie »sich Respekt verschaffen« oder »bissige Spielweise«, dabei handelt es sich einfach nur um üble Treterei. Und selbst van der Vaart, der später eingewechselt wurde und eigentlich als feiner Techniker gilt, wurde mit dem Auftrag auf den Platz geschickt, Subotic zu provozieren, was er auch gleich tat, indem er in ihn auf den herauslaufenden Weidenfeller schubste, sodaß beide zusammenprallten. Als Subotic  sich dann vor van der Vaart hinstellte, fiel der sofort wie vom Blitz getroffen um. Gagelmann gab beiden gelb und van der Vaart hatte seinen Auftrag erfüllt. Ein unansehnliches, zerfahrenes Spiel, in dem der HSV so gut wie nichts zustande brachte: 4 Torschüsse (12 der BVB) und auch in allen anderen statistischen Belangen war der HSV unterlegen, nur bei den Fouls führte der HSV mit 23:12. Ein Spiel ohne Tore und zum Vergessen, denn man sah mal wieder, dass Mannschaften, die spielen wollen, nicht dafür belohnt werden und nicht mal vom Schiedsrichter geschützt werden. Aber krasse Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern gab es auch in Augsburg, als in der 10. Minute ein Spieler von Augsburg im Strafraum klar von den Beinen geholt wurde, ohne dass es Strafstoß und eine rote Karte gegeben hätte. Immerhin ließ Gräfe dann die Augsburger schließlich doch gewinnen, indem er einen regulären Treffer der Wolfsburger einfach nicht anerkannte, aber daran sieht man, dass Spiele weniger durch das Auftreten der Mannschaften entschieden werden, sondern durch den Schiedsrichter. Klopp war schon froh, dass man den HSV auf Distanz gehalten hat, gegen den man leider eine desaströse Bilanz aufweist, aber gegenüber den Vereinen, die um die internationalen Plätze spielen hat Dortmund Punkte verloren, denn Schalke und Augsburg haben ihre Spiele gewonnen.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag – Das 146. Derby

Als in der 78. Minute das 1:0 im Revierderby BVB gegen Schalke fiel nachdem ein vom Gegner abgeprallter Ball Aubameyang vor die Füße fiel, der ihn am Torwart vorbei in die Ecke spitzelte, da fiel allen eine Zentnerlast von den Schultern. Diesmal aber machte Aubameyang keinen Salto, sondern er lief hinter das Schalker Tor, wo er vorher unbemerkt eine Batman-Maske versteckt hatte. Aubameyang als Batman und Reus mit einer Augen-Maske als Robin. Damit lagen sie sich in den Armen und jubelten und diese ganz und gar kindische Freude war entzückend anzusehen, und diese Aktion spricht vom Selbstbewusstsein des Gabuners, weil er offenbar schon vor dem Spiel davon überzeugt war zu treffen. Allerdings, wer sollte in Dortmund sonst treffen? Bei der Ladehemmung, die die gesamte Mannschaft befallen hat. Diesmal aber sah alles ganz anders aus, auch wenn bis zum erlösenden ersten Tor fast achtzig Minuten vergehen mussten. Und ausgerechnet Aubameyang erwies sich als der größte Chancentod, immerhin versiebte er drei Hundertprozentige. 31 zu 3 Torschüsse standen am Ende zu Buche, und die drei Schüsse von Schalke trafen dabei nicht mal das Tor, während gute zehn riesige Tormöglichkeiten für den BVB sprachen. Oder eben auch nicht, denn am Ende des Spiels beschlich mich langsam das Gefühl, dass trotz der aberwitzigen Überlegenheit es ein Tag werden könnte, an dem das gegnerische Tor einfach vernagelt war. Aber das Erstaunliche war, dass die Dortmunder zu keiner Phase des Spiels nachließen, dass sie Schalke ständig unter Druck setzten oder in den Ruhephasen laufen ließen, indem sie den Ball cool in den eigenen Reihen hielten. Fast alle Spieler traten wie entfesselt auf, als hätte es nie eine Krise gegeben, in der fast alle weit unter ihren Möglichkeiten spielten. Gündogan spielte grandios und bereitete in einer sensationellen Energieleistung mit einer Flanke das 2:0 durch Mhkitaryan vor. Und der wurde dann von allen besonders gefeiert, weil ihm seit gefühlten fünf Jahren endlich wieder ein Treffer gelungen war. Alle umarmten ihn und man sah sein glückliches Gesicht aus der Masse seiner Mitspieler hervorlugen. Wie lange schon hatte ich ihm diesen Treffer schon gewünscht, weil man den Knoten förmlich spürte, der sich bei ihm in Unsicherheit und Verzagtheit niederschlug. Aber wie fast alle seine Kollegen schien er seinen verpassten Möglichkeiten nicht lange nachzutrauern, sondern er machte weiter. Und das war das Besondere. Der BVB hielt das Niveau hoch, während Schalke wahrscheinlich vollkommen überrascht war, dass es diesmal mit der defensiven Taktik Di Matteos und dem Hoffen auf gelegentliche Konter, mit denen so viele limitierte Mannschaften in Dortmund gepunktet hatten, diesmal nicht klappte. Schalkes Auftritt war unterirdisch und nicht wirklich erklärlich, denn mit ihrem Catenaccio hatten sie bislang ja durchaus Erfolg, jedenfalls mussten sie im Unterschied zum BVB nur wenige Gegentore hinnehmen. In diesem Spiel allerdings hätten es auf einmal auch acht oder sogar noch mehr Tore sein können. Wenn der BVB so weitermacht, wovon man allerdings nicht ausgehen kann, dann könnte man tatsächlich noch an den internationalen Plätzen schnuppern. So aber ist es einfach nur schön, dass man wieder weiß, wie schön sie spielen können, denn mit Kagawa, Sahin, Gündogan, Hummels, Reus, Mhkitaryan und Aubameyang hat man ein unglaublich technisches Potential.

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Mit den guten Nachrichten, die sich, wie ich vor einer Woche schrieb, in Dortmund auffällig häufen, ist es schon wieder vorbei. Dortmunder Fans solidarisierten sich mit den »Boyz Köln«, die vor einer Woche das Spielfeld gestürmt hatten mit dem Plakat »Je suis Boyz Köln«. Was für Fans das waren, darüber war nichts zu erfahren, aber innerhalb der geölten Medienmaschine mit Spielern, die mehr Gel im Haar haben als Grips im Kopf, war es immerhin eine nette Provokation. Dann ließ noch Immobile seinem Frust in der »Gazzetta dello Sport« freien Lauf, weil er nur noch auf der Bank sitzt. Obwohl er 10 bis 11 Kilometer im Spiel laufe, werde er kaum angespielt. Das ist ein wenig so wie früher auf dem Bolzplatz, als sich auch jeder darüber beschwerte, weil er nicht dauernd den Ball kriegte. Das Problem ist vielmehr, dass er offenbar immer noch nicht das Spielsystem Klopps begriffen hat. Er sieht sich als ein Einzelspieler, auf den das Spiel zugeschnitten sein muss. Dann würde er wahrscheinlich auch glänzen, wenn alles klappt, aber würde er einen schlechten Tag erwischen oder ihn jemand aus dem Spiel nehmen, dann würde das ganze Spiel darunter leiden, weshalb ein solche Spielweise nicht sonderlich zeitgemäß ist. Dass er allerdings unter der Mentalität der Deutschen leiden muss, kann ich gut verstehen, vor allem, wenn es wie in den letzten Wochen, wenig zu lachen gab, wobei ich mir nicht so sicher bin, ob die Leute in Turin, wo Immobile zuletzt gespielt hat, wirklich so viel anders sind als die Deutschen, auch wenn dort Revolten und Streiks stattfanden, wie es sie in Dortmund meines Wissens nie gab, was für die historische Psyche der Einwohner nicht ganz unerheblich ist. In Dortmund lässt sich die in einem Wort zusammenfassen: »Maloche«. Noch bedenklicher erscheint mir, dass er offenbar keinen freundschaftlichen Kontakt zu seinen Teamkollegen hat. Wenn da was dran sein sollte, dann wäre es zumindest kein Wunder mehr, dass es bei Dortmund gerade so schief läuft, auch wenn sie zum 3. Mal hintereinander gewonnen haben. Aber auch der Sieg in Stuttgart war keine große Meisterleistung, denn der VfB ist völlig von der Rolle und war kaum in der Lage, mal in den gegnerischen Strafraum zu kommen. Aber es reichte zweimal dort aufzutauchen, um zwei Tore zu schießen. Und wenn Baumgartl nicht die schöne Vorlage auf Reus gegeben hätte, die der zum 3. Dortmunder Treffer nutzte, dann hätte es ein Unentschieden gegeben, egal wie verdient letztlich der Dortmunder Sieg war. Trotzdem kommen die Dortmunder langsam wieder in Tritt, aber ob es gegen Juve und Schalke reichen wird, ist noch lange nicht ausgemacht, denn das sind Gegner von einem anderen Kaliber. Erschreckend hingegen war die Leistung des für Kampl eingewechselten Mkhitaryan, dem kaum etwas gelingen wollte. Da lief ein Schatten seiner selbst auf dem Platz herum, dem fast alle Zuspiele mißlangen und der so zuverlässig beim Gegner hängen blieb wie sonst nur Großkreutz. Leider muss man konzedieren, dass die guten und aufregenden Spiele z.Z. woanders stattfinden, nämlich in Augsburg, wo es ein verrücktes 2:2 gegen Leverkusen gab, weil dem Torwart Hitz in der allerletzten Sekunde der Verlängerung der Ausgleich gelang, der hochverdient war, weil den Augsburgern ein glasklarer Elfmeter verweigert wurde und die Leverkusener um eine rote Karte herumkamen.