Harry Rowohlts letzte Briefe

Die Briefe von Harry Rowohlt gehören zum lustigsten, das die literarische Welt in Deutschland zu bieten hat. Zwei Bände sind bereits zu Rowohlts Lebzeiten erschienen, nun ist »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe Bd. III« gerade auf den Markt gekommen. Das Brief-Genre ist eigentlich nicht besonders hoch angesehen ist. Jedenfalls nicht beim großen Publikum. Und in der Regel ist es ja auch so, dass die nachgelassenen Briefe von Schriftstellern eher das Interesse von Literaturhistorikern bedienen und das leider zu recht, denn häufig verströmen solche Briefbände alles andere als Charme und Witz. Es gibt wenig Autoren, die im Bewusstsein ihres Nachruhms das Schreiben von Briefen – heute ja sowieso eine ausgestorbene Form der Kommunikation – als eigenständige Kunstform betrachtet haben. Hunter S. Thompson war so jemand, und das schon in jungen Jahren. Er schrieb an Verwandte und Bekannte, nicht bloß um sich mitzuteilen, sondern um sein Leben auf einer anderen Ebene und mit anderen Mitteln fortzuschreiben, was eine gewisse Hybris voraussetzt und den unbedingten Glauben an sich selbst. Aber während Hunter Thompson ein Poltergeist war, der auf brachiale, aber auch auf sehr kunstvolle und originelle Weise schimpfen konnte, bevorzugt Harry Rowohlt den hintergründigen Witz, die Pointe, die sich erst nach einer seiner Abschweifungen, für die er berühmt ist, erschließt. Das heißt aber nicht, dass er in seinen Urteilen nicht vernichtend sein konnte, wenn ihm jemand auf die Nerven ging.
Auf eine Anfrage der Grünen, für sie Wahlkampfwerbung zu machen, antwortete er 2005: »Lieber hänge ich tot über einem Zaun im Kosovo, als daß ich auch nur eine Sekunde lang die Grünen unterstütze.« Die Grünen hätten sich diese kleine Invektive ersparen können, wenn sie nicht einfach wahllos Promis angeschrieben, sondern recherchiert hätten, wofür Harry Rowohlt steht. Dann hätten sie herausgefunden, dass er es mit der Linken hielt und Joschka Fischer nicht ausstehen konnte. Er hasste es, wenn jemand seinen Status als Promi ausnutzen wollte.
Manchmal war es auch schlechte Erfahrung, aus der er versuchte klug zu werden, indem er wunderbare kleine Ablehnungsschreiben verfasste. »Für Gerstenberg habe ich schon mal was übersetzt und davon nur durch Zufall erfahren. Diese Zusammenarbeit reicht mir völlig. Wenn Sie das Buch zurückhaben wollen: Bis Samstag 14 Uhr liegt es in meinem Papierkorb.« Oder die Antwort auf eine Anfrage des SWR: »Mir ist plötzlich klar geworden, daß ich eigentlich gar keine Lust habe, am 6. Mai früh aufzustehen, um mir die immer gleichen Fragen stellen zu lassen.« Oder an die Redaktion »Season«: »Danke für die Anfrage. Ich habe m.W. noch nie eine Frauenbiographie gelesen. Nicht mal eine geschrieben.«
In seiner herzlichen Abneigung gegenüber seinen Übersetzerkollegen Hans Wollschläger lief er zur Hochform auf: »Der verehrte Kollege Wollschläger – und wenn ich ›verehrt‹ sage, meine ich ›verehrt‹, denn wenn es jemandem gelingt, sich vom als knausrig bekannten Suhrkamp Verlag fast zehn Jahre lang (andere Leute lernen in der Zeit Englisch) für seine Ulysses-Übersetzung alimentieren zu lassen, ist er jeder kollegialen Verehrung würdig – konnte nicht nur kein Englisch, er weigerte sich auch, es zu lernen«, denn Wollschläger hatte »›a bottle of pop‹ (= kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk) allen Ernstes in seinem weithin strahlenden Schwachsinn und ohne jedes Unrechtsbewußtsein mit ›eine Flasche Popcorn‹ übersetzt.«
Sprachliche Nachlässigkeit ging ihm gehörig gegen den Strich, vor allem, wenn man seine Ahnungslosigkeit auch noch wie eine Monstranz vor sich her trug. Darüber erzählt er in einem Brief an seinen Verleger Peter Haag und sofort entsteht eine witzige Anekdote: »›Wenn heute jemand was will, bringe ich ihn um‹, habe ich gesagt, und dann war es Frau Dingsbums von dpa, die sagte: ›… und denn können Sie mir ja zumindestens sagen …‹, und ich sagte: ›Entweder ‘mindestens‘ oder ‘zumindest‘; ‘zumindestens‘ gibt es nicht‹, und fortfuhr: ›Wenn Sie mir trotz meines Sprachfehlers …‹, und ich hätte fast gesagt: ›‘Trotz‘ regiert den Dativ, und ein Sprachfehler ist, wenn man lispelt‹, aber sie kam dann zur Sache: ›Also Sie wohnen schon ganz lange in Eppendorf.‹ ›Ja.‹ ›Und sind verheiratet.‹ ›Ja.‹ ›Und was machen Sie so beruflich?‹ Und dann, aber auch erst dann, habe ich gebrüllt.«
Auf der anderen Seite konnte er auch vorbehaltlos begeistert sein, wenn ihm mal eine originelle Frage gestellt wurde, wie das Frau Verena Schmitz von der »Schwäbischen Post« einmal getan hat: »Herr Rowohlt, Sie schrieben einmal, bei Schwäbisch ziehe sich Ihnen das Skrotum zusammen. Isch des im Augebligg au dr Fall?«
Das Schöne an Harry Rowohlts Briefen ist, dass man immer Neues erfährt und deshalb auch klüger wird. Damit ist es nun vorbei, denn Harry Rowohlt ist im Juni 2015 gestorben. Und deshalb muss man seine Briefe ganz langsam lesen, sie genießen wie guten irischen Whiskey, damit man möglichst lange etwas davon hat.

Harry Rowohlt, »Und tschüs. Nicht weggeschmissene Briefe III«, Kein & Aber, Zürich 2016, 342 Seiten, 20.- Euro

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Der letzte Spieltag in diesem Jahr endete so übel wie 2016 auch in jeder anderen Hinsicht war. Und von den schlechten Nachrichten ist die Entlassung des sympathischen André Schubert nur eine. Dabei war sein Vertrag erst im September bis 2019 verlängert worden. Nach einer neuerlichen Pleite der Gladbacher, diesmal nun auch noch zu Hause gegen Wolfsburger, die bislang völlig von der Rolle waren und deswegen Dieter Hecking feuerten, wird nun genau dieser erfolglose und unsympathische Dieter Hecking als Notnagel engagiert. Die Unsicherheit, die die Gladbacher ausgestrahlt haben, hat Max Eberl gezwungen, »einvernehmlich diese Entscheidung zu fällen«. Und wieder kann eine Mannschaft, die im Vorjahr sensationell spielte, im Folgejahr das Niveau nicht halten, weil die CL einfach zu viel Substanz kostet. Dass Bayern in einer souveränen Vorstellung die bisherige Überraschungsmannschaft Leipzig mit einem deutlichen 3:0 abfertigte, ist ebenfalls eine Nachricht, die die Laune nicht unbedingt hebt, denn nachdem es auch aufgrund der Niederlage der Bayern in Dortmund kurz so aussah, als ob wieder Spannung im Kampf um die Meisterschaft geben könnte, machten die Bayern schnell wieder deutlich, dass es sein wird wie immer: the same procedure as every year. Und da wird keine andere Mannschaft mitmischen, auch nicht Hertha, die gegen Darmstadt gewann. Und auch die einzige Mannschaft ohne Niederlage in dieser Saison, Hoffenheim, kommt zu Hause gegen den Tabellenfünfzehnten Bremen nicht über ein Remis hinaus. Und das ist schon eine der wenigen guten Nachrichten, abgesehen von der Pleite der Schalker in Hamburg in einem Festival der Fehlpässe, aber diese kleine Freude wurde durch den Sieg der Hamburger getrübt, die es endlich verdient gehabt hätten abzusteigen. Und ebenfalls deprimierend, dass der BVB einfach nicht mehr gewinnen kann und nun schon elf Punkte weniger hat als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison. Selbst gegen limitierte Augsburger geriet man schon nach einer halben Stunde in Rückstand. Behilflich bei diesem Treffer war wieder einmal Bartra, der zur Halbzeit dann auch prompt ausgewechselt wurde. Und wieder mussten die Dortmunder eine Aufholjagd starten, ließen aber jede Menge Chancen links liegen und verdankten es am Ende Dembélé, dass man nicht auch noch die erste Heimniederlage der Saison hinnehmen musste. Die Statistik spricht Bände: 23:8 Torschüsse, 732:256 gespielte Pässe, 74% Ballbesitz, 54% Zweikampfquote, aber durch die dicht gestaffelte Augsburger Verteidigung schien kein Durchkommen zu sein. Die Dortmunder Kreativabteilung Götze, Dembélé und Kagawa stand sich im Zentrum selbst im Weg, und man beginnt in Dortmund bereits zu munkeln, dass nicht nur das ständige Personalkarussel, hervorgerufen durch ständige Verletzungen, eine stabile Leistung verhindere, sondern auch die von Tuchel vorgenommenen ständigen taktischen Veränderungen die Mannschaft verwirre. Und dann kommt auch noch Sammer wieder zurück, als TV-Experte. Es wird wirklich alles getan, um einen den Fußball zu vermiesen.

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

2:2 hieß es am Ende des spektakulärsten Spiels an diesem Wochenende Hoffenheim gegen Dortmund, aber selten wurde ein Spiel von so krassen Fehlentscheidungen des Schiedsrichters bestimmt wie dieses. Dortmund lief mit seiner letzten Elf auf, denn zehn Spieler waren verletzt, darunter so wichtige Leute wie Guerreiro, Sokratis, Castro und Piszczek. Aber diesmal hatten sie keine schwere englische Woche in den Knochen, und man sah von Anbeginn, dass beide Mannschaften bis in die Haarspitzen motiviert waren. Es entwickelte sich ein sensationeller Hochgeschwindigkeitsfußball, bei dem vor allem Weidenfeller nicht mithalten konnte, denn beide Treffer der Hoffenheimer war nicht unhaltbar, vor allem beim 2:1 machte er eine schlechte Figur. Eine weit schlechtere Figur allerdings machte der Schiedsrichter Benjamin Brand, dessen Entscheidungen meist zu Ungunsten der Dortmunder ausfielen, vor allem der 2:1-Führungstreffer der Hoffenheimer, dem ein Foulspiel von Sandro Wagner vorausging, der im entscheidenden Moment Sven Bender wegschubste und das nach dem Spiel auch zugab. Und schließlich stellte der Referee auch noch Reus vom Platz, der jedoch umgekehrt von seinem Hoffenheimer Gegenspieler gefoult worden war. Mit zehn Spielern aber drehte Dortmund noch einmal auf und das Spiel um nach einer genialen Vorlage von Dembélé, die Aubameyang hervorragend verwertete. Beide Mannschaften hatten noch den Siegtreffer auf den Fuß, aber es blieb beim Remis. Die Hoffenheimer spielten zwar hochklassig und stellten sich nicht hinten rein, aber auch sie nahmen Zuflucht zu vielen taktischen Fouls, unter denen vor allem Dembélé zu leiden hatte, der mit seinen beiden Vorlagen das Spiel für den BVB rettete, the man of the match, der wie von einem anderen Stern spielte, leichtfüßig, blitzschnell und mit Körpertäuschungen, die den Gegner immer wieder in tiefe Verwirrung stürzten, weshalb sie zu meist groben Mitteln griffen und ihn schließlich mit einer Oberschenkelverletzung vom Platz schickten. Götze konnte da nicht mithalten. Er ist zwar immer noch ein Zauberer und verteilt die Bälle sicher, aber auch uninspiriert, wurde aber von fast allen Gegenspielern überlaufen und ausgespielt und man hat den Eindruck, dass er mit Anabolika vollgepumpt sich kaum mehr bewegen kann. Und sonst: Die Eintracht, die noch gegen Dortmund sich ins Zeug warf, blieb ausgerechnet gegen Wolfsburg blass und verlor zu Recht 1:0. Und Hertha, ebenfalls gegen Dortmund sattelfest und taktisch gewieft, sah gegen die schnellen Leipziger, gegen die es immerhin um die direkte Konkurrenz um die oberen Plätze geht, ganz alt aus und ließ sich, ohne auch nur eine Chance selber zu generieren, in die eigene Hälfte drängen, was aussah wie ein fußballerischer Offenbarungseid. Mönchengladbach kann auswärts einfach nicht gewinnen und setzte diese Tradition in Augsburg mit einem 1:0 fort. Und Heribert Bruchhagen, der bei der Eintracht sein Amt niederlegte, um beim Abstiegskandidaten HSV anzuheuern, konnte sich ansehen, wie die Rautenelf in Mainz 3:1 abgefertigt wurde. Glückwunsch!

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Nach dem rauschhaften 2:2 in Madrid war es klar, dass Dortmund nur schwer wieder in den Bundesligaalltag zurückfinden würde, vor allem nach nur drei Tagen Regenerationszeit. Und dann noch in Köln, wo der BVB in den letzten Jahren nicht mehr siegen konnte und wo man bei der letzten Begegnung in der Schlussphase eine 1:0-Führung verspielte, weil die Mannschaft einfach zu platt war. Das hatte ich noch in Erinnerung, als ich in Hamburg die BVB-Kneipe »30« in der Fruchtallee ansteuerte. Ich hatte also alles andere als ein gutes Gefühl, aber dann saß ich neben drei Pärchen aus dem Ruhrgebiet, die Pils tranken und Pizza aus Pizzapappschachteln verspeisten. Da konnte eigentlich alles nur gut werden. Und in der Anfangsphase sah es dann auch so aus, als ob die Reus-Aubameyang-Dembele-Offensive mit ihrem schnellen Spiel an das Wunder von Madrid würde anknüpfen können. Und dann fiel auch ganz schnell das 1:0, das wegen Abseits leider nicht gegeben wurde, aber sofort spürte ich dieses Gefühl der Leichtigkeit, das einen unbesiegbar macht. Aber dann fingen die Kölner wieder an, das zu tun, was sie eben können, nämlich das Spiel zu zerstören. 26 Fouls begingen sie, und das war in der Statistik der einzige Wert, in der die Kölner führten. Und es genügte ihnen ein genial ausgeführter Freistoß, den Rudnevs ins Tor köpfte, weil Durm nicht aufpasste. Dortmund hatte einige Fehlbesetzungen zu verkraften. Schmelzer verursachte den Freistoß, weil ihm der Ball zu weit vom Fuß sprang, wie er überhaupt immer den Ball engagiert nach vorne trieb, bis sich ein Kölner näherte. Dann bremste Schmelzer ab und spielte zurück. Durm fiel nur bei haarsträubenden Fehlern auf und Castro trottete lustlos auf dem Platz herum. Die Kölner hatten ihr Ziel erreicht und den Dortmundern die Lust am Spiel genommen, dennoch hielten die Schwarzgelben dagegen und wehrten sich mit überdurchschnittlich vielen Fouls, weil sie wussten, dass sie gegen die Kölner nicht anders bestehen würden. In der 90. Minute ging ich deprimiert aufs Klo, wo ich dann das Torgeheul hörte. In der Vorbereitung glücklich, aber dann toll herausgespielt und genau zum richtigen Zeitpunkt traf Reus genau die kleine Lücke ins Tor, um die Kölner zu deprimieren. Mit dieser rituellen Handlung habe ich dem BVB schon viele Punkte beschert, auch wenn ich es nur in den allernötigsten Fällen mache. Der Tabellenerste Leipzig verlor beim Tabellenletzten Ingolstadt mit 1:0 und wehrte sich gegen seine erste Niederlage mit Hauen und Stechen, was Leipzig nicht sympathischer macht. Wolfsburg fuhr als williges Opfer nach München und nahm demütig ein 5:0 hin. Draxler saß nicht mal mehr auf der Bank und steht jetzt aufgrund von Lustlosigkeit auf der Transferliste. Ihn am Saisonanfang für unverkäuflich erklärt zu haben, das sei, erklärte Manager Allofs zerknirscht, ein großer Fehler gewesen. Jetzt wird wohl kaum jemand mehr etwas für ihn ausgeben wollen. Wolfsburg trudelt gerade unaufhaltsam dem Abstieg entgegen. Und Hertha verlor zu Hause gegen Bremen. Dabei hatte man einen Sieg sicher eingeplant, denn Bremen galt bislang als sicherer Punktelieferant.

Die Wahrheit über das letzte CL-Gruppenspiel Real-BVB

Nach dem Spiel sagte Zinedine Zidane, dass Dortmund den Gruppensieg verdient gehabt hätte. Ein größeres Lob hätte man nicht einheimsen können. Vom großartigsten Spieler seiner Zeit, vom erfolgreichsten Trainer und vom bestaussehendsten Mann seiner Branche. Tuchel kann da in keinem der Punkte mithalten, aber was die beiden Mannschaften im Bernabeu-Stadion boten, war ganz großer Fußball, und das, obwohl es nur noch um Platz 1 oder 2 ging. Es ging für den BVB also um die nicht gerade alles entscheidende Frage, ob man im Achtelfinale auf die Gruppenersten oder Gruppenzweiten treffen wird, und da hat man nach dem sensationellen Unentschieden nun das nur leicht bessere Ende erwischt, auf ManCity, Benfica, Sevilla, Paris oder Porto zu treffen, auch nicht gerade Mannschaften, gegen die man in jedem Fall weiterkommen wird. Nach dem Eindruck jedoch, den Dortmund in Madrid hinterlassen hat, scheint alles möglich. Vielleicht hatten die Dortmunder etwas Glück, weil Ronaldo nur den Pfosten traf und die Madrilenen auch sonst zwei bis drei Großchancen liegenließen, aber als dann der das 1:0 durch dämliches Herumstehen verschuldende Schürrle endlich für Reus ausgewechselt wurde, nahm das Spiel noch einmal durch zwei grandios herausgespielte Treffer Fahrt auf. Und in diesem Spiel konnte man beobachten, was passiert, wenn zwei Mannschaften auf hohem technischen Niveau aufeinandertreffen. Dann nämlich kommen die spielerischen Möglichkeiten der Dortmunder zum Vorschein, die gegen hartbeinig verteidigende und zerstörerische Mannschaften häufig untergehen. Sonst ging es bei den meisten Spielen um nichts mehr. Arsenal und Paris waren schon durch, während Benfica noch zittern musste, weil man zu Hause in einem ausgeglichenen Spiel gegen die zweikampfstärkeren Neapolitaner knapp mit 2:1 unterlag. Besiktas hätte also gegen das bereits als Gruppenletzter feststehende Dynamo Kiew noch eine Chance gehabt, eine Runde weiterzukommen, versiebte dies aber auf grandiose Weise mit einer 6:0-Schlappe. Barca war schon lange durch und gewann gegen Gladbacher, die nie einen Zugriff aufs Spiel bekamen, mit 4:0, ohne dass man den Eindruck hatte, sie hätten sich dafür anstrengen müssen. Bayern durfte sich gegen Atletico, die ebenfalls bereits als Gruppenerster feststanden, mit einem 1:0 revanchieren. Und auch Leverkusen bestritt gegen Monaco ein Freundschaftsspiel ohne Wert, das nur dafür taugte, sich ein bisschen Mut anzuspielen für die bislang vergeigte Saison. Und Ranieri ließ sein bereits auf Platz 1 platziertes Leicester City so rotieren, dass man in Porto ein 5:0-Fiasko hinnehmen musste, was ein wenig gemein gegen Kopenhagen war, denn indem man den Portugiesen die Punkte schenkte, hatten die Dänen keine Chance mehr, weiterzukommen. Und auch in der letzten Gruppe war Juventus Turin längst qualifiziert und gewann gegen den mit Null Punkten Tabellenletzten Zagreb. In der derart aufgeblasenen CL können einige Mannschaften einfach nicht mithalten, die Spannung ist in der Regel raus, weil häufig schon vor dem letzten Spieltag die Gruppenplatzierungen feststehen

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Angesprochen auf seine Brandrede nach dem Spiel gegen die Eintracht, sagte Tuchel, er hätte von „wir“ gesprochen, d.h. er hätte sich ausdrücklich mit einbezogen. Das macht die Vorwürfe, die er erhob, allerdings nicht verständlicher, denn das hieß, dass auch seine Leistung als Trainer unter allem Niveau blieb und er nichts getan hat, um seine Spieler zu motivieren und sonstwie voranzubringen. Aber das alles störte niemanden mehr, denn der BVB glänzte zu Hause gegen angeschlagene Mönchengladbacher mit einer Galavorstellung. Zwar musste Dortmund bereits früh ein Gegentor durch Raffael hinnehmen, weil Bartra eine Flanke in die Mitte des Feldes köpfte, aber nicht mal eine Minute später hatte Aubameyang nach Vorlage von Reus schon wieder ausgeglichen. Überhaupt war Marco Reus der Spieler des Tages. Er war nicht nur an allen Toren beteiligt, er glänzte immer wieder durch präzise Pässe und Spielintelligenz. Vor allem das 4:1 war eine hinreißende Kombination auf engstem Raum, als Reus mit einem Hackentrick Aubameyang für ein todsicheres Tor freispielte. Dortmund war im Vergleich zum Frankfurt-Spiel auf vier Positionen verändert, Reus, Dembele, Sahin und Bartra kamen für Götze, Schürrle, Weigl und Ramos, der nicht mal auf der Bank saß. Leider musste Sahin schon in der 36. Minute verletzungsbedingt wieder vom Platz, aber dass Tuchel wieder auf ihn zurückgreift und Weigl wenigstens ab und zu eine Verschnaufpause gönnt, hat dem Dortmunder Spiel gut getan. Die Dortmunder hatten in manchen Phasen des Spiels bis zu 80 % Ballbesitz, was, wie man weiß, manchmal nicht allzuviel aussagt, aber Mönchengladbach hat hinten nicht die Stabilität der Eintracht und spielte auch nicht Manndeckung oder Pressing. Sie wollten selbst kombinieren und nach vorne spielen, weil das ihre Spielanlage ist (die sie in besseren Zeiten ja auch auszeichnete), und es ist auch nicht so, dass sie es vollständig verlernt hätten, aber das Selbstbewusstsein ist weg nach vielen z.T. völlig unnötig verlorenen Spielen. Immerhin haben die Gladbacher tolle Fans, denn sie feierten trotz Niederlage die Mannschaft, weil sie anerkannten, dass ihre Jungs nicht etwa schlecht gespielt haben, sondern die Dortmunder an diesem Tag einfach besser waren. Richtig aussagekräftig ist das Spiel allerdings nicht, denn Gladbach ist angeschlagen. Bei den nächsten Auswärtsgegnern Köln und Hoffenheim ist das nicht der Fall, denn obwohl Köln in Hoffenheim gleich mit 4:0 unterging, war Köln nicht unbedingt die schlechtere, wohl aber die unglücklichere Mannschaft. Und wie man sich vielleicht erinnern wird, sah Dortmund in den letzten Jahren nicht sehr gut in Köln und Hoffenheim aus. Sonst sah alles nach business as usual aus. Die Bayern gewannen in Mainz und Leipzig war gegen Schalke die bessere Mannschaft und spielte so wie die Dortmunder früher unter Klopp, also mit Pressing und Hurra, was gegen konventionelle Schalker immer noch funktioniert. Allerdings gewann Leipzig nur wegen eines ergaunerten Elfers, aber das Ergaunern gehört ja nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb des Platzes zum normalen Gebaren.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Nach dem Spiel ließ  Tuchel kein gutes Haar an seiner Mannschaft. Seit dem CL-Spiel am Mittwoch, als die B-Elf im torreichsten Spiel der CL-Geschichte gegen Legia Warschau 8:4 gewann und Marco Reus ein gefeiertes Comeback feierte, hätte es sich bereits angebahnt und nichts hätte darauf hingedeutet, dass Dortmund einen Punkt verdient hätte, weder das Training, noch die Haltung und am allerwenigsten das Spiel. Als kurz nach der Pause das 1:0 für die Eintracht fiel, befand sich Tuchel noch im Kabinengang. Danach sagte er, dass ihn der Treffer der Frankfurter nicht überrascht hätte, denn als seine Mannschaft auf den Platz lief, sah es nicht danach aus, als ob sie das Spiel engagierter angehen wollte. Eigentlich heißt das ja, dass der Trainer die Spieler nicht mehr erreicht, denn als Beobachter der ersten Halbzeit hoffte man, dass Tuchel den Spielern jetzt entweder neue taktische Anweisungen geben oder eine Standpauke halten würde, um sie aufzuwecken. Aber nichts. Das lag natürlich auch an den Frankfurtern, die mit einem einfachen Rezept den Dortmundern auf die Nerven gingen, indem sie ihnen auch im sprichwörtlichen Sinne auf den Füßen standen. Dortmund kommt mit dieser Taktik nicht zurecht. Gerade dem Mittelfeld wie Weigl unterliefen Fehlpässe, weil er ständig bei Ballbesitz unter Druck gesetzt wurde. Aber die Passquote war insgesamt nicht gut. Und hier täuscht die Passstatistik von 80 % angekommenen Pässen, denn die entscheidenden kamen eben nicht an, nur die zahlreichen in der eigenen Hälfte hin und hergeschobenen Querpässe. Frankfurt steht nicht umsonst oben in der Tabelle. Taktisch geschlossen und konstant in der Leistung machten sie schon den Bayern das Leben schwer, gegen die sie ein Unentschieden erzwangen, aber während ihnen gegen die Bayern noch das nötige Glück zu einem Sieg fehlte, gegen die Dortmunder hatten sie es, denn es war wieder einmal Aubameyang, der nach grandioser Einzelaktion einen Treffer auf dem Fuß hatte. Und nicht nur das: Dembele traf am Ende nur die Latte. Die Eintracht hingegen hatte nicht viel mehr Chancen als eben die, die dann auch zu den Toren führten, aber diese Tore spielten sie präzise heraus, indem sie das Dortmunder Mittelfeld so unter Druck setzen, dass Rode, Ginter und Schmelzer häufig nicht gut aussahen. Der Unterschied zu den Bayern, die sich ja gerade in der Krise befinden und denen Siege nicht mehr selbstverständlich zufallen, bestand heute darin, dass Marco Reus keinen Elfer erhielt, nachdem er im Strafraum umgerissen wurde, während gegen die Bayern kein Elfer gegeben wurde, obwohl Martinez einen Ball mit der Hand abwehrte, der sonst im Netz gelandet wäre. Und das wäre das verdiente 2:2 für Bayer Leverkusen gewesen, denn Bayern war trotz Rückkehr von Hoeneß auf den Präsidentenstuhl und Kampfansage an die Liga die schlechtere Mannschaft gewesen. Aber auch wenn es letztlich solche Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern sind, die das Spiel entscheiden, Dortmund bot kein gutes Spiel, und diesmal ließ es sich nicht darauf zurückführen, dass den Dortmundern ein anstrengendes CL-Spiel in den Knochen steckte, denn fast die gesamte Mannschaft war ausgewechselt worden. Es stand im wesentlichen die Mannschaft auf dem Platz, die gegen die Bayern noch 1:0 gewonnen hatte.

Eine Liebe geht zu Ende. Lucia Berlin grandiose Stories

Als im Frühjahr die Stories »Was ich sonst noch verpasst habe« von Lucia Berlin erschienen, war das Feuilleton einhellig begeistert, und sogar das Literarische Quartett, das sonst verlässlich zerstritten ist darüber, was Literatur ist und was nicht, war sich einig, dass dieses Buch einzigartig ist. Und das völlig zu recht, denn es dürfte nur wenig Leser geben, so unterschiedlich ihr Geschmack auch sein mag, die dieses Buch aus der Hand legen, ohne berührt zu werden.
Und wie so oft stellt sich die Frage, weshalb die Autorin ihren literarischen Durchbruch erst 2015 hatte. Ihre stark autobiographisch geprägten Geschichten sind schon in den 60ern bis 80ern entstanden. Sechs Bände mit ihren Erzählungen sind erschienen. Immer in kleinen Verlagen, zuletzt bei Black Sparrow Press, wo auch Charles Bukowski, Paul Bowles und Jack Kerouac veröffentlicht haben. Mehr als 2000 bis 3000 Exemplare wurden jedoch nie verkauft. Erst als eine von ihrem Freund Stephen Emerson besorgte Neuauswahl ihrer Geschichten bei Farrar, Straus & Giroux in New York erscheint, platzt der Feuilletonknoten, das Buch landet auf der Bestsellerliste der New York Times, es gibt Ehrungen und Übersetzungen in alle wichtigen Sprachen.
Man kann wie Antje Rávic Strubel, die Lucia Berlin kongenial ins Deutsche übertragen hat, diese Entdeckung »als das am besten gehütete literarische Geheimnis« bezeichnen, aber warum es ein Geheimnis war oder geheim gehalten wurde, wird damit nicht beantwortet. Dabei liegt die Sache auf der Hand, wenn man nur ein paar ihrer Geschichten gelesen hat und weiß, dass sie ihre Erzählungen von einem zerrütteten Leben, vom großen tragischen Leben der Gescheiterten, nicht erfunden hatte. Im Literaturbetrieb war sie eine Außenseiterin, von der niemand Notiz nahm, und da sie nicht dazugehörte und vielleicht auch keinen Wert darauf legte, dazuzugehören, wurde sie nicht wahrgenommen, auch wenn in einer nur ein paar Seiten umfassenden kleinen Erzählung ein Witz und ein Sprachgefühl steckten, von denen im Feuilleton weit mehr beachtete und arrivierte Autoren ein Schriftstellerleben lang zehren könnten.
Von ihrem plötzlichen Ruhm hat die vor genau 80 Jahren geborene Lucia Berlin nichts mehr, denn sie ist 2004 gestorben. Inzwischen wird sie mit Balzac, Isaac Babel und Garcia Marquez, mit Carson McCullers, William Faulkner und Joan Didion, mit Alice Munro, John Cheever, Dorothy Parker und Truman Capote in einem Atemzug genannt und zählt zu den Großen der amerikanischen Literatur. Das kommt natürlich alles ein bisschen plötzlich und sieht ganz danach aus, als wolle man an ihr etwas gut machen. Ob einer der genannten Autoren wirklich Einfluss auf ihr Schreiben hatte, lässt sich bezweifeln. Mit Ausnahme von Raymond Carver, den sie kannte und den sie schätzte und über den sie in einem Brief schrieb: »ich mag Raymond Carvers Geschichten – bevor er ausnüchterte & den Schluss seiner Texte versüßte – (& bevor dieses Miststück seine Geschichten zu short cuts aufmotzte – schrecklich, so etwas zu tun). Ich habe schon geschrieben wie er, bevor ich überhaupt etwas von ihm gelesen hatte. Er mochte auch meine Texte – wir hatten gute Gespräche. Erkannten einander sofort. Unser beider ›Stil‹ beruhte auf unserem (auf gewisse Weise ähnlichen) Hintergrund. Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemand an dich ran.«
Und in diesen wenigen Zeilen klingt an, was für Lucia Berlin wirklich zählte. Für sie war Schreiben ein Überlebenskampf, vielleicht sogar eine Art Therapie, und deshalb geht es in ihren Büchern um das wirklich Existentielle im Leben. Und sie hat ihr gesamtes Leben immer nur einen Text fortgeschrieben, eine große autobiographische Erzählung, die nicht immer eins zu eins mit ihrem tatsächlichen Leben übereinstimmen muss, aber sie wusste immer genau, worüber sie schrieb. Ihr eigenes Leben war der Steinbruch, aus dem sie große Literatur formte. Aber nach Hemingway war das sowieso die Voraussetzung für jede gute Literatur.
1936 als Tochter eines Bergbauingenieurs geboren, kommt sie bereits in jungen Jahren viel herum. Rocky Mountains, Texas, Rio Grande, Chile, New Mexico. Die Familienverhältnisse als zerrüttet zu bezeichnen, ist noch eine Untertreibung. Wenn ihr Großvater betrunken war, versuchte sich Lucia zu verstecken, »weil er mich fangen und mit mir schaukeln würde. Er hatte das einmal im großen Schaukelstuhl getan, er drückte mich fest an sich, der Stuhl federte vom Boden ab, nur wenige Zentimeter neben dem glühend heißen Herd, und sein Teil stieß mir, stieß mir gegen den Hintern. Er sang: ›Alte Blechpfanne mit einem Loch im Boden.‹ Laut. Keuchend und grunzend. Mamie saß nur wenige Meter entfernt und las die Bibel, als ich schrie: ›Mamie! Hilf mir!‹ Onkel John tauchte auf, betrunken und staubig. Er riss mich von Großvater weg, packte den alten Mann am Kragen. Er sagte, das nächste Mal würde er ihn mit bloßen Händen umbringen. Dann schlug er Mamies Bibel zu.«
Onkel John – »Er sah gut aus, dunkel wie Großvater, mit nur einem blauen Augen, nachdem Großvater ihm das andere weggeschossen hatte. Sein Glasauge war grün« – landete in Los Angeles auf der Straße, »ein völlig hoffnungsloser Alki«. Davor hatte er sie ab und zu mal in seinem Lastwagen mitgenommen und auf einer der Fahrten einen Jungen angefahren. Lucia schreit, er solle anhalten, aber ihr Onkel fährt weiter. Jahre später weiß sie auch warum: »Denn mittlerweile war ich selbst eine Alkoholikerin.«
Ihr Vater kehrt aus dem Krieg zurück und die Familie zieht nach Chile, wo sie zu den besseren Kreisen gehört. Aber ihre Eltern trennen sich. Lucia bleibt bei der Mutter, die anfängt zu trinken. Kaum aus dem Haus, führt die Tochter das katastrophische Leben fort. Sie ist dreimal verheiratet, einmal mit einem Junkie, aber mit keinem hält sie es aus, sie zieht vier Kinder allein auf, wird nirgends seßhaft, wohnt in New York, Mexiko und Californien und schlägt sich als Krankenschwester, Putzfrau, Spanisch-Lehrerin, Telefonistin in einer Abtreibungsklinik durch, fängt wie ihre Mutter an zu trinken und landet in Obdachlosenunterkünften und Entzugskliniken. Aber irgendwann schafft sie es, sich aus dem sozialen und psychischen Elend freizustrampeln und wird Dozentin für kreatives Schreiben in Colorado.
In der Geschichte »Tigerbisse« beschreibt Lucia Berlin, wie sie zu Weihnachten nach Hause zu ihrer Familie fährt. Lucia graut davor, weil ihre Eltern wütend auf sie sind, weil sie mit siebzehn geheiratet und ihr Ehemann sie verlassen hat. Außerdem hat sie ein Baby und ein zweites ist gerade unterwegs. Ihren Job hat sie ebenfalls verloren. Auch nicht gerade etwas, das ihre Eltern toll finden werden. Eigentlich freut sie sich nur auf ein Wiedersehen mit ihrer Cousine Bella Lynn, die sie vom Bahnhof abholt und sie mit folgenden Worten begrüßt: »›Erst mal solltest du wissen, dass bei uns da draußen keinerlei Weihnachtsstimmung herrscht. … Deine Mama und meine Mama haben sofort angefangen zu trinken, und prompt gab es Streit. Mama ist aufs Garagendach geklettert und will nicht mehr runterkommen. Deine Mama hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.‹ ›O Gott.‹ ›Na ja, nicht so schlimm. Sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, in dem steht, dass du ihr Leben ruiniert hast. Unterschrieben mit Bloody Mary! Sie wurde für drei Tage in die Psychiatrische am Saint Joseph eingeliefert.‹«
Und das ist das Grandiose an den Geschichten von Lucia Berlin, dass ihre knappe, lakonische Prosa einen feinen, trockenen Humor ausstrahlt, der einen trotz der erschütternden Dinge, die sie beschreibt, zum Lachen reizt. Und sie kommentiert nicht, wie schlimm etwas gewesen ist, denn das tun in der Regel nur Autoren, die ihren eigenen Worten nicht trauen. Sie folgt dabei ihrem großen Vorbild Tschechow, über den sie schrieb: »Er lässt die Dinge offen. Er löst sie nicht auf: Jemand stirbt oder eine Liebe geht zu Ende, und nichts wird zusammengeschnürt, man bleibt einfach damit zurück, mit dieser Trauer oder Sorge oder um welches Gefühl es sich auch immer handelt.«
Ihre Geschichten sind wie gute Songs, die mit ihrer Lyric einen Nerv treffen und etwas zum Schwingen bringen. Ich glaube, Lucia Berlin hat versucht, mit dem Schreiben die Souveränität über ihr Leben zurückzugewinnen und sich die gleiche coole und gelassene Sicht auf die Welt anzueignen, die auch ihre Figuren haben. Und ich stelle mir vor, dass sie es geschafft hat, ohne Abstriche zu machen oder zu jemanden zu werden, der mit ihren früheren Leben nichts mehr zu tun haben wollte.

Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe. Stories«, Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel, Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2016

Die Wahrheit über den 11. Spieltag

Nach dem Spiel war Philipp Lahm ziemlich beleidigt, denn er war nicht nur gegen den mittelmäßigen Giftzwerg Rafhina ausgewechselt worden (»Warum ich ausgewechselt worden bin, das müssen Sie den Trainer fragen«), sondern musste auch noch erklären, warum die Bayern verloren hatten (»Uns fehlte eigentlich nur der letzte Pass«). Und auch Hummels meinte, das Spiel hätte auch 1:0 für die Bayern ausgehen können und niemand hätte sich beschwert. Es stimmt zwar, dass Bayern phasenweise viel Druck machte und die Dortmunder nur noch den Ball nach vorne droschen, aber außer Lewandowski, der einmal frei zum Kopfball kam, hatten die Bayern keine einzige zwingende Chance. Sie hatten zwar durch Alonso einen Lattentreffer zu verzeichnen, aber das könnte genausogut ein Flankenversuch gewesen sein, der zufällig ans Gebälk klatschte. Die Dortmunder ließen die Bayern mit drei Innenverteidiger nicht zur Entfaltung kommen. Lewandwski und Müller wurden so gut wie vollständig aus dem Spiel genommen, und nur Ribéry durfte ein bisschen wirbeln, was aber nicht wirklich effektiv war. Aubameyang erzielte aber nicht nur nach wunderbarer Vorarbeit Götzes, der Hummels tunnelte, mit einer Grätsche das 1:0, er lief auch noch nach einem grandiosen Rückpass Alonsos allein auf Neuer zu, war aber im Abschluss nicht präzise genug. Die Taktik Tuchels war gewagt, denn mit Ramos als zweiter Spitze gab es natürlich mit Weigl nur einen Sechser, d.h. das Mittelfeld wurde zumindest nominell preisgegeben, aber da das Feld durch die ballbesitzende Mannschaft sowieso ziemlich eng gemacht wurde, spielte das kaum eine Rolle. Es ging sowieso ständig rauf und runter, ein Spiel zwar mit nur wenigen Chancen, aber von unglaublicher Intensität. Immerhin ging es um nicht geringeres, als nach sieben nicht gewonnenen Pflichtspielen endlich wieder mal die Vorherrschaft der Bayern zu knacken und ihnen die erste Niederlage in dieser Saison zuzufügen, auch wenn man dadurch den Leipzigern auf Platz 1 verhalf, aber nur indirekt. Unmittelbar dafür verantwortlich waren die Leverkusener, die es nicht verstanden, eine 2:1-Pausenführung in der zweiten Hälfte auszubauen, obwohl die Chancen dazu da waren. Den unbedingten Willen zu gewinnen hatten dann die Leipziger, die sich den Nimbus, der beste Aufsteiger ever zu sein, nicht nehmen lassen wollten. Auch wenn sie gegen Dortmund noch Glück hatten, inzwischen hält sogar Tuchel es für möglich, dass Leipzig zum Leiceister City Deutschlands werden könnte. Ich glaube aber, dass spätestens in der Rückspielsaison die Mannschaften gewarnt sind und wissen, was sie erwartet. Dann hat Leipzig möglicherweise plötzlich das Problem, das Spiel machen zu müssen und auf Vereine zu treffen, denen ein Punkt genügt und die deshalb mit Mann und Maus in der Defensive arbeiten. Dass sich der Kampf um die Meisterschaft jetzt immerhin ein wenig offener gestaltet, ist den Bayern zu verdanken, die zwar individuell so gut sind, dass sie jederzeit gewinnen können, aber wirklich inspiriert kann man ihr Spiel nicht nennen. Vielleicht war es ja auch der Geist des verstorbenen Aki Schmidt, der mit einer Schweigeminute verabschiedet wurde, dass die Bayern nicht gewinnen konnten, und es sieht ganz so aus, als ob Hummels genau zum falschen Zeitpunkt gewechselt ist. Aber das wäre ihm ja auch zu gönnen.

Die Wahrheit über den 10. Spieltag

Nach seinem ersten Tor gegen den HSV, rannte Aubameyang freudestrahlend zu Tuchel und flüsterte ihm ins Ohr, dass es ihm leid täte. Wofür er sich entschuldigte? Für seinen Ausflug nach Mailand, wo er mit ein paar Kumpels shoppen war, vielleicht sogar den grauen Mantel und den grauen Hut, mit dem er dann beim Spiel gegen Sporting Lissabon am Mittwoch im Stadion auf der Tribüne zu sehen war, weil er während der englischen Wochen sich unerlaubt von der Truppe entfernt hatte. Es war schon eine Überraschung, Aubameyang auf der Tribüne zu sehen und den Verein und Tuchel Stillschweigen über den Grund der Maßnahme bewahren zu sehen. Dabei müsste man im Verein wissen, dass sich nichts geheim halten lässt. War das nicht eine ans Herz gehende Geste von Aubameyang, dem großen Sternenkind, der einfach niemand böse sein kann, der eine kindliche Freude an den schönen Dingen des Lebens hat? In den Zeitungen jedoch kommentierte man wieder mit spöttischem Unterton seinen Hang zur Mode, weil man als Sportreporter wahrscheinlich eine Adidas-Trainingshose als das non plus ultra ansieht und alles andere als überflüssigen Kram, weil man Glanz und Glamour misstrauisch gegenübersteht. Sie kennen nicht den Unterschied zwischen dem Prollschick, wie er seit jeher bei den Bayern beheimatet ist, und der hauptsächlich teuer und scheiße aussieht, zur wirklich eleganten Ware. Und das Argument, sich im proletarischen Ruhrgebiet, wo sich die Leute die Jahreskarte für die Heimspiele vom Munde absparen, als Luxusboy zu gerieren, ist etwas antiquiert, denn wenn etwas abnormal ist, dann wohl die Tatsache, als junger Mann ganz unauffällig in einem Reihenhaus zu leben, obwohl er Millionen auf seinem Konto hat. Problematisch wird das erst, wenn er auch später nichts anderes in der Birne hätte, aber diesen Beweis hat Aubameyang noch nicht antreten können. Ein weiterer Dortmunder Spieler, der allerdings entweder verletzt ist oder auf der Ersatzbank sitzt, Subotic, engagiert sich für Kinderhilfsprojekte in Afrika und macht dafür eine erstaunlich gute Öffentlichkeitsarbeit. Auch er fuhr am Anfang seiner Karriere gerne teure Schlitten, aber irgendwann verlieren sie ihre Faszination, und wenn man nicht einfach nur statusbesessen und dumm ist, überlegt man sich, ob es nicht besser wäre, mit dem Geld auch etwas Vernünftiges anzustellen. Beide sind mir sympathischer als uninteressante, blasse Spieler, die ein paar Manager einstellen, um noch ein paar Millionen mehr bei einem Verein herauszuschlagen, wie Toni Kroos z.B., das Graubrot unter den deutschen Nationalspielern, der so langweilig ist wie seine präzisem Flachpässe und der wahrscheinlich sein Geld in Investmentgesellschaften angelegt hat. Es gab allerdings auch noch das Spiel. Uwe Seeler wurde 80, aber das war auch schon alles, was die Hamburger an diesem Tag gut gefunden haben dürften. Dortmund hat nach vier sieglosen Spielen seine drei Punkte allerdings nur den Hamburgern zu verdanken, denn die leisteten sich in der ersten Halbzeit gleich drei heftige Schnitzer, die Aubameyang zu einem Hattrick verhalfen. Die zweite Halbzeit war umkämpfter und endete 2:2. Die Angelegenheit war also nicht so klar, wie das Endergebnis vermuten ließ, und der BVB ist somit noch lange nicht aus der Krise, denn die schwierigen Spiele kommen erst noch. Und auch wenn Bayern gerade auch ein bisschen schwächelt und gegen glückliche Hoffenheimer nur ein 1:1 schaffte, es ist mehr als zweifelhaft, dass der BVB gegen seinen nächsten Gegner Bayern eine Chance hat.