Die Wahrheit über den 20. Spieltag

Vor dem Spiel wurden wurde ich von einem dubiosen Autor aus Irland, einem gewissen „Ralle“, per SMS auf ein ebenso dubioses 9:1 vom April 1970 hingewiesen, weil Hertha-Fans sich an lange zurückliegende Ereignisse erbauen müssen, weil es sonst so wenig gibt, womit sie angeben können. Ich kann mich an dieses Spiel nicht erinnern, weil ich mich mit der verspielten Meisterschaft der Dortmunder gegen 1860 München im Jahre 1966 vom Fußball enttäuscht zurückzog, nicht zuletzt auch deshalb, weil es zu diesem Zeitpunkt nun wahrlich spannendere Dinge zu erleben gab. Und deshalb musste ich mir diese Anspielung zunächst mühsam zusammenreimen. Inzwischen heißt der Trainer Herthas Paul Dardai, der zurecht darauf hinwies, dass Hertha nicht etwa auf Platz 3 stünde, weil sie so toll Fußball spielten, sondern weil die anderen Mannschaften so schlecht seien. Und das ist kein Understatement, sondern eine ziemlich gute Einschätzung. Man muss sich nur Mannschaften angucken wie Leverkusen und Wolfsburg und Gladbach, die Anwärter auf die CL-Plätze, die sich zwar im oberen Drittel befinden, aber alles andere als konstant spielen. Hertha versucht einfach nur, möglichst keine Tore zu bekommen, womit sie erstaunlich erfolgreich sind. Ich habe das Spiel nur auf dem Ticker verfolgt, weil ich in Dresden war, um mir die armseligen Deppen von der Pegida anzugucken, die sich auf der anderen Seite der Elbe versammelt hatten, weit weniger als erwartet, während auf der anderen Seite ein paar Linke und Touristen neugierig, aber auch etwas gelangweilt hinübersahen. Ich erklärte meinem Kleinen, dass es sich um Leute handelte, die ein bisschen dumm seien und in der Schule nicht aufgepasst hätten, als mich ein „besorgter Bürger“ ansprach, der aber mit 30, Glatze und entsprechender Jacke alles andere als ein solcher aussah. Er würde sich Sorgen machen um Deutschland, wenn kein Dialog zwischen beiden Fraktionen mehr möglich sei. Ich sagte, ich würde mit solchen Vollidioten keinen Dialog wollen und dass ich besorgte Bürger noch schlimmer finden würde als Nazis. Damit war das Tischtuch natürlich zerschnitten, was mir aber auch recht war, denn dann konnte ich auf dem Live-Ticker nachsehen, wie es in Berlin aussah. Was ich da zu lesen bekam, ließ leider nicht auf ein besonders spannendes Spiel schließen, was Schmelzer nach dem Spiel denn auch bestätigte. Für die Hertha-Fans war das 0:0 natürlich toll, weil der Abstand zu Dortmund auch weiterhin 10 Punkte beträgt und sie auch nicht von einem anderen Verein von Platz 3 verdrängt wurden. Außerdem hatten die Dortmunder dafür gesorgt, dass das Olympiastadion endlich mal ausverkauft war, denn außer dem BVB ist höchstens Bayern für die Berliner attraktiv genug, um mal ins Stadion zu gehen, was natürlich auch wiederum für Berlin spricht, wo Hertha keine Rolle spielt, im Gegensatz zur Stadt Dortmund, für deren Bewohner der BVB alles ist, weil es außer Nazis nicht wirklich viel gibt, sieht man von ein paar wirklich netten Leuten ab, die nichts dabei finden, in Dortmund zu wohnen und die ich namentlich aufzählen könnte. Watzke war auch in Berlin. Er saß neben Mourinho und erklärte ihm irgendwas, aber der Portugiese schien schlecht gelaunt zu sein. Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn Mourinho Trainer beim BVB wäre. Aber mit fiel einfach nichts ein. Fürs Image wäre es jedenfalls nicht gut.

Nachruf auf das lebende Lexikon des Dadaismus Marc Dachy

Von seinem Tod erfuhr ich erst sehr spät. Fast vier Monate seit dem 8. Oktober 2015, dem Tag seines Todes, waren vergangen, als ich davon erfuhr. Auf einem kleinen fotografierten Handzettel, den ich im Internet fand, war zu lesen: »Marc Dachy est Mort. Apostolidès est Vivant… C‘est un double malheur pour la pensée honnête.« Apostolidès ist der Autor der neuen, mittlerweilen vierten umfangreichen Biografie Guy Debords »Debord Le Naufrageur« (2015), und sie wurde von Gianfranco Sanguinetti, der zusammen mit Debord die Auflösungsschrift der SI verfasst hatte, verrissen. Marc Dachy genoss im schon lange totgesagten, aber immer noch existierenden postsituationistischen Milieu offenbar großes Ansehen. Vielleicht deshalb, weil er ihm nicht angehörte. Er war der Spezialist in Sachen Dada, das »lebende dadaistische Lexikon«, wie Le Monde schrieb. Er gab mit »Lunapark« ein Periodikum zur Kunst des 20. Jahrhunderts heraus und veröffentlichte z.B. unbekannte Briefe von Arthur Cravan. Selbst in Deutschland konnte ihm niemand auf diesem Gebiet das Wasser reichen, obwohl er nicht mal deutsch konnte. Sein Standardwerk »Dada & les dadaïsmes« erschien bei Gallimard. Schon in den Siebzigern entdeckte er Clément Pansaers, einen lange Zeit vergessenen Dadaisten aus Belgien, dessen Stern im Frühjahr 1921 am Pariser Dadaistenhimmel aufging und schon Ende 1922 in einem Krankenhaus verglühte. Nachdem Dachy dessen Schriften und Gedichte in der Editions Gérard Lebovici herausgegeben hatte, dem Hausverlag Guy Debords, lernte ich ihn kennen, weil ich die Schriften Clément Pansaers auf deutsch herausbringen wollte. Es entstand ein aufwendig gemachtes Buch mit dem Titel »Vive Dada!«, das kaum jemanden interessierte, mir aber die Freundschaft zu einem außergewöhnlichen Menschen bescherte, der sein Leben nie sparsam dosierte, sondern dessen Leidenschaft für die revolutionäre dadaistische Kunst immer brannte, der großzügig war, auch wenn er kein Geld hatte, der verschwenderisch war auf die Gefahr hin, sich zu ruinieren. Damals lud er mich in ein exquisites Restaurant in Paris ein und tat so, als wäre er dort zu Hause, was er vermutlich sogar war, während ich mich wie ein Fremdkörper fühlte, und erst später erfuhr, dass er am linken Ufer in einem winzigen Zimmer hauste. Als die Mauer fiel, besuchte er mich in Berlin, um sich den historischen Moment aus der Nähe anzusehen. Über was wir redeten, weiß ich leider nicht mehr, vielleicht weil wir uns mühsam auf Englisch unterhalten mussten, aber der Strampelanzug, mit dem er sich ins Bett legte, amüsierte mich über die Maßen. Der Kontakt zu ihm blieb, wenngleich nur sporadisch. Ab und zu besuchte ich ihn, wenn ich in Paris war, das letzte Mal im »Deux Magot« und ich war wie immer beeindruckt von seinen Geschichten, denn er kannte in Paris wirklich alle, das gesamte intellektuelle Leben, er war eine Plaudertasche, die nichts lieber tat, als den neuesten Klatsch zu erzählen, den schließlich jeder am liebsten hört. Wir trafen uns zur blauen Stunde, zum Aperitif, zu dem gesalzenes Gebäck gereicht wurde, das er in einer Geschwindigkeit vertilgte, als hätte er seit Wochen nichts mehr gegessen. Dem Martini bianco erging es nicht besser. Ich erfuhr, dass er inzwischen ein Kind bekommen hatte, und ich stellte mir das Chaos in seinem Leben vor. Schließlich wurde im ersten Stock des Deux Magot, wo wir uns aufhielten, ein Büchertisch für eine offenbar bevorstehende Lesung aufgebaut, und Marc Dachy machte sich einen Spaß daraus, ein Buch zu klauen und mit seinem Namen zu signieren, bevor er dabei ertappt wurde und es wieder abgeben musste, auch wenn er es vermutlich gar nicht behalten wollte. Es war nur die Geste, auf die es ihm ankam. Die Geste eines exzentrischen Chaoten, der Verwirrung stiften wollte, so wie es die Dadaisten gemacht hatten, der die den Menschen eigenen gewohnten Verhaltensweisen unterbrechen, sie aus ihrem gewohnten Trott bringen wollte. Wieder einer, der der Welt fehlen wird und der sein Wissen mit ins Grab nimmt, so dass sich in der Welt eine weitere Leerstelle des Vergessens breitmachen wird, die sich nie wieder schließen wird.

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Wieder wird der Video-Beweis als Hilfsmittel für den Schiedsrichter heiß gehandelt, denn in Dortmund kam es zu einer kuriosen Situation. Dem wunderbaren Kopfballtreffer von Aubameyang nach Flanke von Piszczek ging eine Abseitsstellung von ein paar Zentimetern voraus. Niemand hatte sie erkennen können. Nicht die Schiedsrichter, nicht die Spieler und nicht das Publikum, nur die Kamera. Und während die Dortmunder jubelten, die Ingolstädter, die bis zur 77. Minute das Spiel mit einer für sie typischen unattraktiven Spielweise offen gehalten hatten, ließen die Köpfe hängen und die Fans jubelten, wurde das Tor über die Videoleinwand noch einmal gezeigt, und plötzlich waren für alle die paar Zentimeter zu sehen, die Aubameyang im Abseits stand. Die Firma »Stadion Live« ist für das verantwortlich, was auf der Videoleinwand gezeigt wird, und gezeigt werden soll nur das, was eindeutig ist, d.h. selbst dem Redakteur am Bildschirm ist die knappe Abseitsstellung offenbar entgangen. Nach dem Spiel musste der Arme beim BVB seinen Faux Pas erklären. Aber vielleicht ist er ja aus Bayern. Die Ingolstädter bestürmten daraufhin die Schiedsrichter, die jetzt natürlich in der Zwickmühle steckten, sich jedoch Gottseidank nicht beeinflussen ließen. Das wäre vermutlich anders gewesen, hätte der Gegner Bayern München geheißen. Für viele wieder ein Argument für die Notwendigkeit, den Videobeweis einzuführen. Immerhin könnte man dann auf die Schiedsrichter verzichten. Dummerweise ist aber manchmal selbst mit verschiedenen Kameraeinstellungen nicht zu klären, ob es Foul oder Schwalbe war. Auch die beiden kniffligen Situationen, in denen Hummels die Hauptperson war, als er im Zweikampf mit Lezcano vor dem leeren Tor zu Boden ging (Bürki irrte mal wieder irgendwo im Strafraum umher) und Piszczek im letzten Moment klärte, oder auch das kuriose Eigentor von Hummels, der von Lezcano von hinten getroffen wird, weshalb der Ball eine merkwürdige Flugbahn über Bürki hinweg beschrieb und im Tor landete, beide Situationen hätten auch anders bewertet werden können. Insofern hatte der BVB an diesem hässlichen Regentag einiges Glück, das sich ungefähr mit dem Pech, das sie in Köln hatten, vergleichen ließ. Immerhin erzielte Aubameyang noch einen zweiten, diesmal unumstrittenen Treffer, so dass der Sieg nicht allein an den paar Zentimetern hing. Aber Dortmund spielte nicht gut, und man konnte sehen, wie schwer Gündogan zu ersetzen sein wird. Bestimmt nicht durch Ginter, der es einfach nicht schaffte, Struktur ins Spiel zu bringen und die entscheidenden Pässe zu geben. Aber auch Kagawa blieb schwach, Ramos machte wieder einmal auf seine technische Limitiertheit aufmerksam, und nur der 17jährige Pulisic, ein Neuzugang aus der eigenen Jugend, brachte in den letzten zwanzig Minuten ein wenig Schwung in das statische Spiel der Dortmunder. Den würde ich gerne häufiger sehen. Wie auch Spiele wie das 3:3 der Bremer gegen Hertha, in dem Pizarro mit zwei Treffern zeigte, das Alter manchmal immer noch vor Jugend geht.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Diesmal würde es nicht wieder eine so klare Angelegenheit werden wie beim Auftaktspiel der Hinrunde, als der BVB die Borussen aus Mönchengladbach überrollte. Für den BVB war dies der Beginn einer sensationellen Siegesserie, für die Gladbacher der Beginn einer sensationellen Niederlagenserie, die sie schließlich auf den letzten Platz führte. Aber dann schmiss Favre die Brocken hin, und es begann eine wiederum sensationelle Siegesserie, die sie bis auf den 4. Platz katapultierte. Und auf diesem Weg konnten sie nicht einmal die Bayern stoppen, die ihre einzige Hinrundenniederlage durch die Gladbacher hinnehmen mussten. Die Karten waren also neu gemischt. Dass der BVB diese Partie mit 3:1 für sich entscheiden konnte, war nicht so eindeutig wie das Ergebnis vermuten lässt. Schon in der 6. Minute setzte Christensen einen Kopfball an die Dortmunder Latte, und wäre der Ball drin gewesen, hätte die Sache schon wieder anders ausgesehen, aber insgesamt gingen die Dortmunder ein höheres Tempo und hatten auch die bessere Spielanlage, aber es dauerte über 40 Minuten, bis Gündogan mit einem präzisen Pass Reus so in Position bringen konnte, dass dieser mit einem Schuss in die lange Ecke dem Gladbacher Keeper Sommer keine Chance ließ, ein Schuss, von dem Hummels sagte, dass er ihn nicht zustande gebracht hätte. Das 2:0 bereitete Reus mit einer genauen flachen Hereingabe auf Mkhitaryan vor. Und so wurde Reus gleich ein »Raketenstart« ins neue Jahr prognostiziert. Aber so grandios war Reus auch wieder nicht. Dass er einigermaßen glänzen konnte, lag nicht zuletzt daran, dass Gladbach eine ähnliche Spielweise wie der BVB pflegt, also hoch verteidigt, was die Gefahr mit sich bringt, ausgekontert zu werden, aber immerhin wurden dadurch die Voraussetzungen geschaffen für ein gutes, attraktives Spiel. Dortmund war aber auch deshalb im Vorteil, weil man mit der nominell stärksten Mannschaft auflaufen konnte, während bei Gladbach Xhaka eine Rotsperre absitzen musste und Dominguez, Jantschke, Hermann und Schulz verletzt fehlten. Das neue Jahr fängt also gut, denn auch Hertha auf Platz 3 patzte zu Hause gegen Augsburg mit einer unansehnlichen Nullnummer. Bayern hingegen konnte sich mit einem mühsamen 2:1 gegen die Kloppertruppe auf Hamburg durchsetzen und beklagt mit dem beim Spiel verletzten Boateng nun schon den 7. Spieler, der mit Muskelproblemen ausfällt. Hannover verliert trotz des neuen Trainers Schaaf zu Hause gegen Darmstadt mit 2:1, und Stuttgart gewinnt in Köln mit seinem Zugang aus Istanbul gleich 3:1, wobei dem Ex-Dortmunder Großkreutz nachgesagt wurde, dass er wie ein Pferd gelaufen sei, und dass nicht viele das von sich behaupten können, wenn sie ein halbes Jahr lang nicht spielen konnten. Und Leverkusen kommt nicht so richtig in Gang. Auch beim Tabellenletzten Hoffenheim bekamen sie nur ein mühsames 1:1 zustande. Alles in allem also ein prima Spieltag.

Die Wahrheit über den 17. Spieltag

Seit drei Monaten hatten die Kölner kein Spiel mehr zu Hause gewinnen können. Da war es höchste Zeit, dass Dortmund kam und den Remis-Spezialisten einen Kick verpasste, denn plötzlich waren sie da, sieht man von der 1. Halbzeit ab als die Kölner sich ausschließlich auf die Errichtung einer Mauer vor dem eigenen Tor verlegten, liefen die langsam erlahmenden Dortmunder ständig an und zermürbten sie. Und in der Tat fehlte den Dortmundern die mentale und körperliche Frische nach dem intensiven Pokalfight gegen Augsburg am Mittwoch, als sich Köln ausruhen konnte. Das merkte man an solchen entscheidenden Figuren wie Gündogan, der nie richtig auffiel, oder auch an Aubameyang, der gegen das Kölner Bollwerk keine Schnitte machte. Dennoch waren genügend Spieler dabei, die eigentlich hätten frisch sein können, die noch nicht wirklich oft gespielt hatten, wie Hofmann und Park, der allerdings schon zur Pause als Risikofaktor ausgewechselt wurde, da sich seine Seite als Gefahrenherd herausstellte und Park sogar ein Foul im Strafraum verursachte, über das der Schiedsrichter großzügig hinwegsah. Nachdem die Dortmunder nach souveränen ersten zwanzig Minuten mit einem Kopfballtor durch Sokratis zu einer 1:0-Führung gelangt waren, schienen sie darauf zu vertrauen, den Vorsprung irgendwie über die Runden zu bringen. Im Unterschied zu den Bayern, denen das in der Regel gelingt und deren 1:0-Sieg in Hannover nie ernsthaft gefährdet war, schwingen sich die Dortmund-Gegner häufig zu ungeahnten Leistungen auf. Köln jedenfalls kämpfte, rackerte und grätschte wie die ganze Saison noch nicht. Und trotzdem musste ihnen Dortmunds Keeper Bürki zu Hilfe kommen, der den Ausgleich mit einem sensationellen Fehlpass zu Zoller erst möglich machte. Und auch das 2:1 in der 90. Minute kam kurios zustande, weil Schmelzer sich unnötig unter Druck setzen ließ und statt zu einem der freistehenden Kollegen zu spielen den Ball unkontrolliert nach vorne schlug, der postwendend per Kopf zurückkam, genau in den Lauf von Modeste, der direkt verwandelte. Ein Glückstor, das sich die Kölner erzwungen haben, weil sie gegen die zunehmend müder werdenden Dortmunder nicht nachließen. Ein unnötige Niederlage, aber mit 38 Punkten wären die Dortmunder in vielen anderen europäischen Ligen Spitzenreiter. Hierzulande haben sie das Pech, dass Bayern München mitspielen darf. Immer noch ist man zwölf Punkte besser als der CL spielende Wolfsburg, der gegen die abstiegsbedrohten Stuttgarter mit 3:1 unterging und seinen Ruf als schlechteste Auswärtsmannschaft unterstrich. Und auch in diesem Spiel wurde mal wieder unter Beweis gestellt, das 70 % Ballbesitz gar nichts bedeutet, wenn die andere Mannschaft alles in die Waagschale wirft und statt Ballkontrolle den Sieg sucht. Im Tabellenkeller trafen Bremen und Frankfurt aufeinander, die als direkte Konkurrenten sich etwas Luft verschaffen wollten. Das schaffte die Eintracht, weil sie unbedingt gewinnen wollte, obwohl Bremen sogar in Führung ging. Es war ein Triumph des Willens, aber allzu häufig wird ihnen das nicht gelingen.

Die Wahrheit über den 16. Spieltag

Der Hamburger SV stellte mit seinem Wirf-dich-in-jeden-Zweikampf-egal-wie-Stürmer Lasogga mal wieder unter Beweis, was für eine exzellente Tretertruppe sie haben, die es mit dieser Methode schon auf Platz 9 geschafft haben. Lasogga jedenfalls rutschte an der Seitenauslinie mit den Stollen voraus den Wolfsburger Dante ins rechte Standbein und es war ein Wunder, dass Dante danach noch spielen konnte. Alle, die das Foul am Bildschirm sahen, waren sich einig, dass Lasogga dunkelrot verdient gehabt hätte. Aber nicht nur bekam er gelb, weil der Schiedsrichter zu feige war, den Schlägertyp vom Platz zu stellen, Lasogga verteidigte auch noch sein Knochenbrechertackling mit dem Hinweis, er würde kein Schach spielen, und wenn er für dieses Foul rot gesehen hätte, würden Bundesligapartien mit nur zwei Mann auf dem Feld enden. Fußball aber ist kein Kampfsport. Lasogga sollte Rugby spielen. Da wäre er besser aufgehoben. Dabei hatte Lasogga dem später niedergestreckten Dante sogar noch das 1:0 das HSV zu verdanken, denn der ließ sich als letzter Mann von ihm den Ball abluchsen, was zum Führungstreffer der Hamburger durch Müller führte. Erst in der 2. Halbzeit wachte Wolfsburg auf und schaffte schließlich noch den Ausgleich. Die Fans aber waren unzufrieden und pfiffen ihre Mannschaft aus. Klar, Werkself. Solche Vereine haben keine Fans, sondern Zuschauer, und die Hälfte dieser Zuschauer arbeiten bei VW und werden wahlweise zwangsverpflichtet oder geködert. Insofern passierte in Stadion nur das, was nicht anders zu erwarten war. Im Duell der Verfolger von Dortmund spielte Leverkusen gegen Gladbach. Die einen gebeutelt durch eine Serie von Pleiten in der Liga und durch das Verpassen des CL-Achtelfinales, zu dem ihnen nur ein Törchen fehlte, das gegen eine B-Elf von Barcelona nicht so ganz unmöglich gewesen wäre, die anderen nach zehn ungeschlagenen Spielen in der Liga und als einzige Bayern-Bezwinger hoch gelobt und mit Rückenwind. Das sah nach einer klaren Sache aus. Und es wurde auch eine, nur nicht für den, von dem man es erwartet hätte. Gladbach und Leverkusen spielten ein ähnliches System mit Pressing und überfallartigen Kontern, nur unterliefen Gladbach zu viele Fehler, während den Leverkusenern alles gelang. Und zwar mit einem seit sieben Wochen auf der Bank schmorenden Kießling, der beim 5:0 an allen Toren beteiligt war und zwei davon selber erzielte. Jetzt offenbarte er, dass er zur Winterpause den Verein wechseln wird. Der Verein scheint ihn nicht halten zu wollen. Währenddessen nutzte Hertha die Schwächen der Spitzenvereine aus und schleicht sich mit einem 4:0-Sieg in Darmstadt an allen vorbei auf den dritten Platz und darf sich jetzt als erster Verfolger des BVB fühlen. Sehr lustig. Fast so lustig wie Schmadtke, der in der 1:1 endenden Partie Bremen gegen Köln den Schiedsrichter als »Eierkopf« beschimpfte und deshalb auf die Tribüne geschickt wurde. Dabei ist »Eierkopf« gar keine Beleidigung, wie Schmadtke völlig richtig feststellte. Das sagt Fup (6 Jahre) mindestens zehn Mal am Tag zu mir. Wenn ich ihn deshalb jedesmal auf die Tribüne schicken würde…

Die Wahrheit über den 15. Spieltag

In der letzten Blutgrätsche schrieb ich noch, dass André Breitenreiter seine erste Niederlage gegen Bayern würde hinnehmen müssen. Jetzt war es Guardiola, dem das passierte. Angeblich wegen einer taktischen Finesse der Gladbacher, die nicht mit einer Vierer-, sondern mit einer Dreierkette operierten, um Überzahl im Mittelfeldzentrum zu haben. Das aber hätte genauso danebengehen können wie es schon beim BVB oder Wolfsburg daneben ging. Es hätte Müller nur seine Großchance nutzen müssen und Coman nicht nur Aluminium treffen. Nach der ersten Halbzeit war es mehr Glück als Taktik, dass es 0:0 stand. Und auch in der 2. Halbzeit war es vor allem die Tatsache, dass Gladbach seine Chancen konsequent nutzte. Dennoch spielt Bayern in seiner eigenen Liga und kann sich gelegentliche Ausrutscher leisten, die im Fußball nun mal nicht zu vermeiden sind, in dem Glück und Pech so nah nebeneinander liegen und der Zufall immer wieder Ergebnisse auf den Kopf stellt. Obwohl Dortmund in Wolfsburg die einmalige Gelegenheit nutzte, konnte man den Abstand zu Bayern nur auf fünf Punkte verkürzen, während man sich Wolfsburg mit zehn Punkten vom Hals hält. Sieht so aus, als ob die Hierarchie sich schon frühzeitig manifestiert, aber wenn man sieht, wie Gladbach in zehn Spielen vom letzten auf den dritten Platz vorgestoßen ist, relativiert sich die Sache wieder. Nur drei verlorene bzw. gewonnene Spiele und die beiden Borussias wären schon wieder punktgleich. Und in Wolfsburg stand das Spiel Spitz auf Knopf. Zunächst sah es so aus, als ob Dortmund die Grünweißen gegen die Wand spielen würde mit gleich zwei Lattentreffern und einigen Riesenchancen und man bekam schon das Gefühl, dass sich das rächen werde, als Mkhitaryan dem Wolfsburger Guilavogui den Ball vom Fuß spitzelte, der zur Vorlage für Reus geriet, für den es dann ein Leichtes war, das 1:0 zu erzielen. In der 2. Halbzeit jedoch kippte das Spiel. Die Dortmunder konnten nicht mehr ihr Kombinationsspiel aufziehen, es unterliefen ihnen ständig Fehlpässe. Der spektakulärste kam von Bürki, der direkt auf Bast Dost spielte, dem diese in den Schoß gefallene Möglichkeit offenbar zu einfach war. Man begann schon die Minuten zu zählen und als man es langsam geschafft zu haben glaubte, passierte es doch noch. Ein Zupfer von Piszczek, ein spektakulärer Fall von Schürrle und schon war der Schiedsrichter darauf hereingefallen und gab Elfmeter, den Rodriguez sicher verwandelte. Da war schon die Nachspielzeit angebrochen. Aber nur zwei Minuten später klappte plötzlich wieder eine wunderschöne Kombination wie am Anfang des Spiels mit Flankenwechsel und direkter Hereingabe zu dem im Strafraum alleingelassenen Kagawa. Endlich mal wieder ein in letzter Sekunde umgedrehtes Spiel. Das ist den Dortmundern schon seit Jahren nicht mehr gelungen, wahrscheinlich seit den großen Zeiten, als sie Meister wurden. Man könnte fast wieder anfangen zu träumen. Immerhin hat Sammer schon mal die Contenance verloren, als er die Journalisten anbelferte, Bayern würde seine Lektion schon lernen, jetzt sollten es auch die Journalisten tun, was immer das für eine Lektion sein sollte.

Die Wahrheit über den 14. Spieltag

Auf der Mitgliederversammlung des FC Bayern verkündete Rummenigge einen Rekordgewinn von 23,8 Millionen Euro. Er würde aber trotzdem am liebsten aus der Zentralvermarktung der TV-Rechte durch die DFL austreten, um die Spiele Bayern selbst zu verkaufen und mehr dafür zu kassieren. Der Neoliberalismus im Fußball in seiner reinsten Form heißt Bayern und trägt das Gesicht Rummenigges, Sammers und Hoeneß. Wenn Bayern also die sogenannte Ligasolidarität aufkündigt, kleinere Vereine ihrer Finanzmisere überlässt und ab und zu sich aus dem Pool der talentierten Spieler bedient, dann sollte Bayern auch in seiner eigenen Liga spielen. Sie haben ja jetzt schon faktisch zwei Mannschaften, die die Meisterschaft unter sich austragen würden, wenn beide Mannschaften in der Bundesliga spielen dürften. Wenn Bayern dann noch mehr Geld hat, kann Rummenigge noch mehr Spieler kaufen und dann auch bitte seine eigene Liga gründen. Das hätte den Vorteil, dass man nicht mehr weit reisen müsste. Jedenfalls müsste man den Großraum München nicht mehr verlassen. Nur noch, um Champions-League zu spielen. Bayern hat bislang nur einmal unentschieden gespielt, und dafür waren Pleiten, Pech und Pannen nötig. In den Neunzigern noch konnte man beobachten, dass die Möglichkeit, gute und teure Spieler zu verpflichten, nicht automatisch zum Gewinn von Titeln führte. Da gab es noch jede Menge Ausreißer, also Mannschaften und Vereine, die durch eine Spielidee und mit spielerischem Zusammenhalt es ganz nach oben schafften, wenngleich das auch in der Regel nur periphere Erscheinungen waren. Der BVB dürfte für lange Zeit die letzte Mannschaft gewesen sein, die Bayern für zwei Jahre vom 1. Tabellenplatz verdrängen konnte. Das ist vorbei. Und auch die Millionen eines russischen Oligarchen nutzen nicht immer etwas. Ein bisschen Fußballsachverstand ist auch nicht schlecht. Die Vorherrschaft der Bayern, von Barca, Real Madrid und Paris St. Germain ist einfach zu drückend, als dass es noch Spaß machen würde. Nur in England wurde durch den Geldregen einiges auf den Kopf gestellt. Besser wurde der Fußball dort allerdings auch nicht. Gerne wird auf den Sportseiten eine »Mannschaft des Tages« zusammengestellt mit Spielern, die durch Tore und besondere Leistungen aufgefallen sind. Man könnte auch gleich immer die Bayern-Aufstellung nehmen. Das würde den Zustand der Liga am besten abbilden. Und sonst? Die erfolgreichen Gladbacher ließen beim Schlußlicht Hoffenheim Punkte. Aber im Unterschied zum BVB, dem das auch passiert ist, holte Gladbach noch in letzter Minute einen Zwei-Tore-Rückstand auf. Nächste Woche geht es dann gegen die Bayern, wo der sympathische André Schubert seine erste Bundesliganiederlage kassieren wird. Bremen hingegen befindet sich im freien Fall. Gegen den HSV spielte jedoch nicht nur Unvermögen eine Rolle, sondern auch Benachteiligung und Pech, denn den Bremern wurde ein klarer Elfer nicht gegeben, während beim HSV sogar abgefälschte Freistöße ins Tor gingen. Wenigstens der Zufall macht die Liga manchmal noch attraktiv.

Die Wahrheit über den 13. Spieltag

Lag es daran, dass es der 13. Spieltag war? Lag es daran, dass der BVB schon seit Jahren nicht mehr in Hamburg gewinnen konnte? Bei einer mittelmäßigen Mannschaft, die immer wieder mal in den Abstiegsstrudel gerät und dann vom BVB gerettet werden muss? Nichts erklärt aber, dass die Dortmunder von Beginn an am Spielgeschehen vollkommen desinteressiert waren. Sie liefen einfach nur neben dem Gegner her, gingen halbherzig in die Zweikämpfe, spielten erstaunlich unpräzise Pässe und die Abwehr ließ sich von einem Lasogga verunsichern, der einfach nur von einem zum anderen lief. Aber selbst das hätte noch für ein Unentschieden gereicht, wenn die Dortmunder nicht selbst für die Tore der Hamburger gesorgt hätten. Bürki glänzte wieder einmal mit einem ungeschickten Foul an Ilicevic im Strafraum, war dann gegen den Elfer machtlos. Dann war es Ginter, der einen sagenhaften Fehlpass spielte, den Müller dankbar annahm, wobei er mit dem Ball fast durch den gesamten gegnerischen Strafraum spazieren konnte, ohne von Sokratis oder Hummels oder Weigl angegriffen zu werden. Er konnte in aller Ruhe abwarten, bis Holtby in Position lief und das 2:0 erzielte. Das 3:0 köpfte Hummels gleich selbst. Erst in den letzten 5 Minuten nahm der BVB noch einmal Fahrt auf, traf aber nur den Pfosten oder aus Abseitsposition. Und Adler hielt dann noch ein paar etwas gefährlichere Schüsse. Bürki sagte nur einen Tag später, er würde so lange an die Meisterschale glauben, so lange es rechnerisch möglich sei. Vielleicht sollte ihm mal jemand flüstern, dass er dafür auch ab und zu einen Ball halten sollte.
Während die Dortmunder nur vergaßen, Fußball zu spielen, hatte Beckenbauer vergessen, was er die letzten zwanzig Jahre gemacht hatte. Sie werden doch nicht glauben, dass ich mich an irgendetwas erinnere, was ich unterschrieben habe. Ich habe nie etwas vorher gelesen, was ich unterschrieben habe. Da würde ich ja heute noch lesen, sagte er sinngemäß und erwies sich als großartiger Komiker, der es seinen Kollegen aus der Kabarettbranche sehr leicht macht, denn sie brauchen ihn nur zu zitieren. Aber natürlich hat er recht, denn wer liest schon das ganze Kleingedruckte in den Verträgen? Jeder versteht das, denn jedem geht es schließlich ähnlich. Korruption und Bestechung sind wahrscheinlich im Fußball, wo sowieso riesige Geldmengen hin- und hergeschoben werden, so normal, dass sich jeder darüber aufregt, wenn tatsächlich einmal etwas herauskommt.
In Spanien fand der Classico statt, der erstaunlich eindeutig mit 4:0 für die Katalanen entschieden wurde, die auch ohne den erst spät eingewechselten Messi, der lange Zeit verletzt war, souverän gewann, weil die Madrilenen außer Härte und Frust nichts zu bieten hatten. Sieht so aus, als ob der erst seit Beginn der Saison verpflichtete Rafael Benítez schnell wieder weg vom Fenster ist.
In Hamburg fing das Spiel aufgrund von Sicherheitskontrollen wegen der IS-Massaker von Paris erst mit 18 Minuten Verspätung an. Uwe Seeler hat das nicht gestört. Das ist doch mal eine erfreuliche Meldung.

Die Wahrheit über den 12. Spieltag

Für Tipper ein ganz schlechter Spieltag, für Leute, die es gern etwas abwechslungsreicher haben hingegen ein Tag mit vielen überraschenden Ergebnissen. Und den roten Karten nach zu schließen, die verteilt wurden, liegen schon am 12. Spieltag die Nerven blank. Wolfsburg hat zwar in den letzten vier Jahren nicht mehr in Mainz gewinnen können, dennoch waren sie in der Karnevalsstadt die Favoriten, schließlich lag Mainz im unteren Tabellendrittel und sah auf eine ordentliche Serie schlimmer Niederlagen zurück. Aber schon nach dreizehn Minuten flog der von Schalke eingekaufte 36-Millionen-Mann Draxler wegen einer Kung-Fu-Einlage gegen Gonzalo Jara vom Platz und bewies, dass er jede einzelne Million wert ist, wenngleich auch nicht für seinen Verein. Wolfsburg Trainer Dieter Hecking plädierte in mürrisch-beckmesserischer Weise, diese Kampfsportart beim Fußball zuzulassen, und sagte, »was andere Leute darüber denken, interessiert mich nicht«. Den Rest der Niederlage besorgten Benaglio und Arnold, die den Mainzern jeweils einen Treffer zum 2:0 schenkten. Die andere Werkself, deren Fan zu sein sich immer wie ein Stigma ausgenommen hat und die den Chemiegeruch der Bayer AG nie abstreifen konnte, wird mir langsam durch den von Roger Schmidt verordneten spektakulären Fußball sympathisch. Viele Tore und Dramatik bis zum Schluss wie gegen den AS Rom in der Champions-League ist ja nicht das schlechteste, was man vom Fußball erwarten kann. Gegen Wolfsburg verloren sie zuletzt wegen eines ungerechtfertigten Elfmeters. Diesmal verloren sie auch noch zu Hause gegen den Reviernachbarn Köln. Die Niederlage hatte einen Namen, und der lautete: Papadopoulos. Ein Ex-Schalker, den man wie Draxler nicht ohne Folgen verpflichtet hat und zudem genau der Mann, der Leverkusen schon wieder weniger sympathisch erscheinen lässt. Auch er musste vom Platz gestellt werden, weil er den im übrigen wenig überzeugenden Kölner Modeste auf dem Weg zum Tor einfach festhielt und dabei nicht mal eine Chance verhinderte, weil Modeste sich den Ball zu weit vorgelegt hatte. Und im dritten Spiel mit rot war es Gladbachs Xhaka, der nach einem Foul in 86. vom Platz musste. Ausnahmsweise kein Ex-Schalker, aber auch kein sonderlich beherrschter Spieler, weshalb Ingolstadts Trainer Hasenhüttl offenbar die Anweisung an seine Spieler gab, Xhaka so lange zu provozieren, bis ihm die Pferde durchgehen würden. Und das scheint ihnen dann auch gelungen zu sein, wenngleich auch erst in der 86. Minute, was nicht mehr den Ingolstädtern nützte, sondern vielmehr dem nächsten Gegner Gladbachs nützen wird. Jedenfalls behauptete das Gladbachs Dominguez, der mit einigen Ingolstädtern Spielern gesprochen haben wollte, die ihm den Eindruck, den sowieso jeder im Stadion hatte, bestätigten. Ein unansehnliches, ständig von Fouls unterbrochenes Spiel, in dem jede Entscheidung des Schiedsrichters bemeckert wurde. Das ist die Methode, mit der Ingolstadt sich in der Bundesliga halten will, und das ist der Grund, weshalb man solche Vereine da nicht braucht.