Die Wahrheit über den 9. Spieltag

Man hatte extra einen neuen Rasen für die Dortmunder Elf verlegt und sie durften sogar ihre erfolgreichen CL-Trikots anziehen. Vergeblich. Die Dortmunder waren in allen statistischen Belangen überlegen wie z.B. 17:7 Torschüssen, Ballbesitz, Passquote, Zweikampfquote und Abseits. Nur bei den Fouls waren sie wie immer unterlegen. Am Ende stand es 1:0 für Hannover. Bei Dortmund stand nominell die stärkste Mannschaft auf dem Platz und nach Anfangsschwierigkeiten setzten sie die stark ersatzgeschwächten Hannoveraner unter extremen Druck, aber keiner der Schwarzgelben konnte eine der klaren Torchancen verwerten. Es bewahrheitete sich die alte Weisheit von Kobra Wegmann, erst hatte man kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Während die Dortmunder in den vergangenen Spielen richtig schlecht war und auch keine wirkliche Chance herausgespielt hatten, boten sich ihnen die Möglichkeiten phasenweise im Minutentakt. Aber etwas Unhaltbares war nicht dabei oder der Ball ging vorbei oder ans Aluminium. Es war wie verhext, aber man konnte den alten Schwung und die schnellen Kombinationen wieder sehen, die das Dortmunder Spiel auszeichnen. Aber dann kam die 62. Minute, wo der schon ausgepumpte und noch nicht auf der Höhe sich befindliche Gündogan zu spät in den Zweikampf kam und einen Freistoß verursachte, den Kiyotake direkt verwandelte, weil Weidenfeller sich zu sehr auf seine Torwartecke konzentrierte. Viele andere Torhüter hätten den Ball entschärft, aber selbst auf Weidenfeller ist z.Z. kein richtiger Verlass mehr, auch wenn er kurze Zeit später zwei Großchancen der 96er vereitelte. Nach diesem erneuten Rückstand spürte man förmlich die Verunsicherung der Dortmunder, plötzlich klappten die einfachsten Bälle nicht mehr, man vertraute dem Zusammenspiel nicht mehr und versuchte es auf eigene Faust, wie Ramos, der lieber danebenschoss als den besser postierten Aubameyang zu bedienen, man rannte lieber mit dem Ball über den halben Platz wie Mkhitaryan als das Risiko eines Steilpasses einzugehen. Solche Spiele können immer wieder mal passieren, weil der Zufall verrückt spielt und die Gesetze der Wahrscheinlichkeit außer Kraft setzt. Dass das Dortmund ausgerechnet in dieser Situation trifft, ist besonders bitter. Mit der vierten Saisonniederlage in Folge ist man bereits 16 Punkte hinter den Bayern und wenn man am nächsten Spieltag gegen die Bayern antreten muss, dann sind es bereits 19 Punkte, weit mehr als die 17 Punkte, die Dortmund erklärterweise nicht mehr hinter Bayern liegen wollte. Dann steht Gladbach auf dem Plan, auch eine Mannschaft, die in der augenblicklichen Form nicht so einfach zu besiegen sein wird. Sicher werden die Dortmunder aus dem Tief auch wieder herauskommen, aber ob sie es dann noch auf einen der CL-Plätze schaffen, wird mit jeder Niederlage zweifelhafter. Dortmund wird die erste Mannschaft sein, die die Champions-League gewinnt und gleichzeitig absteigt, unken bereits einige Fans, weil niemand will, dass Dortmund irgendwo im Mittelfeld landet. Aber leider wird das immer wahrscheinlicher. Jedenfalls wächst der Druck und wie es aussieht, sind die Dortmunder Spieler dem Druck nicht gewachsen. Und der Druck ist nicht gering, denn auch der Verein ist auf die Einnahmen aus der CL angewiesen, vor allem, wenn man Spieler wie Reus und Gündogan halten will, die als nächste den Verein verlassen werden.

Die Wahrheit über den 8. Spieltag

Viele erwarteten nach der zweiwöchigen Länderspielpause, dass ein runderneuerter BVB auf dem Platz stehen würde. Aber das war nicht der Fall und es wäre auch ein kleines Wunder gewesen, denn an der Lage beim BVB hat sich nichts verändert. Klopp sagte: „Es gibt bei uns ja kaum noch einen, der keine längere Verletzung hatte. Und die, die keine hatten, mussten die ganze Zeit durchspielen, die gehen jetzt auf dem Zahnfleisch.“ Das Problem ist, dass die Zeit und die Ruhe fehlte, um dieses Problem lösen zu können, denn auch eine Länderspielpause bedeutet für die meisten Spieler ja keine Pause. Zudem sah man dem Spiel der Dortmunder deutlich an, dass man so noch nie zusammen gespielt hat und dass die neuen Spieler noch lange nicht integriert sind, was man an den Missverständnissen ablesen konnte. Nach fünf Niederlagen kommt schließlich noch etwas neues und sehr gefährliches hinzu, nämlich die Verunsicherung der Spieler, die anfangen, nicht mehr an sich zu glauben. Und diese Verunsicherung ist deutlich zu spüren, vor allem von den gegnerischen Mannschaften, die davon ausgehen können, dass ihnen der BVB mindestens zwei Tore schenkt. Und weil der BVB höchstens ein Tor schafft, geht ein Spiel wie das in Köln eben 2:1 aus. Das Erstaunliche dabei war, dass nach dem Ausgleich der Dortmunder die Schwarzgelben psychologisch im Vorteil waren, aber ihn nicht zu nutzen wussten, jedenfalls kreierten sie keine weiteren wirklich guten Chancen. Stattdessen patzte jetzt auch noch Weidenfeller. Dass in jedem Spiel ein anderer patzt ist ein weiterer bemerkenswerter Hinweis darauf, dass die Krise tief steckt, denn jede Mannschaft weiß jetzt, wie es um Dortmund bestellt ist. Der nächsten Partie gegen Hannover kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil Hannover ebenfalls in der Krise steckt, weshalb ein Hauen und Stechen zu erwarten sein wird. Und vermutlich kann das Hannover besser als Dortmund. Immerhin kehrte nach 14 Monaten Gündogan wieder zurück und leitete mit einem verlorenen Kopfballduell auch gleich die 1:0-Führung Kölns ein. Auch Reus war wieder mit von der Partie und gab bei einem der wenigen gelungenen Spielzüge die Vorlage zum Ausgleich durch Immobile. Mhkitaryan war ebenfalls dabei, ohne dass ihm etwas gelungen wäre. Nominell stand eine Mannschaft auf dem Platz, die Köln mit 6:0 hätte hinwegfegen müssen, wie nicht wenige dachten, die nur auf die Namen sehen, aber nicht die Probleme, mit denen Dortmund zu kämpfen hat. Diesen Abwärtstrend zu stoppen, die Blockade zu durchbrechen, die sich bei den Spielern einstellt, wenn spielerisch nichts gelingt und man gegen technisch limitierte Kampftruppen verliert, ist keine leichte Aufgabe. „Für uns beginnt jetzt der Rest der Saison“, hatte Klopp vor dem Spiel in Köln verkündet. Und dieser neue Saisonbeginn ist nun wieder gescheitert. Vor der Saison wurde verkündet, dass es einen 17-Punkte-Abstand zu den Bayern nicht mehr geben wird. Nach nur acht Spieltagen sind es bereits 13 Punkte. Das alles trägt zum blinden Ehrgeiz und zur Verkrampfung bei. Nicht anders ist das Formtief von Hummels zu erklären, der in einem normalen Zweikampf fast ein weiteres Tor der Kölner zugelassen hätte. Es wäre fast ein Wunder, wenn nach all diesen Indikatoren plötzlich ein gutes Spiel zustande käme. Vermutlich finden auch die Dortmunder nur durch Kampf und Murx wieder zurück in die Spur.

Unterwegs sein wie ein Defraudant. Enzensbergers Tumult

Memoiren werden häufig in einer Zeit verfasst, in der Autoren ihren Zenit überschritten haben. Der Rückblick auf das Leben wird dann in der Regel zu einer Schau, in der man verständlicherweise möglichst gut dastehen möchte, weshalb dieses Genre in literarischer Hinsicht eher belächelt wird. Und deshalb schreiben manche Schriftsteller ihre Memoiren bereits mit zwanzig oder machen sich über die Erinnerungsliteratur insgesamt lustig, indem sie stattdessen lieber »Die Memoiren meiner Frau« verfassen oder die »Memoiren eines alten Arschlochs«.
Es ist also eine durchaus heikle Angelegenheit, selbst für einen so souveränen Schriftsteller wie den bald 85-jährigen Hans Magnus Enzensberger. Er ist sich der Fallen und Probleme einer Autobiographie bewusst. Traut man nämlich nicht der rudimentären Erinnerung, die einem zur Verfügung steht, oder hat man wie Enzensberger sowieso einen Widerwillen, sich alles wieder ins Gedächtnis zu rufen oder in den Autobiographien der Zeitgenossen zu blättern, und zudem weiß, wie wenig Verlass auf Zeugenaussagen ist, dann sind das gute Argumente, um lieber keine Autobiographie zu verfasssen. Enzensberger möchte sich nur ungern auf unsicheres Terrain begeben, das »von der bewußten Lüge bis zur stillschweigenden Verbesserung, vom schlichten Irrtum bis zur raffinierten Selbstinszenierung« reicht und wo »die Übergänge schwer zu markieren« sind.
Dass sich Enzensberger dennoch darauf eingelassen hat, zumindest über die sechziger Jahre zu schreiben, den Zeitabschnitt seines Lebens, in dem der »Tumult« am größten war, hat mit einem zufälligen Fund in seinem Keller zu tun, als er eine vergessene Pappschachtel mit Briefen, Notizbüchern, Photos, Zeitungsausschnitten und Manuskripten entdeckte. Enzensberger musste sich also nicht auf sein eigenes oder ein fremdes Gedächtnis verlassen. Er hatte jetzt einen Menschen vor sich, der ihm allerdings völlig fremd war. »Dieses Ich war ein anderer«, paraphrasiert er Rimbaud. Um die Fremdheit zu überwinden, tritt er mit dem anderen in einen Dialog, er befragt ihn, er fühlt ihm auf dem Zahn und streitet mit ihm. Der andere stellt von Anfang an klar: »Ich habe das meiste vergessen und das Wichtigste nicht verstanden.« Das ist vielleicht ein wenig Koketterie, aber die Absicht Enzensbergers wird deutlich: Man darf die ganze Sache nicht so ernst nehmen. »Das einzige, was mich interessierte, waren seine Antworten auf die Frage: Mein Liebster, was hast du dir bei alledem gedacht?«
Was den späten Enzensberger interessiert erfährt man von dem jungen nicht immer, aber es ist auch nicht das entscheidende Motiv, denn selbstverständlich ist das ganze nur ein Spiel mit der unzuverlässigen Erinnerung, aber das ist höchst spannend. Obwohl Enzensberger in den Zeiten des Tumults mitten drin war, hat er doch immer wieder die »Straßenschlachten verpaßt oder verschlafen«. Nur einmal hielt er eine Rede auf einer Großkundgebung gegen die Notstandsgesetze vor 25000 Leuten und bemerkte, wie er auf dem besten Wege war, sich »in einen Demagogen zu verwandeln«. Vielleicht löste das in ihm den Reflex aus, immer lieber woanders zu sein. Fast das gesamte Buch nämlich erzählt von seiner unbändigen Reiselust. Nach Rußland, wo er seine 2. Frau Mascha kennenlernt, in die USA, nach London, nach Italien, Norwegen, San Francisco, nach Südaustralien und Französisch-Polynesien und vor allem immer wieder nach Kuba. Und das waren noch lange nicht alle Stationen. Man gewinnt den Eindruck, als ob Enzensberger auf der ständigen Flucht vor sich selbst gewesen ist, und es gefiel ihm auch, »ohne Adresse zu verschwinden. Unterwegs zu sein wie ein Defraudant«. Die nomadische Unruhe bewahrte ihn vor dem Schicksal vieler Zeitgenossen selbst aus dem engsten Freundeskreis, die häufig in einer Ideologie Halt suchten und ihren offenen Blick auf die Welt verloren. Den hat sich Enzensberger immer bewahrt, er hat nie verbissen an einer idee fixe festgehalten. Das ist ihm gelungen, weil er mitten im Tumult immer wieder eine »andere Welt« betrat, vergessene Winkel der Erde, Zufluchtsorte von Juden, konspirative Hinterzimmer in Barcelona, Mansarden in Ménilmontant, verstaubte Archive in Amsterdam. Er bewegte sich abseits vom Zentrum, auf das alle Leute starrten. Dennoch wurde er zu einer Art Autorität. Es hat ihn nie interessiert. Und das macht ihn und seine »Erinnerungen« so einzigartig.

Hans Magnus Enzensberger „Tumult“, Suhrkamp Insel, 285 Seiten.

Briefe eines Nomaden. Bruce Chatwins Briefe

»Veränderung ist das Einzige, für das es sich zu leben lohnt«, schrieb Bruce Chatwin schon 1966 in einem Brief an einen Freund, noch bevor er sich dem Gegenstand seiner Forschung anverwandelte und selbst zum Nomaden wurde. Wie es dazu kam, macht jetzt ein sorgfältig edierter und von Nicholas Shakespeare und Elizabeth Chatwin herausgegebener Band »Der Nomade« mit den Briefen Bruce Chatwins deutlich und belegt aus erster Hand die von Shakespeare verfasste umfangreiche Biografie aus dem Jahr 2000.
Drei Jahre arbeitete Bruce Chatwin an einem Buch über die Frage »Warum wandern die Menschen anstatt stillzusitzen?« und über die heftigen Vorurteilen der zivilisierten Welt gegen die unsteten Wanderer. Nomaden sind Analphabeten, sie sind hart, intolerant, grausam und träge, die »Massenvernichtung« jedoch »ist eine Spezialität der Zivilisierten. Die ›Neobarbarei‹ Hitlers war Zivilisation in ihrer bösartigsten Form.« Seinem ersten Verleger Tom Maschler schreibt er ausführlich seinen Plan, und der ist begeistert. Nach der Lektüre der ersten fünfzig Manuskriptseiten jedoch gibt Maschler auf. Hölzern und ungenießbar findet er das Buch und auch Chatwin muss feststellen, »dass es ein Haufen humorloser, selbstgefälliger, schulmeisterlicher Quatsch ist«. Er hört auf, sich dem Phänomen der Nomaden wissenschaftlich nähern zu wollen und schreibt mit seinem Patagonien-Buch einen Weltbestseller.
Seine Briefe aus allen Winkeln der Welt handeln häufig von seinen zukünftigen Reiseplänen, gerichtet an Leute, bei denen er unterzukommen hofft. Er blieb eine Weile, und bevor es ungemütlich wurde, zog er weiter. Er war »egoistisch und egozentrisch wie die meisten Künstler«, aber er war auch »hinreißend, clever und intelligent« und er hatte ein einnehmendes und höfliches Wesen. Seine Briefe belegen das in allen Nuancen und entfalten manchmal einen großartigen Humor, vor allem wenn Elizabeth Chatwin seine Hirngespinste und hochfliegenden Pläne mit trockenen Kommentaren versieht.

Bruce Chatwin »Der Nomade. Briefe«, Aus dem Englischen von Anna Leube und Dietrich Leube, Hanser, 638 Seiten, 27.90 Euro

Buchmessenreport Tag 4

Viele Verleger kommen sich auf der Messe wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ vor. Und deshalb würde es mich nicht wundern, wenn Sie folgende Kolumne so oder so ähnlich schon mal gelesen haben. Aber etwas ist anders. Die Entwicklung ist kaum wahrnehmbar, und sie ist mir selbst kaum aufgefallen, weil ich in einem Gang abseits des Trubels der Bertelmann und Randomhouse-Verlage ein stilles Dasein friste, aber die Zeiten der immer neuen Besucherrekorde sind vorbei. Niemand will mehr Helmut Kohl sehen, wie er als Vollleiche durch die Gänge geschoben wird, Politiker stellen ihre Bücher nicht mehr auf der Messe vor, jedenfalls nicht viele und wenn dann die unwichtigen und ausrangierten Politiker wie ehemalige Umweltminister, Mercedes kommt auch nicht mehr, um sein neues Modell vorzuführen und sowieso geht der Trend zum Selfpublishing. Der Autor kann sich bald seine eigene Druckmaschine in den Keller stellen und ohne Diktat und Ausbeutung der Verlage sein eigenes Produkt herstellen. Er ist dann Autor, Leser, Verleger und Hersteller in einer Person. Die Entwicklung zu Autismus und Autonomie ist nicht mehr aufzuhalten. Und im nächsten Jahr findet auch noch eine Umstrukturierung der Messe statt und alle Verleger sind fest davon überzeugt, dass sie eine Verschlechterung bedeutet. In der „Welt“ wird sogar von der „vermutlich letzten Buchmesse“ geraunt. Aber vermutlich ist der Überlebenswille zäher, als manche wahrhaben wollen. Vielleicht aber ist alles ganz anders und die Buchbranche befindet sich wieder im Aufwind, zusammengeschweißt durch die Bedrohung amazon, den Konzern, den alle doof finden. Vielleicht gehen die letzten Buchkäufer jetzt wieder verstärkt in die Buchhandlungen und kaufen brav alles, was auf den Spiegelbestsellerlistentischen ordentlich von 1 bis 20 gestapelt ist. Und vielleicht verkauft sich ja mal wieder ein Verlagstitel, der die nächsten Jahre wieder sichert. Könnte alles sein. Oder eben auch nicht. Vermutlich ist alles wie immer. Außer dass alles teurer wird, aber das ist ja auch nichts neues. Gerade hat sich ein Buchkäufer in meinem Stand eingefunden und scheint Interesse an einem Buch zu haben. Ich muss jetzt aufhören, damit er nicht wieder davonläuft. Man muss jeden einzelnen Leser dafür loben, dass er noch liest. Jedenfalls einmal im Jahr auf der Buchmesse.

Buchmessenreport 3. Tag

Niemand kannte den neuen Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano, jedenfalls niemand, den ich fragte, und ich auch nicht. Aber das will nicht viel heißen. Aber dann traf ich den weltberühmtesten und bekanntesten deutschen Kolumnisten Hans Zippert auf dem Titanic-Fest, der mir erzählte, dass er alles von Patrick Modiano gelesen habe und auch alle Platten von ihm besitze, d.h. genau eine, für die Modiano die Texte geschrieben habe. Er verehre Patrick Modiano und könne die Entscheidung der Jury nur begrüßen, aber gerade weil er ihn so toll finde, könnte er nie über ihn schreiben, weil er dann vermutlich nur so etwas zustande brächte wie, dass er ihn ganz toll fände. Also muss ich andere Quellen anzapfen, und welche Quellen eignen sich besser als die Qualitätszeitung FAZ. Dort ehrte Nils Minkmar den Geehrten: „Das Individuum ist bei Modiano kein opaker Monolith, der sich gegen die Zeiten behauptet, sondern eine fragile und durchlässige Membran um einen Komplex diverser Fragmente.“ Das leuchtete mir sofort ein, vor allem die durchlässige Membran. Aber der Satz hat auch den Vorteil, dass man lange darauf herumkauen kann. Und darum geht es ja auch schließlich im Kulturjournalismus. Auf dem Hanser-Fest, auf dem man den Preis hätte feiern können, weil die Bücher bei Hanser erschienen sind, und es vielleicht sogar tat, was ich aber nicht mitbekommen habe, stimmte eine Kulturbeauftragte ein hohes Lied auf den Kulturbetrieb und die Kunst des Feuilletons an, die im Unterschied zu Ländern in Afrika hoch entwickelt seien. Da hatte die Frau natürlich recht, und ich fand es eine ausgezeichnete Idee, Afrika als Maßstab zu nehmen, wobei es natürlich bedenklich stimmt, dass die Messlatte so niedrig gehängt wird, als ob man nicht wirklich Zutrauen zum Kulturbetrieb hätte. Toll jedenfalls ist, dass mit Patrick Modiano ein Schriftsteller ausgezeichnet wird, der sich dem Kulturbetrieb weitgehend entzog, weil er schüchtern war und stotterte. Und an ihm kann man außerdem sehen, dass man es auch als Kind eines Juden, der in Paris Geschäfte mit der Gestapo machte, und einer Mutter, die als flämische Tänzerin eine „nicht sehr empfehlenswerte Person“ gewesen sei, zu etwas bringen kann.
Wenigstens hat Paulo Coelho den Literaturnobelpreis nicht bekommen. Der brasilianische Bestsellerautor verkauft „165 Millionen Bücher in achtzig Sprachen und 170 Ländern“, d.h. im Schnitt eine Million pro Land. 180 Länder sind übrigens nach einem komplizierten Demokratieindex erfasst. D.h. nur in zehn Ländern weiß man nicht wer Paulo Coelho ist. Höchstwahrscheinlich in den Ländern, die ganz unten auf der Liste auftauchen mit dem niedrigsten Demokratieindex, nämlich Nordkorea und Eritrea. Und das zeigt, dass auch solche Länder ihre Vorteile haben. Vielleicht kleine, aber doch sehr charmante.

Buchmessenreport 2. Tag

Ich dachte schon, die finnische Literatur sei daran schuld, dass in den Hallen so wenig Gedränge herrscht, vielleicht sogar ein Hauch von Depression, aber das stimmte gar nicht. Es war das Verdienst der Gewerkschaft der Lokomotivführer, die ja sonst nur nachts streiken, wenn es niemand merkt. Aber diesmal hat sie den Lärmpegel erheblich gesenkt und man konnte sich schön in seiner Koje aufhalten, ohne allzusehr gestört zu werden. Denn es gibt nicht mal mehr die Messeausgabe der FAZ, die die Verleger mit den neuesten Klatschgeschichten versorgt hat. Sparmaßnahmen. Nachdem man 200 Leute entlassen wird, wäre eine Messe-FAZ in gewisser Weise sogar frivol gewesen, denn sie kostete dem Verlag eine gehörige Stange Geld, 9000 Euro allein dafür, sie überhaupt verteilen zu dürfen, wobei das noch einer der kleineren Posten gewesen sein dürfte, und der Werbeeffekt dürfte sich ebenfalls in Grenzen gehalten haben. Mit mir haben sie jedenfalls keinen neuen Leser gewonnen, weil ich sie sowieso jeden morgen in meinem Café lese. Schade ist es trotzdem, denn es zeigt, dass der Qualitätsjournalismus immer mehr auf der Strecke bleibt und in absehbarer Zeit sein Leben aushauchen wird. Man wird dann keine aufschlussreichen Besprechungen von Nils Minkmar über so wichtige Autoren wie Katja Kessler mehr lesen können, die ihre Abenteuer mit ihrem „Schatzi“ Kai Diekmann im Silicon Valley in einem Buch niedergeschrieben hat, und in dem es um „die Komplexität des Alltags, die Wagnisse moderner Familien und die Lage einer Generation (geht), die ihre Lebensführung ganz neu erfinden muss, ohne die Modelle der Vorfahren und jene das Selbst stabilisierende Praxis, die Michel Foucault in der ‚Sorge um sich’ beschrieb.“ Das wird Katja Kessler umgehauen haben, aber vermutlich musste sie Foucault erst googeln.
Die Europäische Union hat einen Literaturpreis verliehen, und zwar an gleich dreizehn Autoren, die niemand kennt. Die dreizehn Autoren wiederum kannten den Preis nicht, aber er machte sie um 5000 Euro reicher, weshalb es selbstverständlich keinen Grund gab, sich zu beschweren. Die Moderatorin Janne Teller (siehe juwe von gestern) hatte Probleme, die Namen richtig auszusprechen, und welche Bücher prämiert wurden, wusste sie wahrscheinlich auch nicht, aber wer will die Bücher schon lesen, die in der Welt der künstlichen Alimentierung von Autoren geschrieben werden.
Auf einem Bildschirm wird Helmut Kohl angekündigt. Eine Stunde vorher stehen bereits zehn Kameras bereit und der Tontechniker machte „Check, Check“ ins Mikrophon. Ich wusste gar nicht, dass Kohl noch sprechen kann. Das vom Kameraauflauf angelockte Publikum glaubt nicht, dass Kohl kommen wird. Eine Frau sagt, dass sie nicht der Sohn von Kohl gewesen sein wollte. Und ich will nicht eine Stunde auf Kohl warten und gehe weiter um die Ecke zur „Jungen Freiheit“. Da niemand mit denen zusammen in der Schmuddelecke der Halle 5.1 stehen will hat die Messeleitung einer antirassistischen Vereinigung einen 96 qm großen Stand spendiert. Dort hängen Klopp, Subotic und mein Lieblingsspieler Otto Addo auf Postkarten und werben für eine antirassistische Welt. Schalker hab ich keine gewesen. Außerdem werden „Antiidiotikum akut“-Tabletten, „zur Steigerung niedriger Intelligenzquotienten“ verschenkt. Obs was hilft?

Buchmessenreport 1. Tag

Warum Finnland Gastland der diesjährigen Buchmesse ist, weiß ich nicht. Vielleicht wegen der Trolle, die es dort gibt. Aber die leben in Erdspalten, lesen nicht (kein Licht) und kommen selten heraus. Und es ist kaum anzunehmen, dass die zur Buchmesse herauskommen. Vielleicht auch, weil in Finnland jeder entweder Schriftsteller ist oder Alkoholiker. In den langen Nächten kann man nämlich nichts anderes tun als trinken oder schreiben oder beides. Finnische Literatur besteht deshalb aus depressiven Krimis oder depressiven Romanen oder beides. Jedenfalls muss in jedem Buch eine Depression vorkommen, sonst gilt der Roman nicht als finnischer Roman, was als Qualitäts- und Umsatzmerkmal gilt, weil auch in Deutschland die Zahl der Depressiven steigt.
Statt die Autoren einer verschärften Kontrolle am Eingang zu unterziehen und verdächtige Subjekte mit Manuskripten abzuweisen (die Autoren schmuggeln ihre Romane mittlerweile auf Sticks auf die Messe), versucht man die Autoren zu konzentrieren und hat für sie eine „Autoren Lounge“ eingerichtet. Das ist nach Angaben der Messeleitung ein „neuer Kraft- und Denkort“ in der Halle 5.1. Dort gibt es auch ein Projekt „Frankfurt Undercover, bei dem die dänische Autorin Janne Teller zu einem Autorentreffen rund um ein hochaktuelles politisches Thema einlädt. Ziel: Ein Geschenk von Autoren an die Politik: Ein Kompendium von Ideen! Medienpartner: Sky Deutschland.“ Das sind die, die die Gebühren für Fußballübertragungen in Kneipen in die Höhe treiben, um die Betreiber in den Ruin zu treiben, weil man die privaten Haushalte zwingen will, Sky zu abbonieren.
Von Wolfgang Herrndorf ist ein unvollendeter Roman erschienen. In seinem Testament hat er verfügt, Journalisten mit einem Gewehr in die Flucht zu schlagen. Er hat nicht damit gerechnet, dass sich Journalisten von so etwas nicht einschüchtern lassen, jedenfalls nicht Franz Josef Wagner, dem bei der Lektüre „eines Toten“ einer abgeht: „Als eBook mag ich dieses Buch nicht lesen“, schreibt er. Weil da etwas anderes drinsteht? Nein. „Ich will es Seite um Seite umblättern. Ich will mitfühlen, wie er schreibt, einsam mit seinem Gehirntumor im Kopf und mit einer Pistole unter dem Kopfkissen. Auf eBooks fühle ich nichts.“
Vielleicht wäre das eine Aufgabe im neuen „Kraft- und Denkort“ der Autoren, dass am Rande einer eBook-Seite vermerkt wird, wie der Autor sich gerade fühlt, z.B. „wieder depressiv. Brauche dringend eine Pistole unter meinem Kopfkissen“. Und vielleicht sollte die Pistole mit Kopfkissen bei der Bestellung eines Kindle bei amazon gleich mitgeliefert werden, damit wenigstens der Leser die Chance hat, sich zu erschießen, wenn es schon nicht die Journalisten tun.

Unterwegs in Parallelwelten. Marion Braschs “Wunderlich fährt nach Norden”

Romananfänge sind ungemein wichtig, weil sie darüber entscheiden, ob der Leser bei der Stange bleibt oder nicht. Im Haffmans Verlag ist sogar einmal ein ganzes Buch mit Romananfängen herausgekommen. Jedenfalls empfiehlt es sich, nicht unbedingt gleich im ersten Satz vier Relativsätze ineinander zu verschachteln, denn das ist kein Stilmittel, sondern einfach nur vergurkt, auch wenn der Autor Martin Walser heißt. Aber zum Glück ist diese Art von verquollener und gestelzter Literatur am Aussterben. Wenn also ein Roman mit den Sätzen beginnt – »Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielte das für eine Rolle, wenn das Unglück größer ist als man selbst. Wobei das eigentlich nicht stimmte, denn Wunderlichs Unglück war etwa einen Kopf kleiner als er und hieß Marie.« –, dann ist das hinreißend und wer nicht sofort dabei und drin ist, dem ist nicht beizukommen, jedenfalls nicht mit literarischem Geschmack. Die Sätze stammen von Marion Brasch, der kleinen Schwester der Brasch-Brüder, und sie sind aus ihrem neuen Roman »Wunderlich fährt nach Norden«.
Genaugenommen gehört der Roman in die Abteilung phantastische Literatur, denn in ihm passieren Dinge, die sich nicht erklären lassen, phantastische Dinge eben, die die Logik der Welt aushebeln. Da mischt sich z.B. das Handy mit Nachrichten eines Alles- und Besserwissers in das Leben des Protagonisten ein, gibt ihm wie ein guter Freund sinnlose Tipps, meldet sich vorlaut und ungefragt zu Wort und schweigt, wenn Wunderlich wirklich mal was wissen will. Wunderlich ist ein Mann ohne Eigenschaften und ohne Ausstrahlung, ein Verlorener in der Welt der Effektivität und des Vorankommens. Ausgerechnet dieser Wunderlich, den Marion Brasch mit großer Sympathie und Wärme zeichnet, gerät in den Kuddelmuddel dieser absurden, dieser wunderlichen Welt.
Auf der Zugreise, die Wunderlich antritt, um Abstand vom Unglück seiner Liebe zu kriegen, wird er wegen eines abgelaufenen Ausweises an einer Station ausgesetzt, in der schon lange keine ICE-Zügen mehr angehalten haben. Erst im Laufe der Lektüre stellt sich heraus, dass er eine Mauer durchbrochen zu haben scheint und in einer Art Parallelwelt gelandet ist, in der ein in der Nacht schimmerndes Blauharz Wunden heilt und partiell Erinnerungen löscht. Er trifft einen Alkoholiker, der in einem verfallenen Haus wohnt, plötzlich verschwindet und auf dessen Suche er sich begibt. Es beginnt eine zarte Romanze mit einer Frau aus einem Wohnwagen mit einem dunklen Geheimnis. Ein kleines Universum, kaum zu unterscheiden von der wirklichen Welt, hat sich da in einem verstaubten Winkel der Geschichte niedergelassen, vergessen und abgenabelt von der anderen Welt, aus der Wunderlich gekommen ist. Ein bisschen sieht diese Parallelwelt wie die DDR auf dem Lande aus, abseits der Paraden und Erfolgsparolen, also dort, wo Menschen, die nicht ins System passten oder vielleicht auch nicht passen wollten, ihre Nischenexistenz gefunden haben und ein Leben lebten, in dem sie nicht belästigt wurden. Wunderlich ist fasziniert von dieser Szene, aber er will auch nicht seinen Plan aufgeben, zum Meer zu reisen. Das hat er sich vorgenommen. Mit einer Draisine, einem alten Fortbewegungsmittel auf Schienen, das Buster Keaton in einem Film verewigte und das wieder in »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« wieder auftauchte, kehrt er in die wirkliche Welt zurück. Die ist ihm jedoch fremd geworden. Er will wieder in das verlassene Paradies zurück. Aber es hat sich aufgelöst. Das Dorf existiert noch, aber die Menschen existieren nicht mehr. Und auch das Handy spricht nicht mehr oder nur noch selten.
Das hört sich vielleicht etwas nostalgisch an, und vermutlich ist der Roman das auch. Vorausgesetzt ich liege mit der Interpretation nicht völlig daneben. Aber gegen ein bisschen Nostalgie ist ja auch nichts einzuwenden, jedenfalls wenn sie in einem Roman vorkommt. Vor allem aber ist der Roman leicht und unbeschwert. Ein Sommermärchen, in das man versinkt und dabei von einem unaufdringlichen feinen Humor weggespült wird. Und das alles passt wunderbar zusammen. Und mehr kann man von einem Buch nicht verlangen. Ein Roman, der es sofort in meine Top-Ten geschafft hat. Und zwar auf einen der vorderen Plätze.

Marion Brasch, »Wunderlich fährt nach Norden«, Roman, S. Fischer, gebunden, 286 Seiten, 19.99 Euro

Die Wahrheit über den 7. Spieltag

Nach dem souveränen 3:0 in der Champions-League nun wieder eine Niederlage in der Liga. Eine besonders bittere Niederlage, nämlich gegen den Tabellenletzten und bislang sieglosen HSV. Aber der HSV ist aus rätselhaften Gründen ein Angstgegner Dortmunds. Gegen keine andere Mannschaft hat Klopp so häufig verloren wie gegen den HSV. Und gegen keine andere Mannschaft ruft der HSV seine besten Leistungen ab. Das ist rätselhaft. Weniger rätselhaft ist es, wie die Niederlage zustande kam. Die Dortmunder hatten gerade mal zwei Spieltage zur Regeneration und aufgrund der vielen Verletzten hat Klopp keine Option, frische Leute auf den Platz zu stellen. Die Hamburger hingegen hatten eine Woche Zeit, sich auf dieses Spiel vorzubereiten. Und gegen Dortmund taten sie das, was man gegen Dortmund z.Z. tun muss, um zu gewinnen, nämlich bis an die Grenze aggressiv in die Zweikämpfe zu gehen und durch ständige Fouls das Spiel zu zerstören. In dieser Disziplin haben sich alle Hamburger zweifellos eine Eins verdient. Und Dortmund ist nicht in der Lage, ein Mittel gegen diese Spielweise zu finden. Nur ist diese Art von Spiel nicht unbedingt erfolgreich, denn Härte und Spielzerstörung schießt noch keine Tore. Es hätte also torlos ausgehen können, aber Dortmund sorgt regelmäßig für die Tore, die der Gegner aus eigenem Spielvermögen nicht schafft. Diesmal war es Ramos, der mit einem haarsträubenden Querpass die Hamburger zu einem Konter einlud. Und damit dürften die Tore, die er für den BVB geschossen hat, und die Tore, die er verschuldet hat, sich ungefähr die Waage halten, nur dass die verschuldeten Tore drei Punkte kosteten, während seine zwei Tore beim 3:0 gegen Anderlecht nicht unbedingt nötig gewesen wären. Und vorne offenbarte er alleinstehend vor dem HSV-Tor eklatante technische Schwächen, als ihm der Ball versprang. Durm auf der rechten Seite für den angeschlagenen Piszczek war ein Unsicherheitsfaktor de luxe und auch Schmelzer auf der anderen Seite mühte sich vergebens. Dortmund ließ sich das Spiel der Hamburger aufdrücken und versuchte dagegenzuhalten. Aber auf diesem Niveau sind die Dortmunder einfach unterlegen. Unüberlegt rannten sie an. Der Wille war niemandem abzusprechen, aber der Wille fand keinen Ausdruck im Zusammenspiel, denn spätestens nach ein paar Ballstafetten war wieder ein Hamburger dazwischen gegrätscht, weshalb die Dortmunder es zunehmend mit Einzelaktionen versuchten, was aber noch weniger klappte. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Dortmund zu viele mittelmäßige Spieler hat, die ohne die Kreativspieler nur selten ihre Leistung abrufen können. Und der in antiquierte Manndeckung genommene Kagawa ist noch nicht dazu in der Lage, die Schwächen zu kompensieren. Während Hamburg rackerte und aggressiv darauf bedacht war, keinen Spielfluss zustande kommen zu lassen, zeigte sich Hannover in München von seiner Schokoladenseite. Sie ließen den Münchnern jede Menge Platz zum Kombinieren und gingen dem Gegner so gut sie konnten aus dem Weg. Und wieder schoss ein Dortmunder die Tore. Gleich zwei erzielte Lewandowski und hätte auch ein drittes gemacht, wenn Robben nicht lieber verschossen hätte. Dafür darf Lewandowski jetzt seine Freizeit zusammen mit den anderen Bayernspielern in Lederhose und kleinkarierten rotweißen Hemden auf der Oktoberwiese herumsitzen.