Eine neue Geschichte des Existenzialismus

Der französische Existenzialismus, wie ihn Sartre, Merleau-Ponty, Camus und andere geprägt haben, war schon lange mausetot. Jetzt kommt die Londoner Schriftstellerin Sarah Bakewell, die an der Uni Creative Writing lehrt und die bis vor dem Erscheinen ihres Bestsellers über Montaigne niemand kannte, und erweckt den Existenzialismus wieder zum Leben, indem sie ihn in allen möglichen Facetten und Abschweifungen nachspürt, die Biographie ihrer Protagonisten mit ihren Theorien kurz schließt, zeigt, wie das eine sich auf das andere auswirkt, wie die Hauptpersonen zueinander finden und sich gegenseitig beeinflussen, sie lässt Figuren auftauchen, von denen man nicht unbedingt erwartet hatte, dass sie eine Rolle spielen wie Boris Vian, in dessen Nachtclub Tabou sich Sartre und seine Freunde trafen und tanzten und dessen Roman »Schaum der Tage« in der »Temps moderne« vorabgedruckt wurde, sie erzählt auf elegante und verständliche, aber nicht vereinfachende Weise die großen philosophischen Werke von Heidegger, Husserl, Sartre und Merlau-Ponty und bringt es fertig, sie in ihrem Wesenskern auch für Menschen begreifbar zu machen, die sich für den Existenzialismus nie sonderlich interessiert haben. Sie versteht es, die Neugier des Lesers darauf zu wecken, was wohl als nächstes passieren wird, so dass man zugeben muss, dass das nicht gerade sonderlich gut beleumundete creative writing offenbar auch positive Seiten haben kann.
Der wesentliche Grund aber, warum »Das Café der Existenzialisten« so grandios ist, findet sich in Sarah Bakewells Begeisterung für ihr Thema, die aus ihrer Jugend herrührt, als sie fasziniert war von Sartres »Ekel« und alles las, was ihr in die Hände fiel. Zwischen den wenigen abgedruckten Fotos der Hauptpersonen, findet sich auch ein Teenagerfoto von Sarah Bakewell. Man könnte das für etwas vermessen halten, aber die Autorin erinnert damit an die Strahlkraft, die der Existenzialismus damals auf die junge Generation auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus ausübte. »Unter Sartres Einfluss wurde ich zu einer leidenschaftlichen Schulschwänzerin. Ich nahm einen Nebenjob in einem Laden an, wo ich Reggae-Platten und Haschischpfeifen verkaufte. Es war eine interessantere Ausbildung als jeder Schulunterricht.«
Sie studierte nicht, um Prüfungen zu bestehen, sondern sie las die Existenzialisten, weil sie etwas entdeckt hatte, das sie unmittelbar zu sich selbst in Bezug setzen konnte, zu ihrer Existenz, ihrem Sein und dem der anderen, zu einer Philosophie, die ihr eine ganze Welt öffnete, weil sie mit der Aufforderung verbunden war, sich zu engagieren und selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut. Nur unter dieser Voraussetzung kann es einem gelingen, Leser in Bann zu schlagen auch mit einem Thema, zu dem diese sonst nie einen Zugang gefunden hätten, weil die Hauptwerke wie »Das Sein und das Nichts«, »Sein und Zeit« oder »Phänomenologie der Wahrnehmung«, die Bakewell verhandelt, Leuten verschlossen bleiben, die sich nicht professionell damit beschäftigen.
Es ist nicht unbedingt so, dass man aus dem Buch etwas neues erfahren würde, denn Leben und Wirken und Philosophie der Hauptakteure sind vollständig erforscht, aber das neue Arrangement des Gegenstands vermittelt immer wieder überraschende Einblicke und Erkenntnisse, Bakewells Herangehensweise, die Theorien zu erklären und nachvollziehbar zu machen, ist nicht im geringsten ideologisch, sondern fast liebevoll und von großem Verständnis geprägt, auch wenn sich ein Autor verrannt hat wie Heidegger, der zum Nationalsozialismus überlief, oder Sartre, der Maoist wurde, oder Merleau-Ponty, der eine Zeitlang dogmatisch prosowjetische Positionen vertrat. In diesen biographischen Verfehlungen spiegeln sich eben auch die Zeit und die politischen Verwerfungen wieder, auf die die Philosophen, jeder auf seine Weise, eine Antwort zu geben versuchten. Und dabei gerieten sie sich in die Haare, d.h. es geht auch um die Zerwürfnisse der Protagonisten, um das Auseinanderbrechen großer Freundschaften wie zwischen Sartre und Camus, ein Streit, der »als Chiffre für eine ganze Epoche« gilt.
Während Merleau-Ponty mit dem nordkoreanischen Angriff auf den Süden des Landes seinen Glauben an den Kommunismus verlor, radikalisierte sich der vorher eher zurückhaltende Sartre nach einem bizarren Vorkommnis in Frankreich. Eine Polizeistreife entdeckte bei einer Verkehrskontrolle im Auto des Generalsekretärs der KPF ein Funkgerät und zwei Tauben, die angeblich für Spionagezwecke verwendet wurden. Die Tauben, die Jacques Duclos vorher erstickt haben sollte, wurden obduziert und nach versteckten Mikrofilmen untersucht. Es wurden Experten bemüht, die herausfinden sollten, ob es sich um Brief- oder gewöhnliche Haustauben handelte, ein absurde Affäre, die Louis Aragon zu einem Gedicht über das »Taubenkomplott« inspirierte und die »Konversion« Sartres auslöste, für ihn der Höhepunkt jahrelanger Schikanen gegen die Kommunisten. Er schrieb in rasender Geschwindigkeit, mit Zorn im Herzen und Corydran im Blut (Sartre hat täglich durchschnittlich 20 Seiten verfasst) lange Rechtfertigungen des Sowjetstaates, die später sogar in der Behauptung gipfelten, der Sowjetbürger würde deshalb nicht ins Ausland reisen, weil er kein Bedürfnis danach verspüre. Als dann Camus »Mensch in der Revolte« erschien, war der alte Freund aus Zeiten der Résistance in den Augen Sartres und Beauvoirs zum Konterrevolutionär geworden.
Selbst in solchen Handlungen findet Bakewell noch nachvollziehbare Beweggründe, die man nicht teilen muss, die sie aber aus der Zeit zu erklären versucht, als Sartre unter Druck stand und als »dekadenter Bourgois« verspottet wurde, um schließlich zu einem »Ultra-Bolschewisten« zu werden, wie ihn Merleau-Ponty in seinem Buch »Die Abenteuer der Dialektik« bezeichnete, in dem er sich vom Kommunismus abwandte, was Merleau-Ponty nicht davon abhielt, in Sartre einen »guten Menschen« zu sehen, dem seine »Gutherzigkeit« schließlich zum Verhängnis wurde. Selbst Heidegger, der in allem, was Bakewell beschreibt, als egomanischer Unsympath erscheint ohne die geringste Fähigkeit zur Empathie, der sich für das Leben der anderen nicht interessierte, der Freunde verleugnete und hinterging, wenn er sich davon einen Vorteil versprach, und dessen Nähe zum Nationalsozialismus unerträglich war, auch Heidegger verurteilt sie nie, sondern hebt seine Fähigkeit zu »bohrendem Denken« hervor. Sarah Bakewells Geschichte über den Existenzialismus ist eines der sehr seltenen Bücher, die niemals enden sollten, weil die Autorin nicht einen Aspekt abarbeitet, sondern verschwenderisch und auf hinreißende Weise das Wissen der Welt ausbreitet.

Sarah Bakewell, »Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails«, C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.

Die Wahrheit über den 5. Spieltag

In Bremen ging es nach dem 4. Spieltag und mit Null Punkten bereits um alles oder nichts. Und für dieses Spiel kam genau der richtige Gegner: Wolfsburg. Noch deprimiert von der 5:1-Niederlage gegen den BVB, klammerten sie sich an den Glauben, dass es sich um einen Ausrutscher gehandelt habe und sie sich an Bremen wieder aufrichten könnten. Und lange Zeit sah es so aus, als ob das klappte. Die Bremer rannten zwar bis in die Haarspitzen motiviert an und schossen aus allen Lagen, aber das Engagement war blinder Übereifer, und mit dem klappt bekanntlich gar nichts, denn die Bälle landeten sonstwo, nur nicht Richtung Wolfsburger Tor. Überrascht von der forschen Bremer Gangart, ließ Wolfsburg den Gegner machen, überzeugt davon, dass er sich irgendwann ausgetobt haben würde. Und es kam noch besser für die Wolfsburger, denn sie mussten sich nicht mal selber um ein Tor bemühen. Ein Bremer war es, der eine scharfe Hereingabe ins eigene Tor lenkte, auch ein Ergebnis des Übereifers, den die Bremer an den Tag legten. Aber sie gaben nicht auf und kämpften solange, bis sie das Glück auf ihre Seite zwangen, obwohl sie in allen statistischen Werten schlechter waren. In der 86. und in der 91. Minute versetzten sie der zusammengewürfelten Wolfsburger Truppe den Todesstoß, und Draxler, Gomez und Kuba dürften sich gefragt haben, in was für einen Klub sie wohl geraten waren. Vor allem um Kuba tut es mir leid, denn der lange für den BVB spielende Pole wäre gern in Dortmund geblieben. Tuchel aber sagte der Presse, Kuba hätte sich dem großen Konkurrenzkampf nicht stellen wollen, was Kuba dementierte, der wiederum sagte, Tuchel hätte nie mit ihm gesprochen. Keine schöne Art, einen verdienstvollen Mann so abzuservieren, oder so auf das Abstellgleis zu schieben wie Sahin, der selbst dann nicht aufgestellt wird, wenn das gesamte Mittelfeld verletzt ist. Aber solange Tuchel mit seiner Mannschaft erfolgreich ist, haben die betroffenen Spieler schlechte Karten. Auch zu Hause gegen Freiburg sah es am Ende mit einem 3:1 nach einer klaren Angelegenheit aus, auch wenn man in den ersten zehn Minuten vom starken Auftreten der Freiburger überrascht war, und Grifo sogar einmal allein vor Bürki auftauchte, aber ziemlich kläglich vergab. Danach bekamen die Schwarzgelben das Spiel immer besser in den Griff, wenngleich sich das Fehlen von Guerreiro, der für Real geschont wurde, bemerkbar machte. Als er dann eingewechselt wurde, war er maßgeblich an einer der schönsten Kombinationen an diesem Fußballabend beteiligt, über sechs Stationen auf engstem Raum, und schloss selbst zum 3:1 ab. In Hamburg findet gerade wieder ein unschönes Schauspiel statt, denn der so gut wie entlassene Labbadia durfte gegen die Bayern nochmal coachen, um sich zu rehabilitieren, damit der neue Trainer, vermutlich der Ex-Hoffenheimer Markus Gisdol, nicht gleich mit einer Niederlage beginnen muss. Und fast hätte Labbadia es mit seiner Mannschaft geschafft, denn erst in der 88. Minute gelang den Bayern der Siegtreffer. Dem HSV konnte man danach eins bestimmt nicht vorwerfen, nämlich nicht alles gegeben zu haben. Aber HSV-Boss Beiersdorfer redete die Leistung klein: »Spiele gegen gute Mannschaften waren noch nie unser Problem. Wir können gegen tief stehende Mannschaften einfach nicht das Spiel machen.« Alles deutet also darauf hin, dass Labbadia sich die Tage seine Papiere abholen kann.

Die Wahrheit über den 4. Spieltag

Der BVB-Express rollt weiter und weiter. Jetzt drei Spiele hintereinander, in denen die jungen Wilden 17 Tore schossen und nur eins zuließen. Nach dem Auftritt rieben sich die Wolfsburger verwundert die Augen, denn mit den herkömmlichen Mitteln waren Dembelé, Pulisic, Guerreiro und Aubameyang nicht aufzuhalten, die immer wieder Löcher in der Wolfsburger Abwehr fanden, durch die sie mit Leichtigkeit hindurchschlüpften. Erstaunlich dabei war, dass sie auch gleich die Chancen nutzten, die sich ihnen boten. Ein zauberhaftes, schwereloses, schnelles Spiel, in dem nur einer unauffällig blieb: Mario Götze. Als er nach zehn Minuten einmal von der Kamera in Großaufnahme gezeigt wurde, fiel einem erst auf, dass er ja auch mit von der Partie war. Solange aber ein Gegner wie Wolfsburg, der ja immerhin angetreten ist, die letzte Saison vergessen zu machen, als man nicht einmal die Euroleague schaffte, und auch Gomez tönte, dass er nach Wolfsburg gegangen sei mit der festen Absicht, wieder die Champions-League zu erreichen, solange also ein solcher Gegner mit 5:1 einigermaßen deutlich ko geht, ist ein Ausfall wie der von Götze gut zu verdauen. Und immerhin leitete er den wunderbaren Konter zum 3:1, als er unter Bedrängnis den Ball zu Guerreiro spitzelte, der mit einem wunderbaren Steilpass auf Castro spielte, der allein vor dem Wolfsburger Torhüter noch den Überblick hatte, auf Dembelé zu spielen. Dabei ist es unglaublich, wie Guerreiro bereits nach wenigen Einsätzen das Dortmunder Spiel prägt, denn er schoss nicht nur das 1:0, sondern war an weiteren drei Toren beteiligt. Dennoch war der schöne Sieg nicht so eindeutig wie der gegen Darmstadt, denn Wolfsburg gab nach dem 2:0 nicht auf und setzte den BVB ziemlich unter Druck, und wenn Gomez nicht wieder an seiner legendären Ladehemmung gelitten hätte, bin ich nicht sicher, ob das Spiel nicht gekippt wäre, denn bei einer derart jungen Mannschaft weiß man nicht so genau, wie sie einen Rückstand nach einer klaren Führung wegsteckt, und Wolfsburg hatte nun mal in der Mitte des Spiels einige Chancen, die in besseren Zeiten (für Wolfsburg) drin gewesen wären, d.h. diesmal konnte Bürki beweisen, was er wirklich drauf hat. Und das tat er dann auch. Und auch sonst gab es ein paar nette Überraschungen. Dazu gehörte nicht der von allen erwartete 3:0-Sieg der Bayern gegen Hertha, immerhin mit drei Siegen der Tabellenzweite, aber Hertha hatte gegen den Münchnern rein gar nichts entgegenzusetzen. Die Eintracht gewinnt aus einer stabilen Abwehr heraus schon das dritte Spiel in Folge und steht plötzlich ganz oben, wobei niemand wirklich so genau weiß, wie man da hingeraten ist. Auch Gladbach kann in Leipzig nicht gewinnen, dreht aber den Spieß um und schießt nach dem frühen Tor der Leipziger einen späten Ausgleich, was sich für die Rangnick-Elf nun wie eine Niederlage anfühlt. Der HSV kann auch in Freiburg nicht gewinnen und muss jetzt auch noch gegen die Bayern antreten. Niemand wettet da mehr auf den Retter der vergangenen Saison Labadia. Nach fünf Spieltagen schon zwei Trainerentlassungen ist keine schlechte Quote. Dabei geht es noch schlimmer. Bremen verliert mit zwei Last-Minute-Toren der Mainzer ganz kurz vor dem ersten Sieg, und Schalke bringt zu Hause auch gegen Köln nichts zustande, verliert 3:1 und hat genau 0 Punkte. Ein bisschen wenig für einen Neuanfang mit neuem Trainer, neuen Spielern und neuem Manager.

Die Wahrheit über den 3. Spieltag

Es geht schon am 3. Spieltag, an dem ja wahrlich noch nichts entschieden ist, munter zu. Werders Trainer Skripnik wurden schon am Sonntag morgen entlassen, nachdem seine Mannschaft auch gegen Gladbach zumindest in der ersten Halbzeit eine Glanzleistung im Stümpern erbracht hatte und sich gleich vier Tore einfing, obwohl die Gladbacher auch erst gerade eine Schlappe gegen Manchester City zu verdauen hatten und Chancen für ein lockeres 8:0 verbaselte. In der zweiten Hälfte machten die Gladbacher dann nicht mehr allzuviel, weshalb die Bremer dann ein bisschen besser ins Spiel kamen. Aber es gelang nur noch der Anschlusstreffer durch den von Chelsea ausgeliehenen Gnabry, ein Treffer allerdings, der es zum Tor des Monats schaffen könnte. Trotzdem wage ich die Prognose, dass Werder nicht absteigt, obwohl sie das Zeug dazu haben. 3:1 gewannen die Bayern standesgemäß zu Hause gegen Ingolstadt, aber wenn man das Spiel gesehen hatte, musste man zugeben, dass die Bayern nicht nur unverdient gewonnen haben, sondern auch noch Glück hatten, denn Ingolstadt versiebte ein paar Hundertprozentige, nicht ohne die Bayernabwehr gehörig durcheinandergewirbelt zu haben, dann wurde ihnen auch noch ein klarer Elfmeter verweigert, während die Bayern mit zwei Glücksschüssen der Sieg gelang, womit sich ein uraltes Gesetz mal wieder bewahrheitete, demzufolge die Bayern auch dann gewinnen, wenn sie eigentlich gar keine Lust haben zu gewinnen. Und den Leverkusenern, eine Mannschaft von Hochbegabten, wie man überall zu hören bekommt, gelang das Kunststück, in Frankfurt zu verlieren, die schon in Darmstadt verloren haben, die wiederum in Dortmund versickert sind wie ein kurzer Regen auf dem Rasen des Dortmunder Stadions. Nach dem grandiosen 6:0 in der CL gegen Warschau, veränderte Tuchel seine Elf auf vier Positionen, gab Götze, Bartra, Aubameyang und Piszczek eine Spielpause und setzte u.a. auf  Ramos und Dembelé, später dann noch Emre Mor. Es war ein ziemlich einseitiges Spiel, und Darmstadt, die im letzten Jahr die Dortmunder noch durch ein Last-minute-Tor ärgerten, hatte rein gar nichts entgegenzusetzen. Ein Schuss auf Bürki in der 59. Minute war alles. Dembelé und Guererro aber zauberten, dass es eine Art hatte. Gleich zwei Hackentricktore durch den auftrumpfenden Castro und durch Rode, und dann noch das 6:0 durch Emre Mor, das Ballbeherrschung in Perfektion bot, denn eine Flanke von Pulisic hätte jeder andere volley genommen, so schön kam Flanke auf den Fuß, aber Mor legte sich den Ball vor, was äußerst schwierig war und doch so leicht aussah, ließ den in die Schussbahn grätschenden Darmstädter vorbeisegeln und vollendete mit einem präzisen Schuss, und das alles in einer Geschwindigkeit, bei der auch bessere Mannschaften ihre liebe Not gehabt hätten. Das mangelnde Zusammenspiel, das noch gegen Leipzig zu bemängeln war, klappte prima, aber das liegt nicht daran, dass man bereits jetzt schon alles abrufen kann, was man im Training geübt hat, sondern es liegt schlicht an der Tatsache, dass die Jungs einfach schon wahnsinnig viel drauf haben. Die Kunst des Trainers besteht da nur darin, ein Klima zu schaffen, in dem sie ihr Genialität abrufen können. Es wird noch einige Rückschläge geben, wenn es gegen bessere Mannschaften geht, aber was gegen Darmstadt und Warschau zu sehen war, lässt einen mit der Zunge schnalzen.

Die Wahrheit über den 2. Spieltag

Schon am 2. Spieltag wird deutlich, dass auch der Ligafußball die Fortsetzung des langweiligen Sicherheitsfußballs ist, der bei der EM gespielt wurde und der nun offensichtlich zum Standard wird. Am offensichtlichsten wurde das im Hessenderby Darmstadt gegen Frankfurt, wo zwar gerackert und gerannt wurde, aber die spielerische Leistung erbärmlich war. Eine missglückter Flankenversuch landete unhaltbar im Toreck und bescherte den Darmstädtern den Sieg. Auch Unvermögen schießt Tore und der Zufall entscheidet lustig den Ausgang eines Spiels, aber für den Klassenerhalt wird das kaum reichen, weil auf den Zufall leider nur wenig Verlass ist. Die Stadt, von der Julian Draxler sagte, das Beste an ihr sei der Bahnhof, von dem aus man wegkomme, hat eine neue Lichtgestalt. Nachdem alle guten Spieler fluchtartig Wolfsburg verlassen haben, nachdem nicht mal die Euroleague erreicht wurde, soll es nun Gomez richten, aber der ist noch ohne Bindung zum Spiel, wie die Umschreibung dafür heißt, dass nichts funktioniert hat gegen nicht weniger limitierte Kölner, weshalb die Partie dann auch 0:0 ausging. Und auch Leverkusen versteckte geschickt die ihr nachgesagte Qualität eine ganze Halbzeit bevor die Hamburger schließlich geknackt wurden, eine Mannschaft, die nicht gerade zur europäischen Spitze gehört. Herthas zweiter Sieg in Folge gegen Ingolstadt war ebenfalls zum Wegsehen und kein Grund für Dardai, einen »großen Sekt zu öffnen«. Und auch Bayern hatte 80 Minuten lang Probleme mit engagierten Schalkern, denen danach allerdings die Puste ausging. Ein Rezept, mit dem die Bayern schon in der letzten Saison erstaunlich erfolgreich waren, denn die Gegenwehr, die die Bayern ernsthaft daran hindert, Tore zu schießen, ist so laufintensiv, dass die Gegner nach spätestens 80 Minuten platt sind. In den verbleibenden zehn Minuten entscheiden dann die Bayern das Spiel für sich. Diese Taktik geht den Dortmundern wiederum vollkommen ab. Ganz im Gegenteil kassierten sie nicht nur den Anschlußtreffer der Mainzer im 1. Ligaspiel kurz vor Schluss, sondern auch der Siegtreffer der Leipziger fiel erst in der 89. Minute, ganz einfach deshalb, weil die Leipziger mehr Leidenschaft und Ehrgeiz aufboten und am Ende immer mehr ins Spiel kamen und die Dortmunder in die Defensive drängten. Auch wenn das 1:0 glücklich war, weil ihm ein Handspiel vorausging, krankte das Dortmunder Spiel mit zunehmender Dauer an einer rätselhaften Passungenauigkeit. Da passt noch nicht viel zusammen bei den vielen neuen Spielern, während gleich drei wesentliche Stabilisatoren in allen Bereichen an allen Ecken und Enden fehlten. Bartra, der Ersatzmann für Hummels, leistete sich fürchterliche Abspielfehler, Rode konnte zu keiner Zeit das Loch stopfen, das Gündogan hinterlassen hat, und nur Schürrle bewies, dass er mindestens so viele Großchancen verdaddeln kann wie Mchitarjan in seiner schlechtesten Phase unter Klopp. Trotzdem gilt der BVB noch als die große Fußballhoffnung, dabei kann man vermutlich froh sein, wenn Dortmund die Euroleague erreicht und die Gruppenphase der CL übersteht. Dortmund hat viele talentierte junge Spieler gekauft, ihnen aber gleichzeitig so überschätzte und abgehalfterte Stars wie Schürrle und Götze vor die Nase gesetzt. Ob das die Motivation von Merino, Emre Mor und Dembele steigert? Vermutlich eher nicht.

Aus dem Leben eines Verlegers

Wieder landet ein Manuskript auf meinem Schreibtisch. Von einem Dr.-Dipl. Dipl-Ing. »Eine kritische Resonanz auf (Ver)führungsmechanismen des Establishments«. Dem Exposé entnehme ich: »Nach allem, was hin und wieder vor deutschen Mikrofonen aufpoppt, sind unsere medienflutschigen Exegeten diktionaler Schikanen, kaum mehr darin zu überbieten, über kleine Inhalte viel zu sprechen und dabei wenig Gehaltvolles einzureichen, geschweige denn, auf klare Fragen prägnant und umfassend zu antworten. Die medienvermittelte Teile der Politik ist bisweilen so flutschig, wie eine nasses Stück Seife: So groß, glatt und von so flüchtiger Substanz, dass der Zuhörer ungeduldiger werdend immer wieder nach ihr greift und doch nur bereits bekannte Reste in der Hand zurückbehält.« Interessant, denke ich, nicht nur wegen der eigenwilligen Interpunktion, sondern auch wegen des noch eigenwilligeren Gedankengangs. Ich überlege, das Buch in meiner Satire-Reihe zu veröffentlichen. Dr.-Dipl. schreibt, er wäre dankbar, wenn ich ihm schnell antworten würde, weil er das Buch noch vor der Bundestagswahl herausbringen möchte.
Hunter S. Thompson hätte ihm vermutlich geantwortet: »Du dummes, wertloses, acid-lutschendes Stück Scheiße! Schick uns nie wieder diese Art von hirnzerfressendem Schweinefutter. Wenn ich Zeit habe, mache ich mich auf den Weg zu dir und treibe dir einen Holzpflock in die Stirn … Sincerely, Yail Bloor III, Minister of Belles-Lettre P.S. Have a nice day.« Okay, das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich kann mir vorstellen, dass das Verfassen eines solchen Briefes eine große reinigende Wirkung haben kann. Die »Gonzo-Briefe« von Hunter S. Thompson, einem 600-seitigen Monumentalwerk, das auch andere großartige Schimpfkanonaden enthält, die für mindestens zehn Beleidigungsklagen ausreichen würden, habe ich einer Jury geschickt, die prüfen will, ob ich für einen mit 10000.- Euro dotierten Verleger-Preis in Frage komme, für den ich nominiert wurde. Ich fürchte, die Jury wird diese Briefe für nicht sehr seriös halten, falls sie einen Blick hineinwirft.
Dr.-Dipl. schreibe ich natürlich nicht, was Hunter Thompson von ihm halten würde. Ich glaube, er würde das nicht verstehen. Inzwischen habe ich einen weiteren Umschlag geöffnet, den mir die Post vorbeigebracht hat und der zwei Belegexemplare von Reclam enthält. Eine Anthologie mit Texten von Aristoteles, Epikur, Theodor Fontane, Egon Fridell, Baltasar Gracián, Martin Heidegger, Friedrich Hölderlin, Jean Paul, Konfuzius, Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Kurt Tucholsky und mir. Der Titel: »Sei gelassen. Gedanken. Anregungen. Ruhepunkte«. Ich hatte das ganz vergessen, aber jetzt, wo das giftgrün und mittelmeerblau strahlende Büchlein vor mir liegt, überkommt mich eine große innere Ruhe. Ich schreibe Dr.-Dipl.: »Vielen Dank für die Zusendung Ihres Manuskripts, aber leider verlegen wir nur seriöse Bücher.« Vor allem das »leider« gefällt mir gut.

High sein, frei sein … Nachruf auf Bommi Baumann

Von seinem 1975 erscheinenden und dann auch gleich konfiszierten Buch »Wie alles anfing« besitze ich noch die Erstausgabe. Völlig zerfleddert, weil das Buch von vielen Freunden gelesen wurde, weshalb es wahrscheinlich weit mehr Leser gab als die 100.000 Exemplare vermuten lassen, die damals verkauft wurden. Er beeinflusste mit seinem Lebensbericht wahrscheinlich mehr Jugendliche als er es sich jemals vorstellen konnte, denn Bommi Baumann hatte zu diesem Zeitpunkt bereits alles erlebt, wovon die damals aufbegehrende Jugend träumte. Er radikalisierte sich wie viele seiner Generation am 2. Juni 1967, als Benno Ohnesorg erschossen wurde, er war Mitglied der »Umherschweifenden Haschrebellen«, deren Motto lautete »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein«, er klaute Autos und überfiel Banken und er war Mitbegründer der »Bewegung 2. Juni«, die von der RAF als anarchistisch abgetan wurde, obwohl dem »2. Juni« mit der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz eine der wenigen erfolgreichen Aktionen des bewaffneten Untergrunds gelang. Aber da war er bereits ausgestiegen und befand sich auf der Flucht. Mit seinem Buch hatte er sich auch vom bewaffneten Kampf losgesagt, weil er spätestens, als sein Freund Georg von Rauch erschossen worden war, wusste, dass dieser Kampf eine Sackgasse war. Stattdessen lief er in eine andere Sackgasse. Drogen und Alkohol. Eine Flasche Wodka trank er an einem Tag, zog die Vorhänge zu und vegetierte vor sich hin. Nur knapp entrann er im Urbankrankenhaus dem vorzeitigen Aus. Als ich ihn kennenlernte war er schon lange nicht mehr der Freak von früher. Er trat jetzt in einem antiquierten englischen Stil auf mit Tweedjackett, Krawatte und Manschettenknöpfen. Auf einer Lesung aus seinem neuen Buch »Rausch und Terror« (2009), die in der berüchtigten »Milchbar« stattfand und nicht in einer Buchhandlung, ließ ich mir ein Exemplar von ihm signieren. »Was soll ick reinschreiben?«, fragte er mich. »Was du willst.« Er schrieb dann: »Für Gott.« Nicht schlecht, dachte ich. Das war seine Art Humor. Undogmatisch, politisch nicht korrekt, aber immer gegen den Kapitalismus und seine Auswüchse. Natürlich war er kein Analytiker, aber er hatte ein funktionierendes politisches Koordinatensystem. Er hat nie die Seiten gewechselt wie viele aus seiner Generation, auch wenn er 1973 für die Stasi einen umfassenden Bericht über den bewaffneten Kampf in der BRD verfasste, weil er sonst an die Westbehörden ausgeliefert worden wäre. Den unreflektierten Antisemitismus, wie er in der radikalen Linken Anfang der 70er gepflegt wurde, hatte er abgelegt. Er war zu einem unabhängigen Geist geworden, der mehr von Kerouac, Ginsberg und Jack London sozialisiert worden war als von Marx und Lenin. Am vergangenen Dienstag starb er mit 68 Jahren in seiner Wohnung.

Eine Liebeserklärung and das Pariser Bistro

»Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod«, schreibt der Anthropologe Marc Augé in seinem Buch »Orte und Nicht-Orte«, das ihn auch in Deutschland bekannt gemacht hat. Wenn uns die Geschichte vorantreibt, dann hat das etwas mit der Beschleunigung der Zeit zu tun, die immer rasanter wird, weshalb selbst die historischen Ereignisse immer mehr an Bedeutung verlieren. Kaum ist etwas an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung geschwemmt worden, ist es auch schon Geschichte.
Dieses Phänomen ist ein Problem anthropologischer Natur. Und als ob Marc Augé sich nicht mit der Konstatierung des Problems abfinden will, scheint er mit seinem neuen Buch »Das Pariser Bistro« an etwas festhalten zu wollen, das sich dem rasenden Verwehen der Zeit entgegenstellt, resistent ist durch den Alltag der Leute, die mit ihren Gewohnheiten und täglichen Ritualen ein Moment der Trägheit sind, denn das Bistro ist ein Ort, auf den die beschleunigte Entwicklung und die Ereignisdichte keinen Zugriff hat und der sich in einer Art Parallelwelt befindet, eine Insel der Ruhe und der Glückseligkeit inmitten tosender Wellen. Und deshalb ist das Buch vor allem ein melancholisches Buch.
Louis Aragon, der für Augé eine Referenzgröße darstellt, hat in »Der Pariser Bauer« beklagt, dass »das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen« verloren geht und dass das »Leben wie auf einem immer besser gepflasterten Weg voranschreitet«. Marc Augé versucht in seiner »Liebeserklärung« dieses Gefühl wiederzuentdecken. Dabei führt ihn die Erinnerung an seine Jugend in den 50er Jahren zum Place Saint-Sulpice am Café de la Mairie vorbei, wo André Breton saß und den Schüler vom Lycée Louis-le-Grand schwer beeindruckt. Damals konnte man in den Cafés in Saint Germain noch Sartré, Beauvoir, Althusser, Barthes begegnen. Augé beschwört diese Atmosphäre, auch wenn das Bistro als »irgendwo zwischen den schlichtesten Troquets [eine kleine Bar, in der man trinkt] und den kultiviertesten Cafés angesiedelt« nicht der Ort ist, der die Sehnsucht der Paris-Touristen immer wieder von neuem anfacht, wie überhaupt »Bistro« sich eben alles mögliche nennt und alles mögliche sein kann, von einer gewöhnlichen Bierkneipe bis zu einem gehobenen Restaurant. Aber das »Bistro« transportiert »eine unmittelbare Sympathie«, weshalb es für Augé auf eine »allzu strenge Definition nicht ankommt«. Und tatsächlich ist für Augé nicht entscheidend, was das Bistro ist, sondern wie es in seinen Erinnerungen vorkommt und was es für seinen Alltag bedeutet.
Als während der Befreiung von Paris von überall Menschen herbeiströmen und die vorrückenden Panzer umjubeln, da tauchen aus einem Bistro Weinflaschen auf, das von Augés Eltern immer gemieden wurde, obwohl sie im selben Haus wohnten. Vielleicht war das unbewusst eine prägende Erfahrung, in solchen Orten mehr zu sehen als nur Anrüchiges. Für Hemingway war das Bistro »ein behagliches, mitunter geselliges Zuhause, ein Büro zum Arbeiten und ein Salon, in dem er Gäste empfing«. Das Bistro ist also ein Ort für Gewohnheitstiere, ein Ort des Noch-nicht-zuhause-Seins, aber auch des Nicht-mehr-unterwegs-Seins, ein Ort, wo sich »Tragödie und Komödie« vermischen, ein Ort »der nichtssagenden Worte und des vielsagenden Schweigens, des lauten Lachens, des unterdrückten Seufzers und der diffusen Melancholie«.
Das Bistro ist die ideale Umgebung für oberflächliche Beziehungen, nach denen jeder Mensch ein Bedürfnis hat. Das Bistro enthält die Möglichkeit, sich in eine Zeitung ebenso wie in ein Gespräch zu vertiefen, ohne dass man sich deshalb verabreden muss, weshalb solche Gespräche oder vielleicht nur kleine Wortwechsel etwas Spontanes, aber auch etwas Ritualisiertes an sich haben.
In einer Welt, in der Großstadtmenschen sich während ihrer Arbeitspause immer mehr den Restaurantketten anvertrauen, in denen sich schnell und gedankenlos etwas hinunterschlingen lässt, entdeckt Augé die »paradoxen Existenz der Bistros« als etwas, das »als eine Form von Widerstand« betrachtet werden kann. »Sich an seinem Ort seine Zeit zu nehmen: Diese Formel, die das Ideal des Pariser Bistros gut definiert, hat heute etwas Provokantes.« Ob sich in ihnen allerdings das Wunderbare des Alltäglichen wieder entdecken lässt, das schon Aragon suchte?

Marc Augé »Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung«, Aus dem Französischen von Felix Kurz, Matthes & Seitz Berlin

Liebe ard Tagesthemen

es hat Dich zu Recht beunruhigt, dass bei dem Attentäter von Nizza, dem Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel kein Täterprofil festzustellen war, eine Katastrophe für die Ermittler, die versuchen, solche Wahnsinnigen zu stoppen, bevor sie mit einem Laster 84 Menschen überfahren. Aber dann hast Du trotzdem auf ein paar Indizien hingewiesen. Zwar nicht Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, aber einer der Attentäter von Paris hätte 30000.- Euro über den Straßenverkauf gefälschter Designer-Waren verdient, die er sich aus China an verschiedene Adressen hat schicken lassen, wie z.B. Luis Vuitton-Taschen, und damit seine Terrortaten finanziert. Du zeigtest Bilder von Afrikanern, die in Paris solche Taschen verkaufen, und lässt einen Firmenmann zu Wort kommen, der den Schaden beklagt, der der Wirtschaft dadurch entstehen würde, weil jeder, der eine gefälschte Designer-Tasche kauft, quasi den Terror finanziert. Vermutlich deshalb findet sich auch in einem Artikel über die Attentäter von Paris auf Spiegel-Online Werbung für Louis Vuitton-Taschen. Alle Achtung, ard-Tagesthemen, einen größeren bullshit habe ich selten gehört. Und das in den Nachrichten während der Primetime. Was hättest Du wohl gemacht, wenn sich einer der Attentäter mit dem Verkauf von Falaffel über Wasser gehalten hätte? Da ist jetzt echt gespannt, Ihr Klaus Bittermann

Karl Kraus in 33 Variationen

Es gibt zahlreiche Zusammenstellungen seiner Satiren und Polemiken, viele Ausgaben seiner Bücher, Edward Timms hat eine grandiose Biographie über ihn geschrieben, und dennoch scheint er immer noch das unbekannte Wesen zu sein, von dem man sich gerne das eine oder andere Bonmot herauspickt, den man aber nicht wirklich gelesen hat. Der österreichische Schriftsteller Richard Schuberth, dessen Eltern Abonnenten der »Fackel« waren, hatte das Glück, bereits früh mit Kraus sozialisiert worden zu sein. Er hat nun »30 und drei Anstiftungen« zu Kraus verfasst, sehr kluge, präzise, polemische Essays, wie Karl Kraus gelesen und verstanden werden sollte, wie die Linke ihn für sich fruchtbar machen kann, indem sie als erstes mit Karl Kraus lernt, sich von Phrasen fernzuhalten. Aber Karl Kraus wäre nicht Karl Kraus, wenn das so einfach wäre, denn er war kein Systematiker, der Widersprüche zu eliminieren suchte, sondern der sie auch selbst zugab, der sich über Stilblüten nicht lustig machte, sondern sich an ihnen erfreute. Richard Schuberth hat das facettenhafte Denken Karl Kraus bis in die letzten Winkel hinein reflektiert, und herausgekommen ist ein Buch, das die zahlreichen Meinungen über Karl Kraus nicht bloß reproduziert, sondern den Autor gegen seine Bewunderer wie Kritiker kenntnisreich verteidigt.

Richard Schuberth, »Karl Kraus. 30 und drei Anstiftungen«, Klever Verlag, Wien 2016