Die Wahrheit über den 32. Spieltag

Nun ist es klar und ausgesprochen: Mats Hummels verlässt nach Gündogan und möglicherweise noch vor Mkhitaryan den BVB in einem Moment, in dem es mit Tuchel wieder aufwärts zu gehen schien. Jedenfalls hat Dortmund noch nie soviel Punkte eingesammelt wie bisher. Früher hätte es zu einer souveränen Meisterschaft gereicht, inzwischen hat Bayern durch Guardiola einen Modernisierungsschub in der Spielweise erhalten, und durch ihre Möglichkeiten, jeden Spieler zu kriegen, den sie haben wollen, halten sie den BVB auch bei dieser Punkteausbeute auf Distanz. Als ob die Ankündigung des Weggangs von Hummels Kräfte und Inspiration freigesetzt hätte, zeigten sich die Dortmunder gegen Wolfsburg zu Hause von ihrer besten Seite und überrollten den Tabellenzweiten der letzten Saison furios mit 5:1. Und das obwohl Hummels bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde. Hummels meinte, es wären ja nur vielleicht 400 Fans, die das gemacht hätten (Watzke sprach von 5 Prozent der Besucher, also ca. 4000), aber sie machten sich bemerkbar, denn fast alle Fans finden, dass er zu jedem Verein der Welt hätte gehen können, nur eben nicht zu den Bayern. Und es gab dann ja auch gleich den ersten Knatsch, als Hoeneß süffisant bemerkte, Hummels hätte bei den Bayern angefragt, was Hummels als »größten Humbug, den er je gehört« hätte, abqualifizierte, woraufhin Rummenigge die Wogen glätten musste mit dem Hinweis, das Bayern auf Hummels zugegangen sei. Natürlich ist Hummels schwer und vielleicht auch gar nicht zu ersetzen, aber auf der anderen Seite ist es vielleicht auch nicht schlecht, wenn ihn der Ehrgeiz nach München lockt, denn dort wird ihm mit Sicherheit nicht die Rolle und die Bedeutung zugemessen wie bei den Dortmundern. Bei den Bayern ist er einer unter vielen, der sich erstmal gegen Martinez oder Boateng durchsetzen muss, die beide für ihn eine ernsthafte Konkurrenz darstellen und auch ähnliche Spielertypen sind. Er wird sich da häufiger auf der Bank finden als ihm lieb sein dürfte, ganz abgesehen davon, dass das Klima der Konkurrenz und des Neids nicht die Millionen wert sind, die er bei Bayern vielleicht mehr erhalten wird. Aber er will Titel sammeln, was wie ich finde, total überschätzt wird. In Dortmund hätte er zur Legende werden können, bei den Bayern ist er einer unter vielen. Natürlich hat Dortmund als eine der unattraktivsten Städte Deutschlands einen Standortnachteil, aber solange es Watzke nicht versteht, die wirklich guten Spieler vom Verein zu überzeugen, wird die Abwanderungsbewegung weiter gehen. Aber vielleicht ist es auch gut so, dass Dortmund gezwungen wird, sich mit neuen Spielern immer wieder neu zu erfinden, Talente heranzuziehen, aber auch natürlich als zweiter in der Nahrungskette anderen Vereinen die guten Spieler wegzukaufen. Das heißt dann leider, dass sich vor allem auch durch die Verteilung der Fernsehgelder ein System verfestigt, das früher oder später auf eine internationale Liga zusteuern wird. Und auch, dass in Deutschland nicht zuletzt durch den Einfluss der Bayern Scheichs und Oligarchen nicht die Möglichkeit haben, sich Vereine zu kaufen oder in sie zu investieren, also zu möglichen ernsthaften Konkurrenten der Bayern zu werden, verfestigt die Vorherrschaft der Bayern, während man in England beobachten kann, dass die irrsinnigen Investitionen und Fernsehgelder immerhin für eine große Überraschung gesorgt haben, denn keiner der Favoriten hat sich für die Meisterschaft durchsetzen können. Nach dem Sieg der Leverkusener gegen Hertha steht jetzt, zwei Spieltage vor Schluss, auch schon der 3. Teilnehmer der CL fest. Umkämpft ist jetzt nur noch der 4. Platz und die Abstiegsplätze. Die Eintracht hat im direkten Duell mit seinem verhassten Konkurrenten aus Darmstadt mit Ach und Krach 2:1 gewonnen, wobei sie in der ersten Halbzeit mit einem 1:0-Rückstand noch gut bedient waren. Auch die Begleitumstände waren einem Abstiegsderby angemessen. Darmstadt hatte so viel Angst vor den Eintracht-Fans, dass sie für alle ein Stadionverbot aussprach, und wenn sich ein Fan mit Kutte und Schal in der Sadt zeigte, musste er damit rechnen, Prügel zu beziehen oder verhaftet zu werden. Mit dieser rigiden Politik, die natürlich eine Kapitulation ist, konnten die Schlägereien auf ein Minimum beschränkt werden, es stellt sich dann nur die Frage, warum überhaupt noch Fußball, wenn er ohne Fans stattfindet.

No more heroes. Hummels geht

Mats Hummels hat sich immer von den meisten anderen Bundesligaspielern, die die Sprechblasenschule der Vereine absolviert hatten (»Ja gut, vorne hätten wir mehr draufgehen müssen«), wohltuend unterschieden, weil er als einer der wenigen Fußballer unfallfrei Sätze in die Kamera sagen konnte. Hummels war also nicht nur eloquent und intelligent, er sah auch noch ziemlich gut aus, und dann spielte er auch noch elegant und intelligent, er beherrschte den öffnenden Pass mit Außenrist, er traumwandelte durch die Reihen der Gegner und selten hatte man das Gefühl, er könnte in einer kritischen Situation mal keine Lösung finden. Natürlich gab es auch Phasen, wo ihm spektakuläre Böcke unterliefen, eine Kopfballrückgabe zur Vorlage für den gegnerischen Stürmer geriet, aber davor sind selbst große Spieler nicht gefeit. Mit seiner Ausstrahlung kann er es bereits locker mit Beckenbauer oder Johan Cruyff aufnehmen. Jetzt hat er sich nach langer Überlegung entschieden, zu Bayern zu wechseln, und damit gibt er das Projekt BVB auf, für das er sich lange Zeit stark gemacht hat, als er die Abgänge von Sahin, Kagawa, Götze und Lewandowski missbilligte. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem die Dortmunder zwar nur Zweiter wurden, das aber mit einer Rekordpunkteausbeute, und in dem sie, sieht man vom Ausrutscher in Liverpool ab, einen besseren, erfolgreicheren Fußball spielen als unter Klopp. Wenn da eben nicht die Bayern wären, die eben noch ein bisschen besser sind. In Deutschland sind die Zeiten für eine Überraschung im Fußball, anders als in England mit Leicester City, sehr schlecht. Die Bayern dominieren die Liga und nur Dortmund kann ein bisschen mithalten. Mit dem Wechsel von Hummels wird diese Dominanz noch weiter zementiert, denn Hummels ist ein Spieler, der in jeder Mannschaft eine tragende Rolle spielen würde. Warum nicht Barcelona oder Madrid? Das wäre ja zu verstehen, denn man will ja auch nicht sein gesamtes Spielerleben in einer der traurigsten Städte Deutschlands verbringen. Niemand weiß zwar, warum die Bayern Hummels brauchen, denn sie haben bereits Boateng, aber einen Spieler wie Hummels lässt man eben nicht links liegen. Dass man damit den Konkurrenten Dortmund schwächt, war in diesem Fall gar nicht mal die Strategie der Bayern, ist aber umso besser. Dem Spiel der Dortmunder wird es an Überraschendem fehlen. Selbst Gündogans Weggang zu Manchester City wird nicht die Lücke reißen wie sie Hummels reißt, denn der Mittelfeldmann ist leichter zu ersetzen. Hummels wird im Gegensatz zu all den anderen Spielern, die ihr Glück in der Fremde gesucht haben, wie Sahin, Kagawa und jetzt wahrscheinlich auch Götze, nicht zurückkehren. Und das ist auch gut so, denn den Fans ist die Veränderung von Hummels nicht entgangen. Es ist fast so wie mit Sammer damals, der erfolgreich, aber unbeliebt war. In Nahaufnahmen sieht man immer häufiger sein von Ehrgeiz verzerrtes Gesicht, man sieht ihm den Ärger über die Fehler seiner Mitspieler an, und seine Äußerungen in der Öffentlichkeit sind glatt und nichtssagend wie die eines BWLers. Viele behaupten, das kommt von seiner »bescheuerten Frau«, die ein Synonym für peinlich ist, wie das eben bei den meisten Spielerfrauen so ist, die sich die Spieler aus den Modekatalogen heraussuchen. Das Sympathische, das Leichte, die unschuldig-naive Freude, der Glamour eines Paradiesvogels wie Aubameyang das alles ausstrahlt, ist bei Hummels verloren gegangen. Ich glaube, er passt zu Bayern, wo der Sieg auch mit unfairen Mitteln erzwungen und »Siegergen« genannt wird und sich im Triumphgeheul ausdrückt, obwohl es keine große Kunst ist, in einer Liga die Meisterschaft zu gewinnen, wenn man mit den besten Spielern Dortmunds die nötige Frischzellenkur dafür bekommt. Dortmund hingegen wird sich neu erfinden müssen, was um einiges spannender ist als mit bereits fertigen Stars für die Vorhersehbarkeit des Fußballs und damit auch für seine sinkende Attraktivität zu sorgen. Schade, dass kein echter Konkurrenzkampf mehr stattfindet, denn es wäre spannend zu wissen, was gewesen wäre, wenn die »goldene Generation« bei Dortmund geblieben wäre, die wahrscheinlich alles hätte erreichen können. Oder eben auch nicht, denn Fußball ist manchmal eben doch unvorhersehbar, wie man an dem Absturz Dortmunds auf dem letzten Platz in der letzten Saison sehen konnte, was, wie man heute weiß, an dem abgenutzten Konzept Klopps lag, der jedoch genau mit diesem Konzept die Dortmunder aus der Euro-League warf. Mit Geld und den entsprechenden Spielern allerdings lässt sich dieses Risiko minimieren. Das Deprimierende: Bayern wird auch die nächsten vier Jahre Meister und die besten Spieler werden auch weiterhin von Bayern angezogen wie Fliegen von einem Misthaufen.

Die Wahrheit über den 31. Spieltag

Noch nie war die Liga so wenig spannend. Und dennoch steigt die Attraktivität der Marke Fußball. Allerdings lässt sich auch beobachten, dass die Aufmerksamkeit doch erheblich nach sinkt. In der Respect-Bar, die normalerweise voll ist mit BVB-Fans, war es am Spieltag sehr übersichtlich. Nur noch die Hardcore-Fans waren gekommen und diejenigen, die wie ich das Spiel aus Gründen der Entspannung ansehen und weil der Spieltag mit dem BVB wie ein wöchentlich fixer Termin ist, der dem Leben eine Struktur verleiht. Und weil man natürlich den BVB trotzdem gewinnen sehen will, auch wenn es um absolut nichts mehr geht. Nicht um die Meisterschaft und nicht um die Verteidigung des 2. Platzes. Man sieht die Souveränität, mit der der BVB die Stuttgarter beherrschte, gern, aber prickelnd ist ein solches Spiel nicht mehr wirklich. Jetzt geht es viel mehr darum, dass Hummels statt zu schlafen, sich eine halbe Stunde lang mit seiner Zukunft beschäftigt. Viele würden verstehen, wenn er zu einem anderen Verein wechselte, denn Dortmund ist als Stadt nicht unbedingt ein Ort, der ein besonderes Flair verbreitet. Manchester allerdings auch nicht. Barcelona, Paris, London oder Madrid hingegen schon. Man weint ihm jedoch auch deshalb nicht so richtig eine Träne hinterher, weil er vielen Leuten inzwischen mit seinen Kommentaren auf den Wecker fällt und weil man ihm immer häufiger den Ärger über seine Mitspieler ansieht, wenn denen etwas misslingt. Viele führen diesen unangenehmen Ehrgeiz auf seine bescheuerte Freundin zurück. Aber es hilft nicht, er ist trotzdem unersetzlich, denn niemand antizipiert so schnell, niemand schlägt solche öffnenden und präzisen Pässe und niemand strahlt eine solche Aura aus, dass man manchmal schon den Eindruck hat, seine Gegenspieler würden sich mit einer gewissen Ehrfurcht von ihm fernhalten, fast so wie damals bei Beckenbauer. Lange Zeit hat er das Projekt Dortmund hochgehalten und gegenüber Spielern, die den Verein verließen, Unverständnis geäußert. Jetzt geht er in einem Moment, wo das Projekt mehr als unter Klopp Gestalt annimmt, denn der BVB hat noch nie so viele Punkte in einer Saison geholt wie in dieser. Dortmund gehört inzwischen zu den zehn besten europäischen Mannschaften und hätte, wenn der Ausrutscher in Liverpool nicht gewesen wäre, mit großer Wahrscheinlichkeit den Euroleague-Wettbewerb gewonnen. Aber vielleicht muss sich Dortmund auch neu erfinden, um weiterhin erfolgreich zu sein, auch wenn es ein wenig schade ist, denn kaum hat man sich ein wenig an die Spieler gewöhnt und schon gedacht, man könne mit ihnen alt werden, gehen sie auch schon wieder. Wenigstens ist Dortmund nicht in das Loch gefallen, in dem Barcelona steckte, als man mit vier hintereinander verlorenen Spielen in der CL ausschied und die Meisterschaft wieder spannend machte, und sich alles um das Rätsel Messi drehte, der gar kein Rätsel ist, denn es sieht so aus, als ob er wegen seines gierigen Vaters bereits mit einem Bein im Knast steht. Und sonst? Schalke versucht sich an einer Wiederaufführung des Dramas (diesmal für Arme), das der BVB in Liverpool gegeben hat, und verlor zu Hause nach einer 2:0-Führung noch 2:3 gegen Leverkusen, womit man nun endgültig nichts mehr mit den internationalen Plätzen zu tun haben dürfte. Ebenso wie Wolfsburg, die zu Hause gegen den potentiellen Absteiger Ausburg eine schwache Leistung boten und 2:0 verloren, weshalb sich sogar die Wolfsburger Fans, von denen es ja nun wahrlich nicht viel gibt und die nicht wirklich an dem Verein oder Fußball interessiert sind, zu Schmähgesängen hinreißen ließen. Bayern spielte extrem schlecht, aber immer noch zu gut für die Hertha, und Bremen hat seine vorletzte Chance, den Relegationsplatz zu verlassen, in Hamburg versiebt, was eigentlich das traurigste Ergebnis an diesem Tag war, denn in diesem 6-Punkte-Spiel hätte man den HSV nochmal richtig in die Bredouille bringen können.

Die Wahrheit über den 30. Spieltag

Nach dem letzten Donnerstag abend ist nichts mehr wie es einmal war in der Fußballwelt und ließ die Bundesligaspiele dagegen verblassen. Eine magische Nacht im Liverpooler Stadion an der Anfield Road brachte das Aus für den Favoriten im Euroleague-Wettbewerb Borussia Dortmund. Aber da ist nicht nur ein Favorit ausgeschieden wie Barcelona gegen Atletico Madrid in der CL-League, sondern eine Mannschaft, die bis eine halbe Stunde vor Schluss noch souverän mit 3:1 geführt hatte, aber Klopp, die Spieler und das Publikum gaben bis zur letzten Minute nicht auf, an das Wunder zu glauben. Und die Dortmunder haben die Zeichen nicht erkannt, obwohl sie selbst vor ein paar Jahren so eine magische Nacht erlebten, damals gegen Malaga, als man in den letzten Minuten noch zwei Tore schoss. Damals war Klopp beim BVB Trainer. Und insofern hätten die Spieler nicht überrascht sein dürfen, aber auch wenn man das selbst einmal erlebt hat, scheint man kein Mittel dagegen zu haben, sich gegen die hereinstürzende Katastrophe zu wehren. Obwohl man in allen taktischen und spielerischen Belangen überlegen waren, ließen sich die Dortmunder niederkämpfen von leidenschaftlich kämpfenden und nie aufgebenden Liverpoolern, man ließ sich in die eigene Hälfte drängen und begab sich auf das Niveau der Liverpooler. In diesem Moment war man tatsächlich unterlegen, und in dem Moment, als die Dortmunder hofften, das Spiel über die Zeit zu retten, waren sie auch schon verloren. Wenn es eine Lehre aus diesem Spiel gibt, dann die, dass Dortmund unter Tuchel vielleicht variabler, taktisch versierter und cooler spielt, aber unter Tuchel hätte der BVB vermutlich das CL-Endspiel nicht erreicht, während Klopps Fußball vielleicht limitierter und einfältiger ist, er dafür aber in der Lage ist, solche Nächte zu inszenieren, die niemand, der dabei war, jemals vergessen wird, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen, weshalb die Fans Klopp dann auch schwächere Leistungen in der Liga vergeben, wo man sich vermutlich nicht mal für die Euroleague qualifizieren wird. Für Dortmund hat die Niederlage Folgen, die noch nicht abzusehen sind, denn auch dieses Jahr wird man keinen Titel holen, weil die Dortmunder, sollte man im Pokal gegen Hertha gewinnen und ins Finale kommen, gegen Bayern kaum eine Chance haben dürften. Die magische Nacht, als der BVB die Bayern mit 5:2 einmal im Finale besiegte, fand unter der Regie Klopps statt. Inzwischen hat Tuchel das System Guardiolas kopiert mit dem Erfolg, dass man in der Liga mehr Punkte als jemals zuvor gesammelt hat, aber trotzdem ohne Chancen gegen die Bayern ist. Und wenn man keinen Titel holt, wird nicht nur Gündogan nach Manchester City zu Guardiola wechseln, sondern auch einigen anderen wird dämmern, dass Titel in Dortmund auf Jahre hinaus nicht zu holen sind. Aber all das ist immer noch besser als die Situation der Wolfsburger, die sogar gegen die Bremer verlieren und im Niemandsland der Tabelle herumdümpeln, obwohl auch die anderen Mannschaften, die noch um die internationalen Plätze mitspielen, eine geheimnisvolle Schwäche befallen hat. Gladbach verliert sogar gegen Hannover, die so gut wie sicher schon in der 2. Liga sind, und auch Hertha hilft mit einer Niederlage in Hoffenheim dem Hoppschen Provinzverein dabei, erstklassig zu bleiben. Nur Frankfurt vergeigt es wieder in Leverkusen, obwohl man ein gutes Spiel machte, aber mit dem Fehlen von Mayer ließ man auch gute Chancen aus, und als schließlich Kampl mit einem Glücksschuss das 1:0 machte, fing der Widerstand der Frankfurt an zu bröckeln. Und da die Eintracht das bei weitem schwerste Restprogramm hat und noch gegen Mainz, Darmstadt, Dortmund und Bremen antreten muss, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass die Eintracht mal wieder absteigen wird, während die ganzen überflüssigen Werksvereine mal wieder drin bleiben.

Die Wahrheit über den 29. Spieltag

Da hat Hertha seinen Verfolgern eine Steilvorlage geliefert und zu Hause gegen Hannover, die nach der Entlassung von Schaaf einen neuen Trainer installiert haben und dennoch nur noch rechnerisch zu retten sind, 2:2 unentschieden gespielt, und was macht Gladbach? Verliert in Ingolstadt 1:0! Noch vor einer Woche fegten sie die Berliner mit 5:0 vom Platz und jetzt das! Es ist unbegreiflich, aber Ingolstadt holt sich seine Punkte gerne von den Anwärtern auf die internationalen Tabellenplätze, denn auch Schalke hat man zu Hause 3:0 besiegt. Aber Schalke ist z.Z. nicht wirklich ein Maßstab. Eigentlich ist das keiner ab dem 3. Tabellenplatz, wo sich jeder Verein immer wieder unerklärliche Schnitzer leistet und dann mit zwei Siegen plötzlich wieder vorne mitspielt. Entsprechend sauer war Gladbach-Manager Max Eberl, der meinte, dass die Mannschaft eine gute Moral bewiesen habe, aber dafür nicht belohnt worden sei. Warum aber sollte man für eine »gute Moral« belohnt werden? Und Ingolstadt feiert nicht nur seinen Klassenerhalt, sondern ist mit 11 Punkten Abstand vom Relegationsplatz weiter entfernt als vom 6. Platz. Überhaupt gab es fast nur merkwürdige Ergebnisse, bis auf das 3:1 der Bayern in Stuttgart, als Vidal wie ein Berserker auftrat und in fünf Minuten drei Stuttgarter umsenste, so dass er bereits in der 29. Minute ausgewechselt wurde, d.h. Vidal bekam die zweifellos verdiente rote Karte nicht etwa vom Schiedsrichter, sondern vom eigenen Trainer, und selbst sein nicht gerade für Fairness bekannte Kollege Xabi Alonso zeigte Vidal den Vogel für sein rabiates Rugby-Auftreten. So kann man natürlich die noch fehlenden Punkte für die Meisterschaft auch einspielen. Und Götze, der gerne sagt: »Für mich ist es wichtig, dass ich nach meiner Verletzung wieder auf dem Platz stehe und spiele«, gewinnt von 17 Zweikämpfen gerade mal einen. Nicht viel für einen, der immer auf dem Platz stehen und spielen will. In den unteren Tabellenregionen geht es drunter und drüber, aber in gleich zwei direkten Abstiegsduellen lässt sich bereits eine Tendenz ablesen. Werder jedenfalls verlor zu Hause gegen Augsburg 2:1. Skripniks Stuhl wackelte, aber er bleibt wohl im Amt, obwohl auch seine Mannschaft wackelt, denn der Ausgleich der Augsburger verunsicherte die Werderaner derart, dass den Augsburgern in der 87. Minute noch der Siegtreffer gelang. Das führte zum Aufstand der Fans, die aufgebracht waren wie nie, weil dieses Spiel eines der wichtigsten Endspiele war und Bremen auf den Relegationsplatz abrutschen lässt, wo man, wenn es so bliebe, sich mit dem Club aus Nürnberg messen müsste, um in der ersten Liga zu bleiben. Und die Eintracht verliert zu Hause gegen Hoffenheim mit 2:0, obwohl die Frankfurter besser waren, aber vorne eben auch harmlos. Weniger harmlos waren die Eintracht-Fans, die auf die Spieler wütend einteufelten. Vermutlich wird das wenig helfen, denn nächste Woche muss man zu den wiedererstarkten Leverkusenern, die unbedingt die in die CL wollen. Um in der Liga zu bleiben war Kovac eine denkbar schlechte Wahl. Von vier Spielen hat er bereits drei vergeigt, und jetzt hofft er auf die Fans: »Die Fans leben Eintracht und sie möchten, dass wir in der ersten Liga bleiben.« Tja, wer hätte das gedacht. Und wahrscheinlich ist der Ball auch noch rund.

Die Wahrheit über den 28. Spieltag

»Mailand oder Madrid. Hauptsache nicht Dortmund. Götze verpiss dich«. Dieser Spruch zierte groß die Südtribüne als Antwort auf das von Bild in die Welt gesetzte Gerücht, Götze und der BVB hätten wieder aneinander Interesse gefunden. Die Geschichte vom verlorenen Sohn ist ja auch zu schön und außerdem fand schon zweimal eine Rückholaktion statt. Sogar abstimmen ließ Bild, derzufolge 49 % der Anhänger dagegen waren, die anderen 51 % dafür. Immerhin keine Enthaltungen. »Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!«, hatte einst ein ähnlich wichtiger Mann für den BVB, Andy Müller, gesagt, ein Spruch, der unvergessen blieb. Aber wer braucht schön Götze? Bis jetzt hat ihn niemand vermisst, denn Dortmund hat nach dem Sieg gegen Bremen bereits jetzt 67 Punkte, und das sind mehr als in den Meisterschaftsjahren. Dabei war es gegen Bremen nicht so einfach, denn im Gegensatz zum Spiel in München, als sich einige Bremer sich schon vorher mit einer Gelb-Sperre absentierten, präsentierten sich die Bremer als stabiler defensiver Verbund, den die Dortmunder eine Stunde lang nicht zu knacken wussten. Erst nach einer grandiosen Kombination von Reus auf Mkhitaryan auf Aubameyang, der mit einem Bilderbuchheber den Ball ins Tor lupfte, war der Riegel endlich geknackt. Aber nicht etwa für die Dortmunder, sondern für die Bremer, die mit einem abgefälschten Schuss und nach einer ebenfalls nicht schlechten Kombination plötzlich 2:1 führten. Das vielleicht tatsächlich Neue der Tuchel-Elf besteht inzwischen darin, dass sich die Dortmunder nicht aufgeben. Weigl sagte später, dass er nie daran geglaubt habe zu verlieren, obwohl nur noch eine Viertelstunde zu spielen war. Mit Kagawa, Ramos und Pulisic kamen zudem frische Kräfte ins Spiel, die dann das Spiel tatsächlich noch drehten, so dass es nach einer eher drögen ersten Stunde doch noch ziemlich spannend wurde. Natürlich waren die Bremer enttäuscht, denn sie hätten die Punkte im Abstiegskampf dringender gebraucht als Dortmund für einen CL-Platz, der mit diesem Sieg bereits gesichert ist, aber wenn Bremen in den restlichen Partien ähnlich gut spielt, haben sie die Nase gegenüber Darmstadt, Augsburg und Frankfurt vorne. Von diesen drei Konkurrenten konnte nur Darmstadt zu Hause gegen Stuttgart einen Punkt ergattern, Augsburg verlor gegen Mainz und Frankfurt 1:0 in München, und das auch nur, weil Ribéry ein Glücksschuss gelang. Schalke hingegen spielte wie ein Absteiger und verlor in Ingolstadt völlig verdient 3:0. Wäre nicht schlecht, wenn diese Form noch ein wenig anhält, denn Schalke ist der nächste Gegner Dortmunds, und ganz so einfach wie es aussieht, wird das Spiel nicht, denn natürlich werden die Schalker im eigenen Stadion versuchen, den BVB auszukontern. Und Dortmund hat dann noch das schwere Spiel gegen Liverpool in den Knochen. Wieder oben mit dabei ist nach drei gewonnenen Spielen Leverkusen, die Wolfsburg mit 3:0 abfertigten. Jetzt kann Real Madrid beruhigt nach Wolfsburg reisen, denn in Barcelona hat Ronaldo und Co. 2:1 gewonnen und deren Serie von 39 Spielen ohne Niederlage beendet. Dabei war Barca überlegen. Als Ramos, der Fußball für eine Kampfsportart hält, endlich rot sah, gelang Ronaldo der Siegtreffer und hält sich jetzt wahrscheinlich wieder für den Besten der Besten. In der Kategorie eitler Trottel ist er es auf jeden Fall.

Roger Willemsen. Notizen über eine verlorene Freundschaft

Im März 1990 las ich in der Konkret einen langen Artikel über Richard von Weizsäcker von einem mir damals unbekannten Autor: Roger Willemsen. Er sezierte die Sprache Richard von Weizsäckers und stellte dabei fest, dass seine Gedanken als profund gelten, aber tatsächlich nur schwer als solche interpretiert werden können, denn der Inhalt ist oft rätselhaft, nichtssagend und aufgeblasen. Weizsäcker verbringt, wie Willemsen schrieb, »sein Leben mit der Vermehrung rhetorischen Jahresmülls«. Ich war von dem Artikel begeistert, weil da jemand sehr präzise beschrieb, was es mit Richard von Weizsäcker auf sich hatte, der bis in die Linke hinein seit seiner nicht anders als salbungsvoll – rhetorischer Jahresmüll eben – zu bezeichnenden Rede 1985 zum 40. Jahrestages der Beendigung des Krieges großes Ansehen genoss. Und weil ich mich noch gut daran erinnerte, dass Weizsäcker als Bürgermeister Berlins den Rechtsradikalen Lummer zum Innensenator ernannt hatte, um die besetzten Häuser räumen zu lassen, war ich gleich noch mehr angetan von der ebenso vehementen wie eleganten Kritik, die dem Schaumsprachler Weizsäcker den Stecker zog, so dass von seiner Glaubwürdigkeit, mit der er wie niemand sonst das »andere, das gute Deutschland« repräsentierte, wenig ansehnliches zurückblieb.
Also setzte ich mich gleich mit Willemsen in Verbindung und schrieb ihm, dass ich gerne ein Buch von ihm machen würde, am besten eine verlängerte Fassung seines Artikels über Weizsäcker. Stattdessen machte er mir einen Gegenvorschlag: »Mir schwebt ein Buch vor mit dem Arbeitstitel ›Die guten Deutschen‹, darunter sollten sich versammeln etwa zehn Porträts der exponiertesten, widerlichsten und geistig-moralisch repräsentativsten deutschen Köpfe, und zwar so, daß, nähme man alle Einzelporträts zusammen, das Buch Deutschland in unterschiedlichen Perspektiven erhellte. Wohlgemerkt ein Deutschland-Porträt in polemischen Verrissen, in Substanz und Tonlage dem Weizsäcker-Text verwandt. Gedacht hatte ich neben R.v.W. unter anderem an: Franz Alt, Johannes Gross, Luise Rinser, Kroetz, Albertz, Cohn-Bendit, Wallraff, Höhler. Vielleicht auch Alice Schwarzer oder Ede Zimmermann, jedenfalls an Leute von diesem Kaliber.« Willemsen hatte für Radio Bremen zu den sechs erstgenannten jeweils eine Halbstundensendung gemacht, aber bei Albertz und R.v.W. hatte der Sender Angst, juristisch belangt zu werden, obwohl die Artikel auf Justiziables hin überprüft worden waren, weshalb er absagte, und auch Kiepenheuer »machte keinen Hehl daraus, [dass] ihnen das ›zu heiß‹ sei, das seien doch lauter nette Leute.« Daraufhin ließ Willemsen die Sache auf sich beruhen, und das nicht ohne großes Bedauern, »denn, ehrlich gesagt, die Recherchen für ein solches Buch sind grauenhaft, es ist einfach Drecksarbeit (für den Weizsäcker-Text las ich allein etwa 1500 Seiten Präsidentenreden, das ist mehr als man geistig unangefochten durchsteht).« Aber dann bekam er Post aus Berlin.
Damals lebte Willemsen in London. Er kam nach Berlin und klingelte bei mir. Später sagte er häufig, er hätte seine Zusage zu dem Buch davon abhängig gemacht, ob ich ihm im Moment des Türeaufmachens sympathisch sei oder nicht. Offenbar war ich es, denn herauskamen unter dem Titel »Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland«, ein Porträt Deutschlands, in dem die ganzen »netten Leute«, die er in seiner Liste aufgenommen hatte, natürlich eine Rolle spielten, weil sie dieses Deutschland ja nicht unerheblich repräsentierten, ein Horrorkabinett, und keiner auf dieser Liste hätte in einem »Who‘s who peinlicher Personen« fehlen dürfen.
Als ich unsere Korrespondenz von damals wiederlas, fiel mir eine dreiseitige Replik Willemsens in die Hände, die er auf Broders eigentlich lobende taz-Rezension seines Buches geschrieben und die ich völlig vergessen hatte. »Zunächst mal: habe ganz lahme Schultern davon bekommen, so oft hat er mir drauf geklopft. Auch wenns gut gemeint ist, ich habs nicht gern, und täusche mich auch nie darin, daß der Rezensent vor allem feststellen wird, daß am Ende doch er selbst der Klügere ist. Formulierungen wie: ›Faustregel, der ich hier nur zustimmen kann‹, ›kann ich ihm meinen Respekt nicht versagen‹ (…) oder ›schreiben kann er‹ verraten mir vor allem, welchen Respekt der Rezensent vor sich selber hat. Würde er Adorno auch so rezensieren? ›Schreiben kann er‹? Also ich für meinen Teil lasse mich entmündigen, sobald mir ein einziger dieser Sätze unterläuft.« Willemsens Misstrauen war gut begründet, wenngleich in der Frage, ob Broder Adorno auch in diesem Stil rezensiert hätte, bereits eine kleine Hybris aufschien. Willemsen stellte es mir anheim, seine Überlegungen an Broder weiterzuleiten, mit dem ich gerade zusammen »Liebesgrüße aus Bagdad. Die edlen Seelen der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« herausbrachte. Ich weiß nicht mehr, ob ich es getan habe, aber auch ohne diese Vermittlung waren sich die beiden nie grün.
An der Anthologie »Liebesgrüße aus Bagdad«, in der u.a. »Hitlers Wiedergänger« von Enzensberger enthalten war, beteiligte sich Willemsen nicht, weil er gegen den Einmarsch amerikanischer Truppen im Irak trotz völkerrechtlicher Gründe Einwände hatte, die sich für ihn auch durch die Hysterie der Friedensbewegung nicht relativierten. Auf der Buchvorstellung von »Kopf oder Adler« im Berliner Literaturhaus trat unser Dissens andeutungsweise zu Tage, tat unserer Freundschaft aber keinen Abbruch. Er belieferte viele der in den neunziger Jahren im Verlag erscheinenden Anthologien wie »Das Wörterbuch des Gutmenschen«, und er war regelmäßiger Beiträger des Jahrbuchs »Warum sachlich, wenns auch persönlich geht. Das Who‘s who peinlicher Personen«, auch wenn ich immer ein wenig drängeln musste. Aber das gehört zum Geschäft. Dafür bekam ich dann schöne Faxe wie das vom 18.2.94: »Du fragst mich nach meinen guten Nachrichten für Dich. Ja, ist das nichts, dieses in geradezu metaphysischer Anhänglichkeit an Dich und Treue zu Dir dahinziselierte ›FR-Manuskript‹ [?], mit dem sich die Summe meiner publizistischen Feinde wieder einmal vergrößert? Alles, weil ich damals an Deiner Berliner Haustür nicht rechtzeitig den Schwefeldampf gerochen habe, der von Dir, wie von jedem Teufel, aufsteigt.«
Ich weiß nicht, inwieweit »Kopf oder Adler« dazu beigetragen hat, dass Willemsens Karriere als Autor nun ziemlich schnell Fahrt aufnahm. Bei Redakteuren, die früher bei seinen Texten kalte Füße bekamen, hatte er jetzt carte blanche. Der Spiegel veröffentliche Willemsens Verriss des neuesten Buches von Johannes Gross und auch das Zeit-Magazin öffnete ihm seine Seiten. Das hielt ihn nicht davon ab, sich spöttisch über seine Auftraggeber zu äußern. Wunderbar seine Sottise über die Zeit: »Die Zeit ist ein wohlerzogenes Blatt und liebt die freie Meinungsäußerung, aber vornehmlich bei Meinungen, für deren Äußerung man keine braucht. Nur die Rechtsradikalen müssen vor ihr wirklich Angst haben. Denen werden hier nämlich derart die Leviten gelesen! Wenn die ihre Wochenration Theo Sommer hinter sich haben, dann kriegen sie vor Unrechtsbewußtsein keinen Molotow mehr hoch.«
Das war zu scharf und zu intelligent, um jemals massenkompatibel zu sein. Als seine Essays und Polemiken 1999 bei Tiamat unter dem Titel »Bild dir meine Meinung« erschienen, war er bereits fernsehbekannt, sein Buch aber profitierte nicht davon. Schon 1990 wurde er vom Bezahlfernsehkanal Premiere für eine tägliche Interview-Sendung entdeckt, denn mit dem Medium hatte er vorher nie etwas zu tun. Später verpflichtete ihn dann das ZDF, nachdem sich in der Medienwelt herumgesprochen hatte, was für eloquente und brillante Interviews er führte. Die waren dem ZDF dann aber doch zu eloquent und brillant, weshalb er immer wieder Ärger bekam, weil er Politikern zu sehr auf den Zahn fühlte, bis er schließlich diese Spezies nicht mehr einladen durfte. Legendär war sein Interview mit Helmut Markwort, den er mit seiner Vergangenheit als Pornofilm-Darsteller konfrontierte und den er mit seinen Ausreden und Beschönigungen nicht davonkommen ließ. Willemsen wollte sich mit politischen Gegnern streiten und sie nicht bauchpinseln. Und er hatte die Mittel dazu, denn er war umfassend gebildet, hatte ein unglaubliches Wissen gespeichert, das er jederzeit abrufen konnte, war rhetorisch allem gewachsen und schnell und präzise im Denken.
Da ich dem Medium Fernsehen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe, war ich von dem etwas schlichten Gedanken überzeugt »Fernsehen verdirbt den Charakter«, in jedem Fall aber glaubte ich, dass Willemsen seine großartigen Fähigkeiten als Autor im Fernsehen vergeudete, und zumindest als er einmal eine (oder vielleicht auch mehrere?) große Galashows moderierte und Gerhard Schröders Karriere vor und nach der Wahl wie eine Homestory dokumentierte, sich ihm »einfühlsam« näherte, war dieser Gedanke ja auch nicht völlig abwegig, denn er begab sich in die Nähe von Leuten, die für ihn früher höchstens als Gegenstand der Polemik taugten. Er wurde durch das Fernsehen noch narzistischer und eitler als man es als Autor und TV-Moderator sowieso sein muss, was mich damals sehr befremdete, mehr als heute.
Als er mich 1998 auf der Buchmesse an meinem Stand besuchte, weil wir das geplante Buch »Bild dir meine Meinung« besprechen wollten, gingen wir ein wenig durch die Hallen. Er wurde dann sehr schnell von einer jungen Frau angesprochen, die er überschwänglich begrüßte und mit der er sich den Rest unseres Spaziergangs unterhielt. Eine alte Freundin, dachte ich, aber dann stellte sich heraus, dass Willemsen sie gar nicht kannte. Die Empathie, mit der er Menschen begegnete, war erstaunlich, gleichzeitig aber auch etwas beliebig und – diesem unangenehmen Gefühl konnte man sich nicht so richtig entziehen –auch etwas routiniert, denn wenn man vielen auf so emphatische Weise begegnet, entwickelt man eine Verhaltenstechnik, die die Empathie nur als solche erscheinen lässt. Als Gegenüber weiß man dann nie, ob die Empathie, die einem entgegengebracht wird, echt oder einfach nur eine launische Übertreibung ist, und man beginnt zu zweifeln, ob der andere sich selbst darüber im Klaren ist. Zudem weckt die ständig zur Schau getragene Begeisterung Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden, denn niemand kann sie in dem Ausmaß erfüllen, wie sie geweckt wurden.
Letztlich lässt sich das schwer beurteilen, aber trotz der leichten Vorbehalte, die ich ihm gegenüber hatte, nahm sich Willemsen die Zeit, 1999 auf meinem 20-jährigen Verlagsjubiläum eine Eloge auf den Verlag und den Verleger zu halten. Leider gibt es davon kein Ton-Dokument, nur ein Foto, denn außer, dass er mich über den grünen Klee lobte, habe ich keine Erinnerung mehr an irgendeinen konkreten Inhalt der Rede, die er vermutlich aus dem Ärmel schüttelte und die lobend, aber dennoch nicht platt war, so dass man ihr gar nicht anders folgen konnte als mit einem gewissen Stolz, auch wenn ich sie damals leider an mir vorbeirauschen ließ. Immerhin versuchte ich einigermaßen erfolgreich, mich nicht für den zu halten, den Willemsen aus mir zu machen versuchte.
Auch wenn wir uns danach noch ein paarmal trafen, trat eine zunehmende Entfremdung ein, weil unsere Positionen in politischen Fragen auseinanderdrifteten, und das nicht nur im Irak-Krieg, sondern auch bei der Wiedervereinigung, bei der er dazu neigte, die kleinen Leute zu idealisieren und sich für das zu begeistern, was noch nicht vom Westen modernisiert worden war. Das ist vielleicht unfair, weil er in seinem bereits 1990 entstandenen Beitrag für das dann 1993 entstandene Buch »Der rasende Mob. Die Ossis zwischen Selbstmitleid und Barbarei« natürlich noch nicht die Ausländerfeindlichkeit in Rostock und Lichtenhagen ahnen konnte, aber die Romantik, die er zwar ausdrücklich daraus nicht gewinnen wollte, die aber trotzdem fühlbar war, wenn er der »Abwesenheit von Luxus« in der DDR nachtrauerte, in einer Umgebung, »in der Produkte schlicht ihre Zwecke erfüllen«, was »zwangsläufig Erleichterung auslöst vom Terror des Konsums«, hat etwas merkwürdig rückwärts Gewandtes, weil er etwas erhalten will, was nur für den touristischen Blick erhaltenswert erscheint, für den Außenstehenden, der die aus der Not geborene Schlichtheit als pittoresk empfindet, nicht aber für Leute, die den Mangel einfach satt hatten und sich dem Terror des Konsums nur zu gerne unterzogen haben und zwar von Anfang an, auch wenn es nicht sehr schön anzusehen war, weil freiwillige Unterwerfung nie schön anzusehen ist.
Heute sehe ich die Differenzen differenzierter, ich kann seine Motive besser nachvollziehen, aber was ich weder damals noch heute verstehe, war seine Begeisterung für Arafat, mit dem er einmal ein Interview geführt hatte, das ich mich scheute anzusehen. Arafat aber war immer einfach nur ein korrupter und israelhassender Politiker. Für diese Erkenntnis ist es manchmal besser, nicht mit demjenigen gesprochen zu haben, genausowenig wie ich mit einem Nazi gesprochen haben muss, um zu wissen, dass mich seine Vorstellungswelt nicht interessiert. Oder, um mit Wolfgang Pohrt zu sprechen, man muss nicht an jeder Mülltonne schnuppern, um zu wissen, dass sie stinkt. Aber solche unterschiedlichen Anschauungen haben wir nicht diskutiert, schon aus Mangel an Gelegenheiten, dennoch wussten wir um die Unterschiede. Nicht en detail, aber es war klar, dass ich mit Autoren zu tun hatte (Pohrt, Geisel, Broder) und mich in einem Milieu (Konkret, für die ich damals regelmäßig schrieb) aufhielt, das ihn nicht besonders schätzte (später dann auch heftig kritisierte), und umgekehrt war es vermutlich auch nicht anders, obwohl ich das nicht beurteilen kann. Aber solche Dinge wie sein grandioser Totalverriss Helmuth Karaseks und sein natürlich tadesloses und geschmeidiges Auftreten im Literarischen Quartett war etwas, das ich zwar bewunderte, das aber auch seine Integration im Kulturbetrieb dokumentierte, dem er immer weniger mit beißendem Spott und immer mehr mit kritischer Teilnahme begegnete.
Viele seiner Fernsehsendungen und -Auftritten bekam ich allerdings gar nicht mit, nicht nur, weil sie mich nicht wirklich brennend interessierten, sondern weil ich sie nicht mitbekommen wollte. Ich wollte nicht etwas ansehen müssen, was ich womöglich schlecht oder auch einfach nur beliebig gefunden hätte. Und mit großer Sicherheit wäre das der Fall gewesen, hätte ich den Willemsen, den ich wegen seiner scharfen Polemiken schätzte, nicht mit dem Willemsen zusammengebracht, der im Fernsehen Promis moderierte. Seine Faxe enthielten nur noch Grüße und Entschuldigungen, weil er noch zwei Bücher schreiben müsse oder gerade wieder unterwegs sei oder sonstigen Verpflichtungen nachkommen müsse. Das ist nichts außergewöhnliches bei jemanden, der eben viel zu tun hat, aber es wurde auch deutlich, dass er andere Prioritäten setzte, die mit dem, was er einmal gemacht hatte, nicht mehr viel zu tun hatte.
Als ich ihn schließlich zum letzten Mal vor ein paar Jahren auf dem Empfang des Fischer Verlages sah, standen wir nur wenige Meter voneinander entfernt. Er war umringt von wie ich vermutete Praktikantinnen des Fischer-Verlages, die ihn, wie man deutlich sehen konnte, anhimmelten. Plötzlich waren wir füreinander zwei völlig Fremde, und ich habe nie herausgefunden, warum es so war, denn es gab nie ein richtiges Zerwürfnis, höchstens die eine oder andere Vermutung, die nun endgültig sinnlos geworden ist.
Ich hörte von seinem Tod im Radio und war überrascht, denn ich hatte nichts von seiner Krebserkrankung und seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben mitbekommen. Der Rundfunk strahlte ein längeres Interview aus, dass er kurz vor seinem 60. Geburtstag gegeben hatte. Er trat dafür ein, dass man sich der Zerstreuungsmaschinerie durch Internet und Facebook entziehen sollte, und wenn man etwas macht, sich vollkommen darauf einzulassen und zu konzentrieren. Ein guter Gedanke, den er auch gleich konkretisierte, indem er sinngemäß sagte, dass, wenn man sich nicht ganz und gar auf diese Situation einlasse, die ihm die Einladung und das Privileg beschert habe, sich in der Öffentlichkeit zu äußern, nicht nur jeder Augenblick, den er mit dem Interviewer das Glück habe verbringen zu dürfen, vollkommen verloren sei, sondern das ganze Leben. In einem weiteren Interview, das am gleich Tag lief, hörte ich den selben Gedankengang fast gleichlautend noch einmal.
Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, sich in unterschiedlichen Interviews zu wiederholen und dabei die gleiche Wortwahl zu benutzen, aber im Ohr bleibt ein leichter Misston, der befremdlich wirkt und misstrauisch macht, nicht weil sein Denken so radikal wäre, sondern weil die Weltsicht, die Willemsen präsentiert und die er für sich reklamiert, so exklusiv und fast schon religiös ist. Die unheilvolle Rede vom Verlust des ganzen Lebens ist eigentlich nur ein Gedankenspiel, denn im Alltag des Menschen erscheint diese Konsequenz lächerlich, aber Willemsen gibt damit allen zu verstehen, dass dem formulierten Anspruch niemand besser gerecht wird als der Autor selbst. Die Kritik, die er einmal an Broder formuliert hatte, ließe sich auch auf ihn anwenden.
Seine politische Einstellung war im linken Milieu common sense, wenngleich dieses Milieu ihn nicht wirklich zu schätzen wusste, weil er sie zu elegant und zu wenig schablonenhaft formulierte. Gleichzeitig aber war er nicht wirklich analytisch, seine Überlegungen waren oft zu glatt, und ihre Oberflächlichkeit verbarg sich häufig hinter beeindruckenden Wortgirlanden, die mit Bildungswissen geschmückt Bedeutung simulierten. Und das kann auch gar nicht anders sein, denn wer in vielleicht 40 Schaffensjahren über 50 Bücher schreibt oder herausgibt, kann kaum den Ansprüchen gerecht geworden sein, die sich Willemsen vermutlich selbst gestellt hat.
Jenseits von dieser möglicherweise kleinlichen Kritik, war an Willemsen bewundernswert, wie er durch die Welt gerast ist, um alles zu sehen und alles zu hören, alles aufzusaugen und alles kennenzulernen. Keine Tür scheint ihm dabei verschlossen geblieben zu sein und bei keinem Menschen schien er Berührungsängste zu haben. Wenn sich seine unglaubliche Neugier auf etwas richtete, dann versuchte er den Gegenstand wirklich zu durchdringen. Er hat sich dabei nie nur auf eine Tätigkeit beschränkt. Als Buchautor und Journalist wurde er Talkmaster, er gründete seine eigene Produktionsfirma und löste sie wieder auf, er verabschiedete sich vom Fernsehen, reiste in der Welt umher, besah sich ihr Elend und schrieb Bestseller darüber.
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann, schrieb Picabia einmal. Willemsen hat davon viel Gebrauch gemacht, weil er immer wissen wollte, was die Welt und die Menschen umtrieb. Und diese Eigenschaft ist nicht die schlechteste.

Das Kriegsspiel. Über die Repräsentation des Kriegs und die Dialektik aller Konflikte

Ursprünglich war es als Spiel konzipiert, dann aber wurde es Kunst. Als »Le ›Jeu de la Guerre‹« von Guy Debord und Alice Becker-Ho, das nun auch auf deutsch unter dem Titel »Kriegsspiel« vorliegt, 1987 in Frankreich erschien, da trug es den Untertitel »Geländeskizzen der aufeinander folgenden Positionen der gesamten Streitkräfte im Laufe einer Partie«, die Debord mit seiner Frau Alice Becker-Ho gespielt hat. Die Partie dauerte ungefähr zwei Stunden und es fanden 110 Spielzüge statt, die alle mit einem Kommentar versehen dokumentiert wurden. Als Spielanleitung taugt so etwas nicht wirklich. Und auch die mehr als 20 Seiten umfassende Erläuterung der Spielregeln lässt sich nicht ohne Probleme anwenden. Becker-Ho räumt in einer Neuauflage des Buches Fehler ein, und auch der deutsche Übersetzer Ronald Voullié, der den nicht einfachen Stoff hervorragend gemeistert hat, entdeckte noch regelwidrige Züge. Und wenn schließlich bei Debord zu lesen ist, dass das »Kriegsspiel« »den Gesetzen der Theorie von Clausewitz« folgt, also »auf dem Modell des klassischen Krieges des 18. Jahrhunderts« beruht, »erweitert um die Kriege der Französischen Revolution und des französischen Kaiserreichs«, dann liegt die Vermutung, dass das Spiel einer gewissen Vorbereitung bedarf, doch ziemlich nahe, denn Debord gibt zu verstehen, dass man nicht nur Clausewitz, sondern auch Jomini und Sun Tse gelesen haben sollte. In England kam das »Kriegsspiel« mit Spielbrett, Infanterie, Kavallerie und Artillerie heraus, aber selbst in Frankreich ging niemand davon aus, dass Leute sich der Mühe unterziehen würden, das Kriegsspiel zu erlernen.
Mitte der fünfziger Jahre hat sich Debord das »Kriegsspiel« ausgedacht. 1965 meldete er es als Patent an und 1977 gründete Debord mit seinem damaligen Freund und Verleger Gérard Lebovici eine Firma, die die Produktion, Publikation und Verwertung des Spiels vorantreiben sollte. Ein Kunsthandwerker stellte vier oder fünf Exemplare des Kriegsspiels mit ziselierten Figuren aus versilberten Kupfer her. Ein Exemplar wurde dann 2013 in der großen Ausstellung des Nachlasses von Debord in der Bibliothèque nationale gezeigt.
Dieses Spiel hat Debord sein Leben lang nicht losgelassen. Nicht nur erschienen auf sein Betreiben hin im Verlag Champ Libre viele Bücher von Kriegstheoretikern, Debords intensive Beschäftigung mit diesem Thema schlägt sich auch in seinem theoretischen Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels« nieder und ging soweit, dass er seine Rolle während des Mai 68 als Protagonist der Situationistischen Internationale in Begriffen der Kriegsführung dachte, wie in seiner filmischen Rückschau »In girum imus nocte et consumimur igni« deutlich wird, wenn er davon spricht, »mehr oder weniger starke Einheiten im richtigen Moment ins Gefecht zu werfen« und als Illustration Ausschnitte aus Filmen über den amerikanischen Sezessionskrieg, eine in Formation reitende Kavallerie, Eisensteins »Panzerkreuzer Potemkin« und das »Kriegsspiel« selbst gezeigt werden.
Auf das »Kriegsspiel«, so Debord nicht ohne Stolz, trifft zu, was Marco Girolamo 1529 über Schach gesagt hat: »Ludimus effigiem belli« – was wir hier spielen, ist eine Repräsentation des Krieges. Diese Repräsentation bringt jedoch Einschränkungen mit sich, denn einige Faktoren, die im Krieg eine entscheidende Rolle spielen, können im »Kriegsspiel« nur »unzureichend abgebildet« werden, wie Debord schreibt, weder der Zufall lässt sich darstellen, noch die klimatischen Bedingungen und die Moral oder die Erschöpfung der Truppen. Dennoch ist Debord überzeugt, dass das »Kriegsspiel« »exakt sämtliche Faktoren, die im Krieg eine Rolle spielen, und noch allgemeiner: die Dialektik aller Konflikte reproduziert«.
Um das bestätigt zu finden, muss man sich auf ein Wagnis einlassen, das nichts mit der bei Brettspielen intendierten Zerstreuung zu tun hat, sondern ein wirkliches Interesse voraussetzt, aber Debord ist ja auch nicht dafür bekannt, dass er es einem dabei hätte leicht machen wollen. Ein wunderbar sperriges Werk, das den Charme der Unnahbarkeit versprüht.

Die Wahrheit über den 27. Spieltag

Im Abstiegskampf wird es jetzt noch einmal spannend. Frankfurts Eintracht gewinnt gegen den direkten Konkurrenten Hannover durch ein Abseitstor mit 1:0, das erste Tor Ben-Hatiras, der von Hertha eingekauft wurde. Ein Tor ist nicht viel für einen Stürmer, aber immerhin war es ein entscheidendes, denn jetzt liegt die Eintracht zehn Punkte vor Schlusslicht Hannover. Und trotzdem ist Frankfurt vom Relegationsplatz auf Platz 17 gerutscht, weil Hoffenheim mit 3:1 in Hamburg gewonnen hat und nun mit dem besseren Torverhältnis einen Platz gut gemacht hat. Jetzt kommt sogar der HSV mit 31 Punkten wieder ins trudeln, denn die Darmstädter, Bremer und Augsburger stehen dicht dahinter. In Hamburg spielte Schiedsrichter Knut Kircher die Hauptrolle, denn statt rot gab er nur gelb für Rene Adler, der Volland im Strafraum umriss und damit ein Tor verhinderte. Die Hamburger waren zwar überlegen, aber schafften es einfach nicht, ihre Chancen zu verwerten. Erst Kircher musste ihnen zu Hilfe eilen und ihnen einen Elfer schenken für ein Handspiel, das gar keins war. Hoffenheim hingegen konterte, und das nicht schlecht. Hoffenheim ist also im Aufwind und kann im nächsten Spiel gegen Köln die Abstiegsplätze verlassen. Am gefährdetsten ist die Eintracht mit ihrem neuen Trainer Kovac, der offenbar so überhaupt nicht in der Lage ist, Aufbruchsstimmung zu verbreiten, geschweige denn, eine Handschrift erkennen zu lassen. Auch für Bremen wird es schwer, aber immerhin gelingt ihnen hin und wieder auch ein tolles Spiel und immerhin haben sie es bis ins Pokalhalbfinale geschafft. Gegen Mainz taten sie sich wieder schwer und schafften mit Müh und Not ein 1:1. Überschattet wurde das Spiel durch den Bremer Abwehrspieler Papy Djilobodji, der nach einem Zweikampf mit Pablo De Blasis, dem er ins Gesicht griff und der daraufhin Strafstoß reklamierte, die Kopf-ab-Geste zeigte. Nicht schön und zeigt natürlich auch die Verrohung des Fußballs in den unteren Regionen, wenn vom Verein und Trainer jedes Mittel legitimiert wird, um weiter in der ersten Liga zu spielen und die Fernsehgelder zu kassieren. Hertha ergaunerte sich mit einem irregulären Treffer gegen Ingolstadt, dem ein klares Foul vorausging und das der Schiedsrichter nicht pfiff, obwohl er direkt daneben stand, drei Punkte und bleibt auf Platz drei. Direkt hinter ihnen befindet sich jetzt Schalke, weil die in einem vollkommen absurden Spiel gegen Gladbach 2:1 gewannen, denn Schalke spielte grottenschlecht, aber Gladbach vergab eine Chance nach der anderen und verhalf den Schalkern mit einem Eigentor, das als eines der kuriosesten Tore der Fußballgeschichte eingehen wird, zum Sieg. Und auch der CL-Viertelfinalist Wolfsburg blamierte sich mit einem 1:1 zu Hause gegen Darmstadt, woran man sieht, dass die CL- und Euroleague-Anwärter nicht viel zu bieten haben und sich die Punkte erzittern oder sie glücklichen Umständen oder den Schiedsrichtern verdanken. Und bei Bayern wird Götze nicht einmal mehr für die B-Elf nominiert. Nach dem geschenkten Weiterkommen in der CL gegen Juve dank des Schiedsrichters, der ein Tor wegen angeblicher Abseitsstellung aberkannte, gewann Bayern in einem sogenannten »dreckigen Spiel« gegen zum Ende hin immer stärker werdende Kölner 1:0. Das war den Dortmundern in einer ähnlichen Situation nicht gelungen, als sie in Köln am Ende noch zwei Tore kassierten und verloren. Und das ist der Unterschied.

Die Wahrheit über BVB gegen Mainz

Ein eigenartiger, aber auch berührender Abend. Und danach wusste ich wieder einmal, warum ich BVB-Fan bin. Im Spiel des BVB vor heimischer Kulisse gegen Mainz, die zuletzt gegen fast alle CL-Anwärter gewonnen hatten (Gladbach, Schalke, Leverkusen und Bayern), gingen die Dortmunder sofort ein hohes Tempo und hielten die Mainzer in einer Weise in Schach, wie das nicht zu erwarten war, vor allem, weil der BVB einige englische Wochen hinter sich hatte. In der zweiten Halbzeit wurde es dann merkwürdig still im Stadion. Ein BVB-Fan war an einem Herzinfarkt gestorben, einen weiterer musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Fans rollten ihre Transparente ein und schwiegen. Schiedsrichter Aytekin fragte Reus, was sie angestellt hätten, weil die Südtribüne nicht zu hören war. Und als Kagawa das beruhigende 2:0 schoss, verzichtete man auf die obligatorische Tor-Musik. Und dann begann das ganze Stadion in 88. Minute »You never walk alone« zu singen. Selbst die Mainzer Fans. Auch wenn man das, wenn man tot ist, natürlich nicht mehr miterlebt, aber einen schöneren Abgang kann man sich kaum vorstellen. Als nach dem pünktlich abgepfiffenen Spiel alle wussten, was los war, standen die Dortmunder und Mainzer Spieler vor der Südtribüne, während das »You never walk alone« langsam verklang. In Hannover hingegen, wo die Heimmannschaft gut gespielt, aber trotzdem verloren hatte, drohten die Fans den Spielern, sie »abzustechen« und einen Kopf kürzer zu machen. Und einer hatte einen Strick dabei, an dem er die Spieler gerne baumeln sehen würde.